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Michael Landau: „Neiddebatten bringen uns nicht weiter“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Caritas-Präsident Michael Landau spricht über Habgier und kurzsichtiges politisches Handeln, stößt sich an Diskussionen über angebliche soziale Hängematten und erzählt, wie er als Biochemiker zur Theologie kam.

Die Presse: Wir sind ja jetzt in der Gruft (Obdachloseneinrichtung in Wien). Ist Geld hier ein größeres Thema als anderswo?

Michael Landau: Für unsere Klienten ist Geld ein großes Thema. Die Menschen sind hier, weil sie nicht wissen, wie sie aus eigener Kraft den Alltag bewältigen sollen. In unsere Beratungsstellen kommen Menschen, die vor der Frage stehen, ob sie ihre Miete zahlen können, ob sie ein kaputtes Haushaltsgerät erneuern, Mütter, die bis zur Gesundheitsgefährdung bei ihrer Ernährung sparen, damit in der Schule nicht auffällt, dass das Kind aus einer armen Familie kommt.

Ist es tatsächlich so, dass es in Österreich immer mehr Arme gibt, oder ist das ein statistischer Effekt, weil sich die Armutsgrenze nach oben verschiebt?

Es ist nicht allzu lang her, dass auch der Rechnungshof unterstrichen hat: In Österreich wächst beides, Armut und Reichtum. Die Auswirkungen der Armut werden bei uns in der Caritas sichtbar. Wir haben im Vorjahr mehr als 110.000 warme Mahlzeiten ausgegeben, das ist ein neuer trauriger Rekord.


Weil Sie sagen, es gibt immer mehr Arme und immer mehr Reiche – besteht da Ihrer Meinung nach ein Zusammenhang?

Ich glaube, dass die Wirtschaftskrise dazu führt, dass Menschen, die schon zuvor in einer schwierigen Situation waren, ihren Alltag jetzt noch schwerer bewältigen können. Sie sind von einer Krise erfasst, die sie nicht verursacht und von der sie vorher auch nicht profitiert haben.


Und wer hat von der Krise profitiert?

Wenn man sich die Dinge im internationalen Kontext anschaut, hat man den Eindruck, dass die Ursache mit Habgier und kurzsichtigem politischen Handeln zu tun hat.


Wessen Habgier?

In den USA wurden Kredite an Menschen vergeben, die solche Kredite nicht hätten erhalten sollen. Mit diesen Krediten haben einige eine Zeit lang gut verdient. Aber wir als Caritas sind weder Steuer- noch Finanzexperten. Es geht um die gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Menschen an den Rändern nicht zu vergessen. Da kommen wir mit Neiddebatten nicht weiter, weder am oberen noch am unteren Rand.

Gibt es mehr Neid am unteren Rand, also mehr Aggressionen gegen Arme oder Flüchtlinge?

Was mir auffällt, ist, dass gern im Sommer Diskussionen über angebliche soziale Hängematten geführt werden. Doch wer unsere Sozialberatungsstellen besucht, weiß, wer von sozialen Hängematten spricht, hat von der Wirklichkeit der Betroffenen keine Ahnung. Ich wünsche mir mehr Sensibilität, aber auch eine redliche Debatte: Der Sozialstaat nützt allen, nicht nur den Armen. Ich bin gesund, habe ein Einkommen, von dem ich leben kann, und bin Nettozahler im Sozialsystem. Am Anfang meines Lebens war ich Nettoempfänger – meine Eltern hätten meine Ausbildung nicht zahlen können –, und am Ende meines Lebens werde ich, wie die meisten, wahrscheinlich wieder Nettoempfänger sein.


War Geld für Sie je ein Problem, zum Beispiel zu Studienzeiten?

Ich habe in meiner Studienzeit immer versucht, etwas dazuzuverdienen. Für meine Eltern war es nicht möglich zu studieren. Ich bin ihnen dankbar, dass sie meinem Bruder und mir das Studium ermöglicht haben. Ich habe immer gespart und kann mir bis heute nur schwer vorstellen, Schulden zu haben.

Jetzt verdienen Sie besser als zu Studienzeiten. Gibt es Dinge, die Sie sich erst jetzt leisten?

