RZB-Chef Walter Rothensteiner sieht nicht ein, warum Raiffeisen für eine Krise zahlen soll, die man nicht verursacht hat. Den Kampf gegen das Bargeld nennt er kurios, Negativzinsen dürfe es nicht geben.
Die Presse: Wie viel Bargeld haben Sie eigentlich in der Regel bei sich?
Walter Rothensteiner: 300 bis 400 Euro.
Am Beispiel Griechenland sieht man derzeit ja, dass es gar nicht so schlecht ist, über ausreichend Bargeld zu verfügen. Ist die derzeitige Politik, das Bargeld zurückzudrängen, ein Fehler?
Ich halte das für kurios. Jetzt haben wir hierzulande 5000 Bankomaten stehen, damit die Menschen immer zu Bargeld kommen. Und plötzlich reden wir darüber, ob wir das Bargeld nicht mehr brauchen. Mich stört vor allem die Unterstellung, dass Bargeldzahlungen gleich die Anrüchigkeit von Schwarzgeld bekommen. Ich will 15 Euro einfach nicht mit der Kreditkarte bezahlen müssen.
In der Diskussion werden die Banken als Profiteure von weniger Bargeld genannt, weil das Transaktionskosten senke.
Wir sind auch an Kreditkartenfirmen beteiligt, und es ist klar, dass sie mehr Umsatz machen, wenn es weniger Bargeld gibt. Das wir uns aber Millionen ersparen würden, wenn es kein Bargeld mehr gäbe, das sehe ich nicht. Wir müssten vielmehr all unsere Bankomaten entsorgen.
Wäre eine Welt ohne Bargeld für Sie vorstellbar?
Eigentlich nicht. Aber es ist schon vieles gekommen, das einst nicht vorstellbar war.
Bargeld wird ja nicht nur fürs tägliche Leben gebraucht. Laut Ökonomen wäre es auch eine Fluchtmöglichkeit, um Negativzinsen zu entkommen.
Ich bin der Meinung, Negativzinsen darf es weder auf dem Sparbuch noch beim Kredit geben. Damit würden wir ja das gesamte System infrage stellen. Wenn der Kunde mir Geld bringt, und ich sage ihm, er müsse mir noch etwas zahlen, damit er es mir geben darf – das ist ja an der Grenze zur Skurrilität.
In Deutschland ist das für große Guthaben teilweise aber schon die Realität.
Bei uns gibt es das nicht. Und wenn mich jemand fragt, bin ich dagegen, dass wir es einführen. Das würde die Kundenbindung sukzessive ruinieren. Allerdings darf man eines nicht vergessen: Wenn der Kunde das Geld bar abhebt und in einen Safe legt, dann kostet dieser Safe auch Gebühren. Irgendetwas kostet immer. Negativzinsen sind trotzdem kein Thema. Auch, weil die derzeitige Zinssituation nicht ewig so bleiben wird.
Ex-US-Finanzminister Larry Summers meint, dass der reale Zins schon seit Mitte der Nullerjahre negativ sei und lang so bleiben wird. Irren Ökonomen wie er?
Wir haben schon Herrn Krugman überlebt (US-Ökonom Paul Krugman, der 2009 für Österreich die Staatspleite aufgrund der Probleme der Banken im Osten prognostizierte; Anm.). Wir werden wohl auch Herrn Summers überleben. Schauen Sie einmal nach Osteuropa: Dort haben wir das Thema nirgendwo. Im Westen ist die schwache Konjunktur der Grund für das Zinsniveau. Und irgendwann wird wieder investiert werden.
Wann könnte das kommen?
Da gebe ich keine Prognosen ab. Aber die Erfahrung sagt, dass es kommen muss. Ich kann ein älteres Auto vielleicht noch drei Jahre länger fahren. Zehn Jahre länger geht aber nur in den seltensten Fällen.
Aber selbst ohne Negativzinsen: Kann beim derzeitigen niedrigen Zinsniveau das Geschäftsmodell der Banken noch funktionieren?
Im Vergleich zu Osteuropa sind die Spannen sehr gering. Glücklich ist also nach wie vor, wer im Ausland tätig ist. In Österreich werden die Banken danach trachten, vor allem Geschäfte zu machen, bei denen Gebühren anfallen, wie beim Verkauf von Vorsorgeprodukten oder Lebensversicherungen.
Kann man sieben Jahre nach der Finanzkrise wieder Börsenprodukte verkaufen?
