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Casanova: Aus dem Bett in die "Bleikammer"

Porträt von Giacomo Girolamo Casanova von Alessandro Longhi
Porträt von Giacomo Girolamo Casanova von Alessandro Longhi(c) imago

Der Frauenheld und Autor muss 1755 im venezianischen Dogenpalast für ein Gedicht büßen. Nach 15 Monaten gelingt ihm eine spektakuläre Flucht.

„Mit Anbruch des Tages am 26. Juli 1755 trat Messer Grande in mein Zimmer. Aufwachen, ihn sehen und ihn mich fragen hören, war die Sache eines Augenblicks. (…) Er antwortete mir, er vollziehe den Befehl der Inquisition.“ Mit diesen Worten wird der wohl bekannteste Frauenheld der Geschichte vor 260 Jahren verhaftet. „Als ich aus meinem Zimmer trat, erstaunte ich, dreißig bis vierzig Häscher zu erblicken“, schreibt Giacomo Girolamo Casanova später in seinem abenteuerlich-autobiografischen Werk „Geschichte meiner Flucht aus den Gefängnissen der Republik von Venedig, die man die Bleikammern nennt“. Sie bringen den 30-Jährigen direkt in die „Piombi“, die „Bleikammern“ des Dogenpalasts.

Es ist im Sommer des Jahres 1754, als die Intrige gegen den Charmeur beginnt. Die Inquisition beauftragt den Spitzel Giambattista Manuzzi, Casanova zu beobachten, dessen Name nicht nur in den Jahren davor die Runde gemacht hatte: durch seine Liebschaften mit der jungen C.C. oder der Nonne M.M., ebenso wie durch seine Lektüre verbotener Bücher oder die Fälschung seiner Herkunft. Auch seine Kontakte zu Ausländern, sein Beitritt zu den Freimaurern und die Art und Weise, wie er das Geld seiner Gönner verprasst, machten den gelernten Priester, der sich mitunter als Geiger, Sekretär und Theaterunternehmer durchschlägt, bekannt.

„Er betrügt“ und „spricht von Begattung“

In sechs Berichten listet Manuzzi schließlich die Vergehen Casanovas zwischen November 1754 und Juli 1755 auf: Der 30-Jährige solle „beim Kartenspiel betrügen“, sei „mit vielen Ausländern“ befreundet, wobei „es ihm nie an Geld fehlt“. Und er schrieb ein verwerfliches Gedicht, das heute nicht mehr erhalten ist. Darin, so Manuzzi, verunglimpfe Casanova die Kirche. „Das religiöse Thema wird in einer erstaunlichen Weise behandelt, denn er spricht sowohl direkt wie auch indirekt von der Begattung“, notiert der Spion. Am 20. Juli 1755 erhält Manuzzi von der Inquisitionsbehörde den Auftrag, sich das Schriftwerk zu beschaffen. Am 24. Juli ergeht der Auftrag, Casanova festzunehmen. Am 26. Juli folgt dem Befehl die Tat: Der venezianische Polizeichef Matteo Varutti, auch Messer Grande genannt, verhaftet Casanova.

15 Monate sollte Casanova, der im Laufe seines Lebens mehr als 200 Frauen geliebt haben will, in seiner Zelle im Dogenpalast bleiben; zweimal versucht er zu fliehen. „Die ewigen Winternächte brachten mich zur Verzweiflung. (...) so war mir der Gedanke an meine Flucht beständig gegenwärtig“, schreibt er Jahre später in seiner (nach Ansicht von Historikern nicht völlig wahrhaftigen) Autobiografie. Hinzu kommt die schlechte Gesundheit des Frauenhelden: „Ich empfand bald die Folgen eines so elenden Lebens; mein Blut erhitzte sich so sehr, daß ich vierzehn Tage lang nicht zu Stuhle gehen konnte. (…) Noch denselben Abend überfiel mich das Fieber mit heftigem Frost.“

„Ein Wagstück, welches noch keiner ausgeführt hatte“

So sucht er Mittel, „um ein Wagstück zu bestehen, welches viele Gefangene mögen versucht haben, welches aber noch keiner ausgeführt hatte“. Casanova besticht seine Wächter, feilt aus einem Stück Metall einen Spieß und durchbohrt damit Türen, Wände und Decken. „Ich zündete also meine Lampe an, schob mein Bette zurück und wendete diese erste Nacht so wohl an, daß ich gegen Morgen ein Loch von zehn Zollen im Durchmesser gerade unter meinem Bette gemacht hatte“, erzählt er später.

In der Nacht auf den 1. November 1756 ist es soweit: Casanova und seinem Mitgefangenen Marino Balbi gelingt die Flucht – durch das Loch, auf das Dach, durch ein Fenster wieder zurück hinein und bei einem der Haupteingänge hinaus, den ihnen die Palastwache öffnet – wohl geblendet von Casanovas eleganter Kleidung (in den Zellen durften die Gefangenen ihre Kleidung behalten), die er sich beschafft hatte. Mit einer Gondel erreichen die beiden die Stadt Mestre und trennen sich bald darauf. Casanova flieht weiter über Trient, Bozen und München nach Paris - die Kunde seiner spektakulären Flucht eilt ihm voraus, eine Verbannung aus Venedig hinterher.

Er gründet die französische Staatslotterie, macht Schulden und reist durch halb Europa: 1760 begegnet Casanova Voltaire in Genf, kurz darauf Friedrich dem Großen in Berlin und Katharina der Großen in Moskau. Erst 1784 kommt er zur Ruhe: In Wien bietet ihm Graf Joseph von Waldstein eine Stelle als Bibliothekar auf dem böhmischen Schloss Dux an. Casanova, mittlerweile verbittert und einsam, nimmt an – und schreibt fortan, vor allem an seinen Memoiren. Letztere wurden mittlerweile in 18 Sprachen übersetzt. Am 4. Juni 1798 stirbt Casanova im Alter von 73 Jahren an den Folgen einer Blasenerkrankung. Sein Grab ist heute nicht mehr bekannt, dafür sein Lebensmotto: „Ich habe die Frauen bis zum Wahnsinn geliebt“, doch „immer habe ich meine Freiheit mehr geliebt“.

>>> Originalsprache: „Geschichte meiner Flucht“

>>> Deutsche Version: „Geschichte meiner Flucht“

(hell)