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Jafar Panahi: Mit dem Taxi ganz subversiv durch Teheran

Auch sie lässt sich von ihm chauffieren, Panahis Nichte. Sie soll als Hausübung für die Schule tun, was ihm verboten ist: einen Film drehen.(c) Filmladen
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In seiner neuen Arbeit „Taxi Teheran“ umgeht der regimekritische iranische Regisseur Jafar Panahi einmal mehr das Berufsverbot, das das Regime über ihn verhängt hat. Er nutzt das Auto als Schutzraum für Reflexion und Kontemplation.

Dass der bebrillte Mann am Steuer kein echter Taxler ist, merken die meisten Passagiere schnell. Er achtet kaum auf den Fahrpreis, macht abrupte Zwischenstopps, hat keine Ahnung vom Verkehrsnetz Teherans – und ist das nicht eine Kamera über dem Armaturenbrett? Ein eilfertiger Fahrgast weiß, was hier gespielt wird: „Herr Panahi, ich habe sie gleich erkannt! Sie drehen wieder einen Film, stimmt's?“ Jafar Panahi kann als Antwort nur lächeln – ob müde oder verschmitzt, ist schwer zu sagen – denn offiziell darf er seiner eigentlichen Arbeit als Regisseur bereits seit 2010 nicht mehr nachgehen. Damals belegte ihn die iranische Regierung mit einem 20-jährigen Berufs-, Interview- und Ausreiseverbot, es war die Kulmination langjähriger Konflikte mit den islamischen Autoritäten seines Heimatlandes: Panahis regimekritische Sozialdramen ernteten Preise in Cannes, Berlin und Venedig, zu Hause wurden sie verboten. Exil war für ihn im Gegensatz zu vielen Kollegen trotzdem nie eine Option.

 

„This is not a film“

2011 sorgte Panahi für eine kleine Sensation, als es ihm gelang, einen Film an die Croisette zu schmuggeln, der dem Titel zufolge gar keiner war: „This is not a film“ verblüffte und berührte als kafkaeskes Home-Movie aus dem Hausarrest und Konzeptstück über künstlerische Unfreiheit, klandestin realisiert mit Unterstützung des Dokumentaristen Mojtaba Mirtahmasb. Zwei Jahre später folgte zum Ärger der iranischen Behörden der nächste Streich: Die Berlinale präsentierte „Closed Curtain“, eine verschachtelte Meta-Fiktion in Form eines Strandvilla-Kammerspiels. War der erste „Nichtfilm“ eine Stichflamme des Widerstands, erschien dieser als Frustrationsporträt: Auf halber Strecke bricht die vordergründige Handlung ab und widmet sich Panahis Selbstzweifeln. Am Ende steigt er in ein Auto und fährt aus dem Bild.

Der Treibstoff ist ihm glücklicherweise nicht ausgegangen, und trotz (oder vielleicht sogar wegen) seiner unverblümten Missachtung des Berufsverbots und der ausländischen Ehrungen seiner Protestfilme darf er sich innerhalb Teherans wieder einigermaßen frei bewegen. Das tut er mit großem (Festival-)Erfolg: Sein drittes, formal zugänglichstes Dissidentenwerk „Taxi Teheran“ (im Original schlicht „Taxi“) gewann bei der diesjährigen Berlinale wenig überraschend den Goldenen Bären. Darin gerät das titelgebende Gefährt, in dem der Regisseur tagsüber durch die iranische Hauptstadt tuckert, zur mobilen Agora: Die Parade aus Passagieren fächert ein vielfältiges Sozialpanorama auf, das durchaus heitere Momente bereithält. Es wird über alles Mögliche gestritten und diskutiert, im Wagen montierte Kameras laufen mit. Eine Lehrerin zankt sich mit einem Straßenräuber über die Todesstrafe (er ist dafür), ein DVD-Händler will Panahi von den Vorzügen der Filmpiraterie überzeugen, ein verunfallter Ehemann setzt auf dem Weg zum Krankenhaus das Testament für seine weinende Frau auf.

Was klingt wie eine deutsche Doku-Soap („Tagebücher eines Taxifahrers“), ist politisch enorm aufgeladen. Jede Szene ist auf zwei Ebenen lesbar: als harmlose Alltagsbegebenheit oder als beißender Kommentar zur iranischen Gesellschaft und Panahis prekärer Situation. Dieser gibt sich zurückhaltend bis beschwichtigend, Kritik üben die anderen. Doch bei aller Dokumentarscharade ist „Taxi“ unverkennbar ein richtiger, penibel konstruierter und inszenierter (Spiel-)Film, und als solcher ein unmissverständliches Statement.

 

„Keine Schwarzmalerei!“

Wiederholt wird auf die Natur des eingeschränkten Filmemachens Bezug genommen, am deutlichsten in einer längeren Sequenz gegen Ende der kurzweiligen Spritztour. Panahi holt seine kleine Nichte von der Schule ab, die als Hausübung ausgerechnet einen Kurzfilm drehen muss. Die Selbstzensurvorgaben ihrer Lehrerin („Keine Schwarzmalerei!“) kann sie nicht nachvollziehen: Später versucht sie eine aus dem Autofenster aufgezeichnete Begebenheit (ein Betteljunge lässt einen fallen gelassenen Geldschein mitgehen) durch gutes Zureden moralisch zurechtzubiegen und „zeigbar“ zu machen – ohne Erfolg.

Schon Panahis Mentor Abbas Kiarostami nutzte das Auto gern als Schutzraum für subversive Reflexion (und philosophische Kontemplation). „Taxi“ beeindruckt mit der Direktheit seiner Anklagen und der Leichtigkeit der Form, doch der Charakter des Films als politische Geste geht nicht immer zugunsten seiner Qualität – manchmal droht er, zur Videobotschaft zu verkommen, etwa wenn eine Anwältin über Einschüchterungsmethoden der Geheimpolizei referiert; allerdings ist er dann immer noch ein Meisterwerk unter den Videobotschaften.

In einem paradoxen Statement zur Bären-Verleihung würdigte das Ministerium für Kultur und islamische Führung des Irans den Sieg Panahis und sein Leben auf der „Überholspur“, sprach aber auch von einem „Taxi der Missverständnisse“. Der Regisseur ließ seitdem die Hoffnung laut werden, sein neuer Film könnte zur Aufführung in seinem Heimatland gelangen. Einen Abspann hat „Taxi“ übrigens nicht – das Auto bleibt stehen, das Kino geht weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2015)