Kaufkraft in Österreich: Der reiche Westen ist arm dran

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
  • Drucken

Wegen hoher Preise können sich Tiroler und Vorarlberger viel weniger leisten als Burgenländer. Dank gut verdienender Pendler überholt Niederösterreich Wien und wird neue Nummer eins.

Wien. Jeder kennt Kitzbühel: als legendären Wintersportort, in dem die Adabeis nach dem Hahnenkammrennen rauschende Feste feiern, wo die Reichen und Schönen um luxuriöse Zweitwohnsitze Schlange stehen. Etwas weniger glamourös ist Murau: eine gottverlassene Gegend im hintersten Winkel der Steiermark, mit wenig Arbeitsplätzen, bäuerlich geprägt, ohne nennenswerte Industrie.

Und nun die Preisfrage: In welchem der beiden Bezirke ist die reale Kaufkraft höher? Falsch. Herr und Frau Murauer können sich mehr leisten als Herr und Frau Kitzbüheler. Das erscheint paradox, erklärt sich aber aus dem unterschiedlichen Preisniveau.

Wer übers ganze Jahr in oder um Kitzbühel lebt, ist oft nur Landwirt oder Saisonnier im Tourismus – und sitzt, was seine Kaufkraft betrifft, in der Mausefalle. Denn er zahlt fürs Wohnen, an der Tankstelle und beim Friseur Preise, die sich nicht an seinem bescheidenen Einkommen, sondern an der illustren Gästeschar orientieren.

Dieses Schicksal teilt er mit den Bewohnern von Salzburg-Stadt, das gemeinhin als einer der reichsten Bezirke gilt – und doch in Sachen Kaufkraft hinter dem biederen Tulln zu liegen kommt.

Und Murau? Das ist Österreichs Bezirk mit dem niedrigsten Preisniveau. Wo wenige leben wollen, lebt es sich in gewisser Hinsicht am besten.

Burgenland holt stark auf

Das ist nur eines der erstaunlichen Ergebnisse einer Studie, die gestern vom Marktforschungsinstitut OGM in Teilen präsentiert wurde und der „Presse“ zur Gänze vorliegt. Das Besondere an der Untersuchung: Im Gegensatz zu üblichen Einkommensvergleichen wurden regionale Preisunterschiede berücksichtigt – vor allem für jene Güter, die man nicht so leicht woanders kaufen kann: Wohnen, Benzin, Kinderbetreuung.

Auch beim Einkommen ist die Erhebung genauer als gewohnt: Die Schattenwirtschaft von Pfusch bis Trinkgeld ist eingerechnet, das Gesamteinkommen wird auf alle Köpfe aufgeteilt und nicht, wie sonst oft, pro Erwerbstätigem oder pro Haushalt gerechnet. Diese exaktere Methode stellt manche altbekannte Klischees auf den Kopf, vor allem jenes vom „reichen“ Westen und dem – von Wien abgesehen – „armen“ Osten Österreichs. Aber auch gegenüber der letzten OGM-Erhebung 2005 kam so einiges in Bewegung.

So galt das Burgenland jahrzehntelang als Aschenputtel unter den österreichischen Bundesländern. Noch vor vier Jahren lag es auch bei der realen Kaufkraft noch auf dem vorletzten Platz. Nun hat es sich auf den vierten Platz katapultiert. Grund sind die Fördermittel in den Ziel-eins-Gebieten der EU, vor allem aber der Speckgürteleffekt.

Früher pendelten fast nur Fabriksarbeiter nach Wien, um sich dort ihren kümmerlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Pendler von heute sind wohlbestallte Doppelverdiener, die der Wunsch nach mehr Lebensqualität ins Grüne treibt. Tagsüber verdienen sie in der Bundeshauptstadt gutes Geld, abends und am Wochenende geben sie es im Nordburgenland wieder aus. Deshalb werden Einkommen in der OGM-Studie auch dem Wohn- und nicht dem Arbeitsort zugerechnet.

Niedrige Preise im Umland

Noch stärker profitieren können von diesem Einkommensaderlass der Kapitale freilich die Bezirke vor den Toren der Stadt: Mödling, Wien-Umgebung, Korneuburg. Sie liegen in Niederösterreich, das auf diese Weise die Spitze im Bundesländerranking übernimmt. Dass Wien den „jahrzehntelang gepachteten“ ersten Platz verloren hat, ist selbst für OGM-Chef Wolfgang Bachmayer ein „sehr überraschendes Ergebnis“.

Auch dabei spielen Preise eine wichtige Rolle. Denn die Umsiedler fliehen nicht nur vor Lärm und Hektik, sondern auch erfolgreich vor hohen Kosten für Handwerker, Putzfrauen und kommunale Abgaben. Vor allem aber bleiben im Wiener Umland die Mieten und Grundstückspreise vorerst auf relativ ländlich-bescheidenem Niveau. Zwar steigen mit den Einkommen auch die Kosten, aber viel moderater und zeitversetzt.

Einkommen gleichen sich an

In Wien zurück bleiben jedenfalls die „extrem schlecht verdienenden Migranten“ mit ihrer „niedrigen Beschäftigungsquote“, erklärt Bachmayer. Daran werde „sich so schnell nichts ändern“, weshalb „Niederösterreich seinen ersten Platz länger behaupten dürfte“.

Zumindest mit einer Erkenntnis der Studienautoren Christina Matzka und Andreas Nachbagauer dürften alle zufrieden sein: Betrachtet man ganz Österreich, sinken die realen Kaufkraftunterschiede. Das liegt zum Teil am Vormarsch der Handelsketten mit ihren Einheitspreisen. Vor allem aber gleichen sich die Einkommen immer stärker an – zwischen Ost und West, zwischen Stadt und Land.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.