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Swipen, Pop-up und Taschen für das Handy

Sabrina Tanner und Anja Herbig von Urban Tool.
Sabrina Tanner und Anja Herbig von Urban Tool.(c) Valerie Voithofer
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Nextsalesroom will mit Pop-up-Stores und einer Plattform leer stehende Geschäftslokale füllen. Urban Tool rüstet eine urbane Klientel mit körpernahen Taschen für das IT-Equipment aus.

Der Handel ist eine der Branchen, die durch das Internet einerseits und die Wirtschaftskrise andererseits gehörig auf den Kopf gestellt wurden. Daraus hat sich eine etwas paradoxe Situation entwickelt: Einerseits lechzt die Branche nach neuen, innovativen Geschäftsmodellen, die zum Beispiel die Vernetzung von Onlinehandel und stationärem Geschäfte elegant lösen. Andererseits sind viele etablierte Unternehmen vorsichtig mit Investitionen und setzen lieber noch auf Altbewährtes, anstatt wirklich neue Wege einzuschlagen.

Das Ausprobieren und Tüfteln an neuen, spannenden Konzepten überlassen sie lieber den Start-ups. Und diese lassen sich das nicht zweimal sagen. Nextsalesroom zum Beispiel verknüpft ein strukturelles Problem des physischen Handels, leer stehende Geschäftslokalen in Einkaufsstraße und Shoppingcenter, mit einem immer mehr um sich greifenden Trend: den Pop-up-Stores. Auf der Onlineplattform können Eigentümer von Geschäftslokalen ihre Flächen inserieren, Handelsunternehmen können das verfügbare Angebot abrufen. Ein Pop-up-Store ist ein Geschäft, das nur für einen begrenzten Zeitraum existiert, der von ein paar Tagen bis zu einigen Monaten reichen kann. Gerade weil der Handel momentan an der Verquickung zwischen Online und Offline arbeitet, ist das für viele ein attraktives Modell.


Abverkauf per Pop-up. „Unsere Zielgruppen sind Jungunternehmer, die sich bisher keinen eigenen Standort leisten konnten, internationale Marken, die mit Pop-up-Stores ihren Markteintritt in Österreich vorbereiten oder unterstützen wollen, und etablierte Händler, die in Pop-up-Stores ihre Abverkäufe abhalten. Wir merken, dass viele Händler nicht in ihren Standardräumlichkeiten abverkaufen wollen, weil sie Sorge haben, dass sie sich dadurch den Preis zerstören“, fasst Nextsalesroom-Gründer Hannes Baumgartner die Möglichkeiten zusammen. Auch für Stadtentwickler ist das Modell attraktiv, weil zu viele Leerstände die Attraktivität eines Viertels negativ beeinflussen, während es neue Geschäfte aufwerten können. So startet Nextsalesroom im September ein Projekt zur Belebung des Stuwerviertels im zweiten Bezirk. Aber auch schicke Adressen in etablierten Vierteln finden sich auf der Plattform. So sollen sich im siebten Bezirk bald die Selfmade-Handarbeitsplattform Etsy (Neustiftgasse) und der Dessoushersteller F1 (Breite Gasse) temporär ansiedeln. In die Schleifmühlgasse im vierten Bezirk kommt demnächst die Eventagentur Partylive. Zu den bereits erfolgreich realisierten Stores gehören die skandinavische Jeansmarke Carlings und das Modecafé Wunderladen.

Wie wichtig die physische Präsenz für die online-affine, junge Generation von Händlern ist, zeigt auch das Beispiel von Urban Tool. Das Designerteam Anja Herwig und Sabrina Tanner haben mit ihren körpernahen Taschen für IT-Equipment von Smartphone bis Tablet eine echte Marktlücke gefunden. „Die Modeindustrie ist den Wünschen der User da nicht wirklich gefolgt“, sagt Sabrina Tanner. Die Taschen von Urban Tool lassen sich aber schwer zuordnen. „Wir befinden uns irgendwo an der Schnittstelle zwischen Mode, Sport- und Elektrohandel“, sagt Anja Herwig. „Dazu kommt, dass unser Produkt sich nicht von selbst erklärt. Da braucht es geschultes Personal.“


