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Kinder-Freibäder: Baden im Relikt des Roten Wien

Den dreijährigen Felix macht das Wasser noch ein wenig skeptisch – aber zum schnellen Abkühlen reicht das kleine Familienbad in Penzing.
Den dreijährigen Felix macht das Wasser noch ein wenig skeptisch – aber zum schnellen Abkühlen reicht das kleine Familienbad in Penzing.Die Presse
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Einst gegründet, um Krankheiten vorzubeugen, gab es in Wien einmal mehr als 30 Kinderfreibäder in Parks. Heute sind es noch zehn – und die Besucher werden nun wieder mehr.

Es ist laut, Kinder schreien vergnügt, laufen, spielen, spritzen mit Wasserpistolen herum, und auf der Liegewiese ist kaum ein Platz frei. Aber das, sagt Martina Salkimis vom Familienbad Reinlgasse in Penzing, sei ja noch nichts. 120Erwachsene (der Eintritt für Kinder ist gratis, sie werden nicht gezählt) hätte sie zuletzt etwa pro Tag gezählt, an richtig starken Tagen vor den Sommerferien waren es schon dreimal so viele.

Die Wiener Familienbäder, so klein, laut und gut besucht sie sein mögen, sind beliebt wie eh und je. Und das, obwohl viele Wiener diese Bäder in Parks noch nie besucht haben. Sind es doch Bäder, die man nur mit einem Kind besuchen kann, Erwachsenen allein ist der Zutritt versagt, für Kinder ist er dafür gratis. Es ist mehr ein Wasserspielplatz, ein Becken für das kurze Abkühlen zwischendurch als ein Schwimmbad, in dem man Längen ziehen könnte. Auch aufgrund der Besucherdichte und der Becken mit unterschiedlicher Tiefe – maximal bis zur Brust steht Erwachsenen hier das Wasser. Zehn solcher Familienbäder, wie die einstigen Kinderfreibäder heute heißen, gibt es noch, seit den 1990er-Jahren erleben sie eine Art Revival.


Ein Bad, um Krankheiten vorzubeugen. Diese Bäder sind ein Erbe des Roten Wien. 1917 wurde das erste Kinderfreibad eröffnet, als Kinder im Hütteldorfer Staubecken des Wienflusses gratis baden durften. Die Kinderfreibäder waren ein Eckpfeiler des damaligen „Bäderkonzepts“. Julius Tandler, Arzt und Politiker, hatte die Idee aus sozialen, gesundheitspolitischen und hygienischen Gründen entwickelt. Die kostenlosen Bademöglichkeiten für Kinder aller Gesellschaftsschichten zwischen sechs und 14Jahren in Parks sollten etwa Lungenkrankheiten oder Rachitis vorbeugen.

Das erste Kinderfreibad in einem Park entstand 1919 im heurigen Auer-Welsbach-Park, zwei weitere folgten 1923 im Schweizergarten und 1926 im Türkenschanzpark. In der Zwischenkriegszeit wurden Dutzende solcher Bäder errichtet. Die damals gefliesten Becken waren kleiner als heute, und sie waren allein Kindern zwischen sechs und 14Jahren vorbehalten. Erwachsene durften sie nicht betreten. Im Krieg wurden viele Bäder zerbombt, dennoch erreichte die Zahl der Familienbäder in den 1970er-Jahren mit 32 ihren Höhepunkt. Dann sind sie nach und nach weniger geworden.


Wohlstand ließ Kinder ausbleiben. Der zunehmende Wohlstand, der Sommerferien am Meer und Ausflüge an Seen mit sich gebracht hat, hat dazu geführt, dass einige Standorte kaum mehr benutzt wurden. Dazu sind die städtischen Sommerbäder mit Kinderbereichen gekommen, die die Familie gemeinsam besuchen konnte. Vielleicht sind die Kinder auch wegen des strengen Regiments aus Zutrittsregeln, einer Mittagspause, in der geschlossen wurde oder Wochenenden, an denen auch nicht aufgesperrt wurde, ausgeblieben. Jedenfalls wurden wenig genutzte Standorte sukzessive geschlossen.