Der Österreicher hat noch nie viele Börsenprodukte gekauft. Es ist mühsam, und man hat viel Erklärungsbedarf. Aber mit gut konzipierten Fonds beispielsweise kann man trotzdem ein gutes Geschäft machen.
Sie meinten zuvor, glücklich seien jene, die im Ausland tätig sind. Bisher lebte der Raiffeisensektor quasi von der Raiffeisen Bank International. Seitdem es dort Verluste gibt, gibt es sie auch bei der RZB oder manchen Landesbanken.
Da muss man die Kirche schon im Dorf lassen. In 25 Jahren Osteuropa sind nur ein Mal, im Jahr 2014, 500 Mio. Euro Verlust entstanden. Und das durch drei Ereignisse, die wir nicht beeinflussen konnten: die Rubel-Abwertung, den Krieg in der Ukraine und die Eskapaden des ungarischen Premiers Orbán. Der Raiffeisensektor hat in den vergangenen Jahren von der RZB jährlich rund 200 Mio. an Dividenden erhalten. Die Gewinne waren dort in Summe höher. Es ist also nicht so, dass man nun am Hungertuch nagt. Die Raiffeisenkassen sind gesund und verdienen gutes Geld. Aber es ist abzusehen, dass die Kostenseite nicht zuletzt wegen der regulatorischen Vorgaben grimmiger wird und die Ertragsseite nicht automatisch steigt.
Muss sich bei Raiffeisen also strukturell etwas ändern?
Da kommt immer die Aussage, dass die Dreistufigkeit (Primärbanken, Landesbanken, RZB, Anm.) zu teuer sei. Das ist sie nicht. Die Landesbanken sind ja auch nicht irgendwelche Großfilialen, sondern haben eine andere Bedeutung. Daher werden wir sie sicher nicht aufgeben. Man muss aber darauf achten, dass man Dinge, die man gemeinsam machen kann, auch gemeinsam macht. Nicht zuletzt deshalb, weil die Regulierung uns ständig neue Verwaltungsarbeiten ohne direkten Kundennutzen aufbürdet.
Bei den Banken gibt es zunehmend Unmut über die Regulierung. In der Bevölkerung ist man aber nach wie vor über die Rolle verärgert, die Banken vor und in der Krise gespielt haben.
Das verstehe ich – international gesehen. In Österreich ist bei den Banken aber überhaupt nichts passiert.
Dank staatlichen Partizipationskapitals.
Ja. Aber das haben wir hoch verzinst zurückgezahlt. Der Staat hat gut daran verdient. Noch einmal: In Österreich ist bei den Banken nichts passiert.
Bis auf Hypo, ÖVAG, Kommunalkredit.
Auch dort ist keinem Kunden ein Schaden entstanden.
Aber den Staat hat es Milliarden gekostet.
Die Hypo lasse ich als Argument nicht gelten. Was dort passiert ist, hat mit einer normalen Bank nichts mehr zu tun. Mir geht es darum, dass weder die Sparkassen noch Raiffeisen einen Schaden verursacht hat. Trotzdem sollen wir jetzt für alles zahlen. Weil man sagt, dass die Banken an allem schuld seien. Österreichs Banken zahlen pro Jahr 650 Mio. an Bankensteuern. Im zehnmal größeren Deutschland zahlen die Banken zweckgebunden 520 Mio. Und wenn irgendeine englische Bank horrende Boni zahlt, wird das uns zum Vorwurf gemacht.
Boni gibt es aber auch bei Raiffeisen.
Für das Jahr 2014 hat es keine gegeben. Und Boni sind an sich auch eine gescheite Sache. Es stimmt nämlich nicht, dass jemand weniger Risiko eingeht, wenn er lediglich ein Fixgehalt erhält. Bonus ist zuletzt aber ein Reizwort geworden.
Ist das Ansehen des Bankers seit der Krise stark in Verruf?
Auf der Liste der erwünschten Schwiegersöhne kommen wir nicht mehr sehr weit oben vor. Aber zur Hochzeit der Krise war es schlimmer.
ZUR PERSON
Walter Rothensteiner (geboren am 7. März 1953) heuerte 1975 bei Raiffeisen an. Seit dem Jahr 1995 ist er Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen-Zentralbank (RZB), des Spitzeninstituts der Gruppe. Im Jahr 2012 folgte er auch Christian Konrad in der Funktion des Generalanwalts, des obersten Sprechers im Raiffeisen-Verband. Zudem ist Rothensteiner Mitglied im Generalrat der Österreichischen Nationalbank.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2015)