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Die Menschen fürchten sich vor den falschen Dingen

Um uns herum gibt es viele Bedrohungen – die Menschen fürchten sich aber vor den falschen, wie der eben veröffentlichte Risikoatlas (einmal mehr) zeigt.

Was würden Sie antworten, wenn Sie gefragt würden, ob der Staat die Verwendung der Chemikalie Dihydrogenmonoxid (DHMO) reglementieren sollte? Immerhin ist diese Substanz der Hauptbestandteil von saurem Regen und von Tumoren im Endstadium, sie ist ein starkes Treibhausgas, sie führt zu Korrosion, zu Bodenerosion und bewirkt beim Einatmen alljährlich tausende Todesfälle. In einigen Umfragen, die in den vergangenen Jahrzehnten durchgeführt wurden, haben sich typischerweise mehr als drei Viertel der Befragten für ein Verbot von Dihydrogenmonoxid ausgesprochen (www.dhmo.org).

Die Fragestellung ist freilich hinterfotzig – denn es handelt sich bei DHMO, wie chemisch bewanderte Menschen sicher sofort bemerkt haben, um nichts anderes als um reines Wasser; die komplizierte chemische Bezeichnung wurde bewusst so gewählt, dass sie besonders gefährlich klingt.

Dieses Beispiel zeigt jedenfalls deutlich, dass die Menschen beim Umgang mit möglichen Gefahren und Risken sehr unsicher sind bzw. sehr leicht verunsichert werden können. Das gilt insbesondere bei Nahrungsmitteln: Laut Eurobarometer-Umfragen halten die Österreicher folgende fünf Faktoren für die größten Risken bei Lebensmitteln: genetisch veränderte Organismen (GVO), Pestizide, Radioaktivität, Lebensmittelzusatzstoffe und allergieauslösende Substanzen.

Dem gegenübergestellt hat nun die Agentur für Ernährungssicherheit (Ages) einen „Risikoatlas“, in dem Gesundheitsrisken rund um Lebensmittel von Experten systematisch bewertet wurden (www.ages.at). Eine zentrale Botschaft lautet: Die Menschen fürchten sich vor den falschen Dingen. Die Expertenurteile und die öffentliche Wahrnehmung der Top fünf decken sich nämlich nur in einem Punkt: bei Allergenen. In den anderen vier Faktoren, die die Österreicher am meisten beunruhigen, sehen die Experten hingegen keine großen Risken. Dafür rücken sie andere Faktoren in den Vordergrund, die von der Öffentlichkeit kaum beachtet werden: pathogene (krankmachende) Mikroorganismen, Fehlernährung, Mykotoxine (Pilzgifte) und toxische Substanzen (wie etwa Schwermetalle).

Dass sich die Einschätzung der Konsumenten dermaßen stark von realen Risken unterscheidet, hat wohl vor allem zwei Gründe: das (leider) mangelhafte Wissen vieler Menschen über Naturwissenschaften und die bisweilen manipulativ-einseitige Berichterstattung so mancher Massenmedien.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2015)