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Schubert auf seinem Weg nach Bayreuth

(c) APA/FRANZ NEUMAYR/MMV
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Bei der Salzburger Ouverture spirituelle gab man die "Unvollendete" und den "Lazarus".

Es ist ja noch das Vorspiel. Da muss noch nicht alles perfekt sein. Seit Alexander Pereira am Werk war, haben sich die Salzburger Festspiele um eine Woche nach vorn ausgedehnt und bieten mehr Konzerte denn je. Musik mit geistlicher Konnotation soll dabei auftragsgemäß gespielt werden, bevor die erste Oper erklingt. Im Rahmen dieser Ouverture spirituelle gab man heuer auch Schubert in der Felsenreitschule – bei nur notdürftig verhüllter Kulisse der ersten Musiktheaterproduktion. Diese gilt Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexiko“ und lässt selbige offenbar auf einem Autoschrottplatz ausfechten. Doch so weit sind wir noch nicht. Besinnlich durfte man zunächst noch bei zwei Fragmenten werden, der „Unvollendeten“ und dem ebenso unvollendeten Oratorium „Lazarus“. Die Paarung ist klug, denn beide Kompositionen markieren Wendepunkte.

Den Weg zur großen Form wollte sich Schubert ja endlich bahnen, wie er in einem Brief bekennt. Zwei Sätze einer tatsächlich groß angelegten h-Moll-Symphonie waren ihm gelungen, ehe er mitten in der Ausarbeitung des Scherzos aufgab.

Den Weg zum durchkomponierten Musikdrama ebnete – nach etlichen Singspiel-Versuchen – die biblische Geschichte vom sterbenden Lazarus. Bei der Vertonung des barocken Textes kam der Skeptiker Schubert freilich nicht weiter als bis zu einem Verzweiflungsschrei der Martha angesichts des toten Bruders; von einer Wiedererweckung ist da noch nichts zu ahnen.

Auch können wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht ausmalen, was auf die in diesem Werk von Minute zu Minute zu verfolgende schrittweise Auflösung der musikalischen Formen hätte folgen können.

Wagners Dramaturgie, meinen viele Kommentatoren. Dann wäre Schubert, der sein kurzes Leben lang verzweifelt um die Bühne gerungen hat, der Vorkämpfer des Bayreuthers gewesen. Ein hübscher Gedanke.

Wir können ihn im Geiste weiterspinnen, während wir die Camerata Academica unter Ingo Metzmacher in retrospektiver Originalklang-Vibratoarmut schroffe Akzente, aber auch beinah unhörbare Pianissimi hervorbringen hören.

Manchmal können wir sie beinah nur sehen, denn man tritt in der riesigen Felsenreitschule – einst galt sie als ideale Herberge für Mahlers gigantische „Symphonie der Tausend“! – in Minimalbesetzung an.


Durcheinander, Unterbrechung. Wie auch immer: Was zu hören war, verriet durchwegs Metzmachers expressiven Gestaltungswillen. Wer da meint, Bläserintonation oder möglichst gleichzeitiges Einsetzen bei heiklen Akkorden sollte zur gründlichen Vorbereitungsarbeit zählen, ist wahrscheinlich rettungslos altmodisch, freut sich aber in demselben altmodischen Sinn über herrlich geblasene Klarinettensoli.

Auch der exzellente, kraftvoll singende Salzburger Bach-Chor und die Solisten entschädigen für die eine oder andere Unbill; etwa für die Tatsache, dass man wenige Minuten nach Beginn des „Lazarus“ so durcheinandergeriet, dass abgebrochen werden und das Oratorium noch einmal von vorn beginnen musste. Jedenfalls rangen Sophie Karthäuser und Marlis Petersen um den Sieg in engelgleichem Sopranklang – und hatten bei bedächtigen Tempi viel Zeit, ihre Edelstimmen blühen zu lassen. Maximilian Schmitt starb als Lazarus seinen lyrisch-stillen Tod, Werner Güra betrauerte ihn sanft und Thomas E. Bauer haderte gewaltig-eindringlich mit dem Gedanken ans Sterben.

Christiane Libor erlitt, nachdem ihr zu Anfang der Camerata-Klang weggebrochen war, am Ende nach hochdramatischer Entladung den zweiten, freilich effektvollen Abbruch – man schloss mit dem letzten von Schubert vollendeten Ton, mitten in der Arie, in der Dominante: auch die musikdramatische Erlösung bleibt nur eine Ahnung ...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2015)