"The Andersen Project": Die entfesselte Fantasie

Actor Yves Jacques
Actor Yves Jacques(c) EPA (HERBERT P. OCZERET)
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Fünf Jahre nach dem Andersen-Jahr kommt "The Andersen Project" von Robert Lepage zu den Festwochen nach Wien. Die Performance macht sich über die Produktionsgrundlagen des internationalen Kulturbetriebs lustig.

Fünf Jahre nach dem Andersen-Jahr 2005 kommt „The Andersen Project“ von Robert Lepage nach Wien. Das nennt man rasend rasch reagiert! Die Performance macht sich über die Produktionsgrundlagen des internationalen Kulturbetriebs, somit auch der Festwochen, lustig, als da sind: kleinster gemeinsamer Nenner in der Kunst, nach Einmischung vieler (Finanzierungs-)Partner, Dominanz des Geldes und des Managements. Natürlich ist aber hier kein wabbelig-beliebiger „Europa-Pudding“ zu besichtigen. Lepage (51) gehört zu den längst etablierten Gurus des Systems globaler Kunstproduktion.

Schon 1995 zeigte er „Hiroshima – The Seven Streams of the River Ota“ bei den Festwochen, einen langatmigen siebenstündigen Bilderreigen über tragische Historie und chaotische Gegenwart. „Andersen Project“ funktioniert nach dem gleichen Prinzip, ist aber prägnanter, komprimierter und dauert rund zwei Stunden ohne Pause.

Bildermächtiges Solo für eine Person

Ein frankokanadischer Songwriter kommt nach Paris, um für die dortige Oper im Palais Garnier Musiktheater für die Jugend über Andersens spätes Märchen von der Dryade zu kreieren. Der Dichter packte darin seine faszinierenden Impressionen von der Pariser Weltausstellung in die – der „Kleinen Meerjungfrau“ ähnliche – Geschichte von einer jungfräulichen Nymphe, die in ihrem heimatlichen Kastanienbaum in die große Stadt verfrachtet wird, nach der sie sich immer gesehnt hat. In Paris wird sie zum schönen Mädchen und vergeht. Auch der Songwriter wird schwer geprüft. Er vermisst seine Frau, eine Popsängerin, von der er sich nach 16Jahren getrennt hat, weil er keine Kinder möchte. Er lebt in einer Wohnung oberhalb einer Peepshow. Er schlägt sich mit dem miesen Opernchef herum und verliert schließlich den Auftrag an einen New Yorker Künstler, nachdem er den geschockten englischen Koproduzenten die sexuelle Bedeutung der Dryade-Story erklärt hat...

Lepage spiegelt seine eigenen Erfahrungen – als von Krankheit gezeichnetes Kind und als Homosexueller – in Andersen wider. Doch dies ist keine private Angelegenheit und schon gar keine Beichte. Erzählt wird in betörenden Bildern von der Misshandlung der Kunst und des Menschen durch das Leben – und von den Fluchtwegen aus diesem ewigen Dilemma. Früher hat Lepage selbst gespielt. Nun bestreitet der Schauspieler Yves Jacques allein die ganze Aufführung. Er ist der weltfremde, aber durchaus nicht einfältige Songwriter, mit langem weißem Haar, meist gutartig, aber zu plötzlichen scharfen Ausfällen neigend; er ist der Operndirektor, der sein eigenes Packerl zu tragen hat: Die Ehefrau betrügt ihn mit seinem besten Freund, er selbst ist abhängig von sexuellen Perversionen, ein Nervenbündel, das sich nach dem Winde dreht – und doch auch ein Poet, wenn er seiner Tochter die Andersen-Geschichte vom Schatten erzählt.

Yves Jacques spielt aber auch einen marokkanischen Immigranten, der in der Peepshow putzt und nachts mit der Spraydose dem Frust über sein chancenloses Dasein im goldenen Westen Luft macht. Und er spielt die Dryade, die sich in Paris verliert. Ferner gibt es einen Hund, der nur als zuckende Leine zu sehen ist und am Ende niedliche Hundebabys hervorbringt, die den Songwriter von seiner Abneigung gegen Kinder heilen. Keineswegs in einer Nebenrolle erscheint Paris – die verführerische Kulisse ebenso wie die grindigen Ecken, in denen die aalglatten Erfolgsmenschen nachts ihren geheimen Lüsten frönen. Das ist aber jetzt nicht moralisierend gemeint.

Vielmehr ist es sehr komisch, wenn der Operndirektor in der Peep-Kabine einschläft und sich dann auch noch morgens an den marokkanischen Burschen heranmacht. Dieser alte Knabe lässt nichts aus. Immerhin rettet er dann mit seiner Würgekette – auf neuen Sexabenteuern im Park unterwegs – den entlaufenen Köter. Es wurde viel gelacht bei der Wien-Premiere am Samstag und noch mehr gestaunt über den grandiosen multimedialen Minimalismus der Aufführung zwischen Bonsai-Bäumchen, Spielzeugkutsche und Film. Andersen, auch er von Jacques gespielt, dreht sich mit der schwedischen Nachtigall, der Sängerin Jenny Lind, die er liebte. Sie ist aber nur eine Schneiderpuppe; beschämt flüchtet der Dichter. Er hat seine Angebetete entkleidet, schlafen kann er nicht mit ihr ...

Die Emotion wird dem (deutschen) Regietheater durch freie Gruppen aus dem Flämischen, Holländischen oder eben aus Québec zurückerobert. Nur so können die Bühnen Publikum, das die Kälte der Zergliederer und Zertrümmerer vertrieb, wieder einfangen. „Feel good“ ist die Zukunft. Mit Niveau. Lepage zeigt, wie es geht (bis 13. 5.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2009)

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