Werkstatt und Shop in einem. Zwei eigene Shops betreibt das Team von Produktdesignerinnen, die sich schon seit dem Studium kennen, in Wien; im 15. Bezirk befindet sich auch das Headquarter. Heißt: vorn der Shop, hinten die Werkstatt, wo die Gründerinnen an neuen Ideen tüfteln. „Der direkte Kontakt zu den Kunden ist wichtig, weil wir so merken, wie unsere Produkte ankommen und wo es eventuell noch Verbesserungsbedarf gibt“, sagt Herwig. „Und wir können auf Sonderwünsche eingehen und reparieren auch.“ Im Direktverkauf setzt Urban Tool etwa zwei Drittel online um, ein Drittel kommt durch die Geschäfte herein. Im Einzelhandel kooperieren die Designerinnen mit einigen ausgesuchten Partnern, vor allem Museums- und Designshops, und halten sich sonst an den Großhandel. Seit 2004, als Urban Tool gegründet wurde, hat sich da einiges getan. „Damals war die Stimmung gegenüber jungen, neuen Marken noch sehr aufgeschlossen, es gab Budget zum Experimentieren“, sagt Tanner. „Jetzt geht der Großhandel auf Nummer sicher. Das Risiko liegt nun mehr bei uns.“ Umso wichtiger sei es heute, mehrere Vertriebsstandbeine zu haben. Internationalisierung war für Urban Tool von Anfang an ein Thema. Weil das Team auf der Ispo in München, der weltgrößten Fachmesse für den Sportartikelhandel, schon im ersten Jahr einen Preis gewonnen hatte, war die internationale Nachfrage da, noch bevor eine Produktion auf die Beine gestellt wurde. Produziert wird in China, das neben Japan und Singapur auch einer der wichtigsten Absatzmärkte ist. „Kunden in Asien sind unseren Produkten gegenüber aufgeschlossener, sie sind ein guter Indikator dafür, wie sich der Markt in Europa entwickeln wird“, sagt Tanner.


Tasche als dritte Hand. Der typische Urban-Tool-Kunde sei männlich und ein Nerd, der gleich mehrere Geräte mit sich herumschleppe. Oder der Sportler, der nicht ohne sein iPhone laufen, radeln und skaten kann. „Viele verlassen ohne unsere Taschen gar nicht mehr das Haus“, sagt Tanner. „Sie sehen sie quasi als Verlängerung ihres Körpers, als dritten Arm.“ Auf die Idee zu Urban Tool sei sie auch deshalb gekommen, weil ihr Mann, einer der Mitgründer, sie darum gebeten hatte, ihm eine Tasche für seinen Nokia Communicator zu schneidern – heute schon ein antiquiertes Stück IT.

Ähnlich branchenübergreifend wie Urban Tool denkt auch Sweazer. Das Start-up will das „Tinder fürs Shopping“ werden und hat sich dazu das Swipen ausgeborgt. Während ein Nutzer der Partnervermittlung-App Tinder mit einem Wisch (Swipe) nach links oder rechts entscheiden kann, ob ihm das Foto einer Person gefällt oder nicht und damit einen Kontakt möglich macht (wenn der andere das Gleiche findet), sieht man auf Sweazer Fotos von Kleidungsstücken und kann sich so seine persönliche Wunschliste zusammenstellen. Die App geht auch auf persönliche Stilvorlieben ein, schlägt nur Sachen vor, die in der richtigen Größe vorrätig sind und informiert auf Wunsch, ob ein interessantes Teil gerade im Sale ist. Auf über eine Million Produkte hat die App bereits Zugriff, große Player wie Zalando und an die 60Designer von Marc O'Polo bis Ralph Lauren sind ebenso an Bord wie kleine Händler. „Wir sehen uns gerade für Händler ohne eigenen Onlineshop, zum Beispiel den stationären Handel in der Wiener Innenstadt, als interessanten Partner“, sagt Johannes Matiasch. Die App wird wird laufend weiterentwickelt, im Herbst – soll ein großes „Click and Collect Feature“ gelauncht werden – das den Usern ermöglicht, online einzukaufen und die Ware im jeweiligen Shop abzuholen. „Wir kommen besonders bei den Jungen ab 15 Jahren gut an,“ sagt Mitgründerin und Marketingexpertin Renata Fourmanova. Österreich ist für das ehrgeizige fünfköpfige Gründerteam nur der Anfang, der Roll-out in Deutschland, Uk und Spanien soll bald folgen. „Spanien ist vor allem als Tor zu Südamerika interessant“, sagt Matiasch. Auch die USA will man mit dem Swipe-Shopping erobern. Der Produktlaunch wurde per Bootstrapping finanziert. Investoren will man erst an Bord holen, wenn der Launch (große Launch-Party ist im Herbst) erfolgreich über die Bühne gegangen ist.

Auch bei Nextsalesroom und Urban Tool dreht sich das Rad immer weiter. So arbeitet Urban Tool derzeit an einer Reisekollektion, die das verpönte Hüfttascherl wieder cool machen soll. Nextsalesroom startet am 26. Juli eine Pop-up-Store-Containertour durch Österreich.

Vernetzt

Nextsalesroom. Die Online-Plattform dient als Schnittstelle zwischen Vermietern von Handelsflächen und Pop-up-Stores. Nextsalesroom.com

Urban Tooldesignt ergonomische Taschen für Smartphones und anderes IT-Equipment. Urbantool.com

Sweazer. Onlineshopping-App mit einer Swipe-Funktion für das schnelle Auswählen von Modeartikeln. Sweazer.com

fakten

70 Prozent der Unternehmen im österreichischen Einzelhandel verfügen über eine eigene Homepage. Aber nur 19 Prozent verkaufen auch online.

600Onlineshops werden pro Jahr eröffnet.

7500 Einzelhandelsunternehmen (Stand 2013) haben einen Onlineshop.

2,9 Mrd. Euro Jahresumsatz hat der österreichische Internet-Einzelhandel 2013 erzielt. Das sind 4,5 Prozent des gesamten Umsatzes im Einzelhandel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2015)