Die Waorani, südamerikanische Indigene, rotteten sich in endloser Gewalt fast aus. 59 Prozent aller Erwachsenen kamen blutig zu Tode - erst die Ankunft einer neuen Religion hat dem Töten ein Ende bereitet.
Anno 1988 publizierte Napoleon Chagnon, geachteter Anthropologe, ein Buch über die Yanomami, Indigene in Brasilien, die er 25 Jahre beobachtet hatte, „The Fierce People“: 30 Prozent aller Todesfälle unter Männern waren durch Gewalt anderer Yanomami gekommen – Frauen fast keine –, 44 Prozent aller Männer hatten aktiv an tödlicher Gewalt, meist Rachefeldzügen, teilgenommen. So ein wildes Volk hatte man noch nicht beobachtet, aber anscheinend hatte die Aggressivität auch ihren Sinn: Laut Chagnon hatten die größten Totschläger den größten Fortpflanzungserfolg, offenbar arbeitete bei den Yanomami die Evolution in Richtung Gewalt.
Befund und Interpretation lösten harte Auseinandersetzungen aus. Zum einen wurden die Yanomami nach Chagnons Publikation in der brasilianischen Öffentlichkeit als „Killer“ wahrgenommen, auf die man nicht weiter Rücksicht zu nehmen habe: Es war die Zeit, als Holzgesellschaften und Goldgräber – 70.000 Mann – in die Stammesgebiete vordrangen. Vor allem brasilianische Anthropologen protestierten gegen Chagnon: Anthropologie in Brasilien sei „per se ein politischer Akt“, erklärte etwa Alcida Ramos (Brasilia). „500 Jahre lang sind Indianer getötet worden, ohne dass man das Wort ,Anthropologie‘ gekannt hat“, replizierte Chagnon (Science, 243, S. 1138).
Fördert Evolution Aggression?
Zum anderen gab es Zweifel an den Methoden Chagnons – ihm wurde vorgeworfen, die beobachtete Gewalt zum Teil selbst initiiert zu haben –, und dass die Evolution auf Mord und Totschlag selektiere, fand auch wenig Anklang. Wie sollte sie, sie würde ja in den Abgrund führen! Ungebremste Aggressivität kann das, das zeigt ein anderes indigenes Volk, dessen Gewalt die der Yanomami weit in den Schatten stellte, die Waorani: 59 Prozent aller Erwachsenen – Männer und Frauen – kamen blutig zu Tode, die meisten durch andere Waorani, in Rache ohne Ende. Das hat eine Gruppe um Stephen Beckerman (Penns) in der Rekonstruktion der Genealogie von 551 Waorani über fünf Generationen erhoben.
Aber bei den Waorani zeigte sich kein besonderer Reproduktionserfolg der blutigsten Krieger, im Gegenteil, sie fanden schwerer Frauen, da sie bzw. ihre Familien am höchsten von der nächsten Rache gefährdet waren. So trieben die Waorani ihre Ethnie in den Tod, sie waren 500, als sie 1956 ersten Kontakt mit Fremden hatten, fünf christliche Missionare kamen, sie lebten nicht lange. Die nächsten, zwei Frauen, hatten mehr Erfolg, sie setzten eine Befriedung in Gang. Sie brachten etwas, was die Waorani, anders als die Yanomami, nicht hatten entwickeln können, eine Domestizierung der Gewalt: Bei den Yanomami wurden keine Frauen getötet, und zwischen den Rachefeldzügen gab es lange Pausen, auch zur Reproduktion.
Die Waorani fanden aus eigener Kraft keinen Ausweg aus der Gewalt: „Es brauchte die Ankunft einer neuen Religion, gebracht von Frauen, die der Rache abgeschworen hatten“, schließen die Forscher. Heute gibt es etwa 2000 Waorani (Pnas, 11. 5.).
("Die Presse", Printausgabe, 12.05.2009)