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Wiener Festwochen: „Krieg ich jetzt den Kredit?“

(c) Wiener Festwochen (Dorothea Wimmer)
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Christoph Marthalers Uraufführung von „Riesenbutzbach“ gerät zur Selbstparodie. Eine müde Revue, aber raffinierte Musik und solide Darsteller.

"O welche Lust", variieren die fünfzehn Schauspieler im Finale von Regisseur Christoph Marthalers Endzeitrevue „Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie“ den Gefangenenchor aus Beethovens „Fidelio“. Die mehr als zwei Stunden zuvor gerieten bei der Uraufführung am Sonntag in den Filmstudios auf dem Rosenhügel jedoch alles andere als lustbetont. Der Abend war augenscheinlich als Theater über die globale Krise intendiert, zeigte aber vielmehr das postmoderne deutschsprachige Theater in der Krise.

Marthaler, der in der jüngeren Vergangenheit den Wiener Festwochen imposante Abende beschert hat, setzt diesmal exzessiv das Mittel der Selbstparodie ein. Solche Reflexion wird aber, selbst wenn sie sich mit Hermetik schützt, sehr rasch sehr langweilig. Das können raffinierte musikalische Verfremdungen (Musik: Christoph Homberger) und zuverlässig ihre Eigenheiten pflegende Schauspieler nicht verhindern.

Ein abschreckendes Beispiel: Gegen Ende hin schickt der Regisseur die Darsteller auf einen ermüdenden Catwalk. Olivia Grigolli geht (altkluges Mädchen), Ueli Jäggi geht (besorgter Mann), Sasha Rau geht (böses Mädchen), Jürg Kienberger geht (kindlicher Mann). Und so fort. Sie haben außer Mätzchen nichts mehr zu bieten, Antimodels im gar nicht modellhaften Spätkapitalismus. Auftritt, interesseloser Blick in die Ferne, Kehre, Abgang – wenn das schlecht gespielt sein soll, ist es tatsächlich gut gespielt.

 

Finaler Raucherhusten

Es folgen noch ein paar abschließende Sequenzen. Die Show will und will nicht aufhören. „O welche Lust“ noch einmal. Eine Provokation? Sicherheitshalber klatschen ein paar beherzte Zuseher. Es geht aber weiter. Noch ein Klatschversuch. Hämisches, mit Raucherhusten garniertes Gelächter von Homberger, der als Überwacher alpin verkleidet hinten in einem Glasverschlag sitzt. Erst dann wird es dunkel. Fertig.

Zuvor hat sich, soll denn tatsächlich eine Handlung beabsichtigt gewesen sein, Folgendes abgespielt: Im „Institut für Gärungsgewerbe“ (das ist in riesigen in Stein gemeißelten Lettern zu lesen, ganz oben über der Bühne) stehen Möbel herum, abgewohntes Zeug aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren – Schränke, eine Vitrine für Platten, ein Bett, hoch oben ein Balkon. Die Tapeten: geblümt. Ausstatterin Anna Viebrock hat sich wirklich bemüht, die hässliche Welt von gestern zu zeigen, inklusive riesiger Straßenlampen. Ein zerschlissener Läufer führt von dem verglasten Büro an die Rampe, dort steht so etwas wie eine Schleuse aus Holz. Hinten befindet sich eine Art Rezeption, das Reich des Bankangestellten (Bernhard Landau). Links und rechts sind drei Garagen, aus denen Motorgeräusche, Hammerschläge oder Schüsse tönen. Ein Schild warnt vor Vergiftungsgefahr bei laufendem Motor. Drinnen in den Garagen scheinen die 15 Menschen zu leben, sie tanzen dort oder sitzen auf Klappsesseln, wenn sie sich nicht in dieses Möbellager begeben, das den Großteil des Raumes ausmacht. Dann klammern sie sich an ihre Besitztümer, auf denen inzwischen gelbe Schildchen prangen („Verkauft“), oder verhandeln mit dem hartherzigen Geldverleiher.

 

Hommage an Elfriede Gerstl

„Krieg ich jetzt den Kredit?“ lautet die Standardanfrage. „Ich krieg den Tresor nicht mehr auf“, sagt der Banker teilnahmslos. Dabei wollen doch Menschen wie die Besitzerin eines Nagelstudios (Katja Kolm) nur überleben. Die Garagenmenschen (Wo sind die Autos dieser schlecht gekleideten Leute?) leben in der Entfremdung. Sie sind am Verarmen. Silvia Fenz begegnet als großartige Vergangenheitssucherin („Neulich war ich so ganz normal.“) ihrem Sohn (Marc Bodnar). Sie versteht ihn nicht, er spricht nicht ihre Sprache, er ist „ein verirrter Franzose“. Aber auch in der eigenen Sprache bleiben die Wortfetzen oft ein großes Geheimnis, trotz aktueller Anspielungen, etwa auf den Meinl-Skandal und den Wiener Hacken-Mörder. (Die Textauswahl wurde von Festwochen-Schauspiel-Chefin Stefanie Carp als Marthalers Dramaturgin gemacht.) Wie ein Fremdkörper tauchen Gedichte der im Vormonat verstorbenen großen Lyrikerin Elfriede Gerstl auf. Binsenweisheiten steigern sich zu Sätzen wie „Stetes Vögeln höhlt den Stein“ und stehen friedlich neben einer charmanten Variation von Immanuel Kants kategorischem Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens...“

 

Überwachen und schlafen

Freiheit des Willens scheint jedoch nicht die Stärke dieser Gesellschaft auf Pump zu sein. Obszön sind die Auslassungen einer künftigen Führungskraft (Lars Rudolph). Die zersetzende Wirkung der Sprache von Marketing und Management wird offenbar, wenn er zum bedingungslosen Konsum aufruft, diese Sprache kontrastiert mit den schönsten Liedern von Schumann, Schubert, Mahler, die werden durch das Gemeine der Gegenwart beschädigt, mögen Bendix Dethleffsen und Clemens Sienknecht noch so gekonnt die Keyboards betätigen. Mit Bach und Satie und sogar mit „Lili Marleen“ ist man auf Rührung aus – vordergründig. „Pur ti miro“ aus Monteverdis „Poppea“ ertönt. Schüsse, die Sänger brechen zusammen.

Der Kollaps ist ein Leitmotiv (ein Trompeter fällt in Ohnmacht, ein Alter wankt durch Alban Bergs „Nichts als schlafen!“), die Überwachung ist ein weiteres (Raphael Clamer installiert Überwachungsanlagen und verstrickt sich auf dem Balkon wie ein Laokoon in Kabel.). Das wirkt dann aber schon ein bisschen flach. Wie in früheren Produktionen wird erneut „Staying alive“ von den Bee Gees angestimmt, das ist schon ein wenig abgenützt, so wie die Verrenkungen, die ehrenwerte Damen wie Barbara Nüsse (Glückssucherin) oder Bettina Stucky (Konsumsucherin) zuweilen ohne erkennbaren Sinnzusammenhang vollführen müssen.

Marthaler führt uns in einen Kerker, aus dem die Vernunft verbannt ist. O welch Frust herrscht dort! Die Luft reicht kaum zum Atmen. „Riesenbutzbach“ ist die Chronik eines kontinuierlichen Abstiegs. Leider gilt dies aber auch für die Inszenierung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2009)