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Bunte Familien, geplantes Ende: Die Zukunft des perfekten Lebens

Mit großer Intensität wird von manchen Parteien und Lobbys ein neues Bild unserer Gesellschaft propagiert. Stellen wir uns diese Visionen einmal konkret vor.

Das perfekte Leben beginnt in der Zukunft bereits vor der Geburt. Werdende Mütter lassen ihren „Zellhaufen“ möglichst genau untersuchen, ob er nicht irgendeinen Defekt aufweist. Wenn etwas entdeckt wird, das darauf hindeutet, dass das werdende Wesen nicht perfekt ist oder den Ansprüchen nicht genügt, dann ist die Entsorgung kein Problem.

Die Reproduktionsmedizin ist so weit fortgeschritten, dass den werdenden Eltern bei einem neuerlichen Versuch, ihr perfektes Kind zu produzieren, geholfen werden kann. Das spart den Eltern Mühe, dem Kind womöglich ein Leben mit einem Defekt, dem Arzt das Haftungsrisiko und der Gesellschaft eine Menge Geld für die Kosten einer Behinderung. Einfach ideal, einfach perfekt.

Der Zeitpunkt für den Nachwuchs wird im perfekten Leben der Zukunft genau planbar sein. Zuerst kommt die Karriere, das wünschen sich Wirtschaft und Gewerkschaft gleichermaßen. Die Reproduktionsmedizin bietet eine Fülle von Möglichkeiten – von eingefrorenen Embryos über geliehene Eizellen bis zu Samenspenden und geliehenen Müttern. Es sind keine Grenzen mehr gesetzt.

Die Wahl des Erzeugers sollte jedoch genau überlegt werden, denn womöglich hat dieser irgendwelche Defekte. Da ist es besser, auf Eizellen- oder Samenbanken zurückzugreifen, mit qualitätsgesichertem, zertifiziertem Material. So kann bis 50 oder 60, wenn frau oder man entspannt Karriere gemacht hat, das Alter mit einem Baby verschönt werden.

Die genau geplanten, qualitätskontrollierten Kinder der Zukunft wachsen idealerweise in einer „bunten“ Familie auf. Die Schädlichkeit der Ehe zwischen Mann und Frau und der traditionellen Familie wurde längst von der Politik erkannt und ist nur noch in kleinen, fundamentalistischen Zirkeln zu finden. „Patchwork“ und „Regenbogen“ haben sich bei den Familienformen endlich durchgesetzt.

Die Kinder profitieren von der Buntheit und der Abwechslung des Familienlebens: Papa Andi mag Mama Mia nicht mehr, dafür Mama Anna, die neue Geschwister mitbringt. Oder: Papa Theo hat jetzt einen Neuen, Papa Leon. Der ist total nett, kann echt gut kochen. Diese Vielfalt ist wichtig für die Kinder, denn damit lernen sie verschiedene Arten von Beziehungen kennen und dass ihr Geschlecht nur anerzogen ist. Gefördert wird diese Erziehung tatkräftig in der Kinderkrippe, die jedes Kind ab dem vierten Lebensmonat besucht.

Sollte sich das perfekte Leben einmal dem Ende zu neigen, so ist auch dafür längst eine Lösung gefunden. Sollte der glückliche Mensch der Zukunft nicht mehr glücklich sein oder Schmerzen befürchten, alt, krank oder gar gebrechlich werden, so muss er nur den Arzt seines Vertrauens konsultieren. Oder die Angehörigen erledigen das. Er wird sicher das passende Mittel wissen, den Unglücklichen zu erlösen.

Eine beruhigende Option für alle. Den Betreffenden erspart es Leid, Schmerzen, Einsamkeit, Traurigkeit oder das Gefühl, zur Last zu werden, also die Existenz eines unvollkommenen Daseins. Den Angehörigen erspart es Mühe, denn wenn man mehrere Mamas, Papas, Stiefpapas, Leihmamas etc. hat, kann man diese im Alter unmöglich alle betreuen oder deren Pflege bezahlen.

Dem Staat und damit der Allgemeinheit erspart diese Lösung enorme Kosten, denn in einer überalterten Gesellschaft – mangels perfekter Kinder – wäre diese unmöglich bis zum natürlichen Ende zu finanzieren.

Leider sind wir von dieser Utopie noch weit entfernt, aber wir sind auf dem Weg dorthin. Zwar wächst die überwiegende Mehrheit der Kinder immer noch bei den leiblichen Eltern – Vater und Mutter – auf und Jugendliche wünschen sich eine traditionelle Familie. Dank der erzieherischen Wirkung und des massiven Einsatzes der Politik und vieler Medien wird sich dieses veraltete Denken aber hoffentlich bald ändern. Die Politik und die betreffenden Lobbys müssen ihre Anstrengungen einfach noch erhöhen!

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2015)