Manche sind auch in städtischen Bädern aufgegangen – das Kinderfreibad im Hernalser Pezzelpark zum Beispiel wurde zum Außenbereich des Jörgerbades, auch ein Teil des heutigen Kongressbades war einst ein Kinderfreibad, wie Hermann Wibner, der Verantwortliche der städtischen Familienbäder, erzählt. Auch Kinderfreibäder in Gemeindebauten sind Geschichte.

Bis in die 1990er-Jahre wurde jedenfalls mehr als jedes dritte Kinderfreibad geschlossen. Mitte der 1990er-Jahren wurde dann eine Art Revival der Kinderfreibäder eingeläutet, die seither Familienbäder heißen: Seither dürfen auch Erwachsene und Kinder unter sechs Jahren hinein, diese öffnen heute auch mittags, an den Wochenenden und abends im Hochsommer bis 20 Uhr. Einige der größeren Bäder, das im Augarten, in Strebersdorf, im Herderpark oder in der Reinlgasse, wurden generalsaniert. Und in sechs der zehn Bäder gibt es mittlerweile auch einen kleinen Gastrobetrieb.

Pro Jahr, sagt Wibner, zähle man nun etwa 150.000 bis 160.000 erwachsene Besucher – und die Besucherzahlen steigen nun stetig an. Es sei wohl, neben dem attraktiveren Angebot, auch der soziale Wandel mit ein Grund, dass das Gratisbad ums Eck wieder mehr geschätzt wird. Und für Martina Salkimis gehört das Bad im Park überhaupt zum Sozialleben im Grätzel dazu. Seit 30 Jahren arbeitet sie hier, die Stelle hat sie von ihrer Mutter quasi übernommen, und schon als Kind hat sie ihre Sommertage im Kinderbad Reinlgasse verbracht.


„Eine Wohlfühloase in der Stadt.“ „Für mich ist das eine Wohlfühloase in der Stadt“, sagt sie – und verarztet nebenbei schnell ein kleines Mädchen mit aufgeschlagenem Knie. Und hat als solches wohl auch eine soziale Funktion: Die Leute aus dem Viertel treffen sich, Kinder aller Schichten spielen miteinander. „Und, da schauen wir schon darauf, wenn sich zwei streiten, müssen sie sich versöhnen. Bis sie sich in die Augen schauen und sich die Hand geben, sonst müssen sie gehen.“ Was sich über die Jahre verändert hat? „Was wirklich auffällt“, sagt sie, „dass Sachen, die vergessen werden, heute niemand abholt. Wir haben Unmengen an Handtüchern, Sonnencremen, Spielsachen – danach fragt heute keiner mehr. Das war vor 15 Jahren ganz anders.“

Adressen

2.Bezirk: Augarten, Eingang Karl-Meißl-Straße, 3.Bezirk: Schweizergarten, Eingang Kleistgasse, 10.Bezirk: Gudrunstraße/Absberggasse, 11.Bezirk: Herderpark, 14.Bezirk: Reinlgasse/Ecke Märzstraße, 16.Bezirk: Hofferplatz, 18.Bezirk: Währinger Park, 19.Bezirk: Hugo-Wolf-Park, 21.Bezirk: Stammersdorf/Luckenschwemmgasse und Strebersdorf/Roda-Roda-Gasse.

In Zahlen

1917

entstand in Wien das erste Kinderfreibad, als Kinder im Hütteldorfer Staubecken des Wienflusses kostenlos baden durften. Das erste richtige Kinderfreibad wurde 1919 im heutigen Auer-Welsbach-Park eröffnet. Die Bäder waren eine Initiative des Roten Wien, um Lungenkrankheiten und Rachitis vorzubeugen.

10

Familienbäder gibt es heute in Wien (Adressen siehe Infobox). Sie haben von 2.Mai bis 20.September geöffnet, bis 31.August täglich von zehn bis 20 Uhr, von 1. bis 20. September von zehn bis 19 Uhr.

3

Euro kostet der Eintritt für erwachsene Begleitpersonen. Für Kinder (Jahrgänge 2001–2015) ist der Zugang kostenfrei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2015)