Ich bin als Priester Mitarbeiter der Erzdiözese Wien und komme mit dem Gehalt gut aus. Caritas-Präsident bin ich ehrenamtlich. Ich habe keine Kinder und keine Enkel, für die ich sparen muss. Ich leiste mir ein Abo für das Klangforum Wien. Als mir mein Vater ein bisschen Geld überlassen hat, habe ich ein Bild gekauft, das ich schon ewig haben wollte. Daran erfreue ich mich jeden Tag.


Was für ein Bild ist das?

Ein Aquarell von Markus Prachensky.


Gibt es Leute, die finden, als Caritas-Direktor sollten Sie gefälligst sparsamer leben?

Ich habe selbst einen Dauerauftrag als Spender. Und natürlich muss und möchte ich so leben, dass ich es verantworten kann vor den Menschen, mit denen ich unterwegs bin. Zugleich glaube ich, dass jemand, der sich an den Dingen des Alltags nicht erfreuen kann, zu einer traurigen Erscheinung wird. Wenn ich mit meinem Bruder essen gehe, genieße ich das. Natürlich versuchen wir beide, vernünftig zu sein bei der Auswahl der Lokale.

Sie haben Biochemie studiert. Was wollten Sie werden?

Chemie hat mich immer interessiert, ich habe während der Schulzeit die Chemie-Olympiade gewonnen. Beim Studium hatte ich keine bestimmte Berufsausbildung im Blick, sondern ich wollte etwas studieren, was mich interessiert.


Zur Theologie sind Sie relativ spät gekommen. Wie kam das?

Im Zuge meines Chemiestudiums ist der Gedanke gewachsen, Priester zu werden. Zuerst habe ich mir gedacht, dass das eine blöde Idee ist. Mein Vorurteil als Naturwissenschaftler war: Das ist keine Wissenschaft. Das Studium hat sich aber wider Erwarten als interessant herausgestellt. So bin ich nach dem Chemiestudium ins Priesterseminar eingetreten.


Hatten Sie damals schon mit dem praktischen Aspekt der Theologie zu tun?

Ich wurde zu Hause dahingehend geprägt, dass man auf jene achtet, denen es nicht so gut geht. Meine Eltern haben sich sehr über Ungerechtigkeit ärgern können. Es braucht die unmittelbare Hilfe von Mensch zu Mensch, aber auch das Bemühen um mehr Gerechtigkeit in einer Gesellschaft.


Ist Reichtum ab einer gewissen Grenze unmoralisch?

Papst Franziskus sagt in „Evangelii Gaudium“, dass Solidarität die Reaktion auf die Erkenntnis ist, dass die universale Bestimmung der Güter als Wirklichkeit älter ist als der Privatbesitz. Das gemeinsame Ziel aller muss sein, dass die Armen keine Armen mehr sind.


Und die Reichen keine Reichen mehr?

Nein, es geht nicht um Kritik am Wohlstand, sondern um Verantwortlichkeit. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass Einzelne zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel haben. Reichtumsinseln in einem Meer von Armut sind auf Dauer nicht stabil.


Hat Bill Gates also zu viel?

Wir kommen mit Neiddebatten nicht weiter, weder am oberen noch am unteren Rand. Ich habe oft mit Menschen zu tun, denen es sehr gut geht und die sozial verantwortlich handeln. Diese Haltungen gilt es zu fördern und nicht Armutsdebatten am unteren Rand zu schüren, wo Schwache gegen noch Schwächere ausgespielt werden.


Wer macht das?

Ich habe den Eindruck, dass die Botschaft kommuniziert wird, das Boot ist voll, obwohl zwei Drittel der Gemeinden keinen Flüchtling unterbringen. Das führt dazu, dass Menschen, denen es in unserem Land nicht so gut geht, Zukunftsängste haben. Diese Ängste muss man ernst nehmen. Aber es ist auch wichtig, sich auf die humanitäre Tradition Österreichs zu besinnen.


Was erwarten Sie sich von den Politikern?

Vieles sähe anders aus, hätten sie mehr Blickkontakt mit der Armut. Von Zeit zu Zeit begleiten uns Politiker beim Nacht-Streetwork der Gruft. Ich würde mir wünschen, dass die Bundesregierung oder die Landeshauptleute ihre nächste Besprechung in Traiskirchen abhalten und sehen, wie das ist, wenn eine Mutter mit einem Kind im Freien übernachtet. Dann müssen sie sich fragen: Wollen sie das, oder wollen sie das lieber ändern? [ Fabry ]