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Bayreuth: Es wird ein Liebestrank sein . . .

(c) APA/Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele 2015
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Katharina Wagner erzählt die Geschichte von "Tristan und Isolde" mit Anspielungen auf andere als Richard Wagners Dichtungen gradlinig simpel. Christian Thielemann bringt hingegen die vertracktesten Seelenwirrnisse zum Klingen.

Es wird behauptet werden, die Urenkelin Wagners hätte dessen Werk verharmlost. Doch dem ließe sich trefflich entgegenhalten, dass die jüngere Aufführungsgeschichte der Bayreuther Festspiele zu „Tristan und Isolde“ nicht wirklich Erhellendes beigetragen hat. Jean-Pierre Ponnelle war der letzte Regisseur, der ernsthaft versucht hat, auf dem Grünen Hügel die Geschichte des unglücklichen Liebespaars und seiner Träume von der wunderbaren Nacht und dem öden, schrecklichen Tag ernsthaft zu erzählen. Danach herrschten Theatermacher, die in ihren Produktionen zuvörderst sich selbst, und dann erst, wenn überhaupt, ein Stück darzustellen belieben.

In diesem Sinne darf man Katharina Wagners Inszenierungsversuch als einen Schritt in die richtige Richtung bezeichnen. Immerhin hat man das Gefühl, es ginge drei Akte lang um Tristan und Isolde. Das ist ja heutzutag schon allerhand.

 

Kühne akustische Raumkonzepte

Die ersten zehn Minuten steuern überhaupt auf einen großen Wagner-Abend zu, denn was Christian Thielemann dem Bayreuther Festspielorchester im Vorspiel entlockt, zählt zu den mirakulösen Erfahrungen, die ein Musikfreund machen kann. Die Akustik des Festspielhauses beherrscht der Kapellmeister längst souverän. Also weiß er auch Klangfarben zu nutzen, bringt sie als neues, wichtiges Element der musikalischen Erzählung ins Spiel. Wie sich Bläser- und Streichervaleurs miteinander mischen, wie sie hie und da auch disparat nebeneinander stehen, das führt zu quasi kontrapunktischen Überlagerungen, die dem Klang zu ungeahnter Räumlichkeit verhelfen. Es sind nicht nur die viel beschworenen harmonischen Kühnheiten, die der „Tristan“-Partitur ihr avantgardistisches Gesicht verleihen. Es ist auch der Farbenzauber, die geheimnisvolle Leuchtkraft dieser Musik, deren raffinierten Schichtungen simple Dur- oder Moll-Akkorde das eine oder andere Mal wie dissonante Störfaktoren entgegenstehen.

Die Energien, die Thielemann nicht nur aus melodischen oder rhythmischen Figuren, sondern auch aus dem Widerstreit farblicher Nuancierungen freischlägt, verleihen der Aufführung eminente Dynamik, in den kräftig pulsierenden Passagen wie auch in jenen Augenblicken, da die Zeit stillzustehen scheint. Hier sorgt auch die Tempodramaturgie für den rechten musikdramatischen Pulsschlag: Oft unterbricht eine Phase der stillen Introspektion einen nach außen hin bewegten Dialog. Das rasante Grundzeitmaß nehmen die Musiker danach präzis wieder auf, als hätte es die betrachtende „Unterbrechung“ gar nicht gegeben.

Unwillkürlich wird man an Wagners kühne Raumkonzeptionen erinnert: In der „Götterdämmerung“ spricht er davon, dass er an einer Stelle (knapp vor Siegfrieds „Rheinfahrt“) eigentlich zwei Orchester brauchte, um den Widerstreit der Gefühle der Akteure hörbar zu machen. Ähnliche Problemstellungen bieten sich schon im „Tristan“ – und Thielemann, der kongeniale Wagner-Interpret, spürt sie auf und löst sie mit sicherem Instinkt auf: Die Botschaft wird – etwa wenn am Ende des ersten Aufzugs Außen- und Innenwelt schmerzlich aufeinanderprallen – für den Hörer sinnfällig.

Solch tiefer musikalischer Deutungskunst kann, machen wir uns nichts vor, kein Regisseur heutzutag auch nur annähernd Adäquates entgegensetzen. Auch Katharina Wagner nicht. Sie versucht aber immerhin, einen monophonen Erzählstrang von Anfang bis zum Ende der Vorstellung durchzuziehen. Tristan und Isolde lieben einander vom ersten Moment an. Sie haben einander schon geliebt, bevor der Vorhang hochgezogen wird. Sie werden einander bis in den Tod lieben. Man weiß das. In Bayreuth sieht man es nun auch – vielleicht ein bisschen zu krass in Bewegungen, Gebärden und – wie bedeutsam sind sie in Wagners Dichtung – in Blicken.

Jedenfalls benötigt dieses Paar keinen „Elisir d'amore“, nicht einmal ein Glas Rotwein. Die bloße Drohung, den Todestrank zu trinken, genügt zur vollständigen Enthemmung. Unter dem Motto „Es wird ein Liebestrank sein, und wir werd'n nimmer sein“, küsst man sich ja schon eine Viertelstunde, bevor Wagner das offiziell erlaubt. Man wird dann missbraucht in König Markes Menschen-Labor, wo sich die Liebesversuchskaninchen so gut es geht einzurichten versuchen. Weitere Figuren sind nur als Komparserie geduldet, etwa um im entscheidenden Moment Tristan meuchlings die tödliche Wunde zuzufügen, die er im dritten Aufzug für seine Fieberfantasien braucht.

Im Wesentlichen stehen die Titelhelden während des zentralen Duetts still nebeneinander und singen; den ersten Abschnitt sogar mit dem Rücken zum Publikum, was ein wenig kaschiert, dass weder Evelyn Herlitzius noch Stephen Gould dem Pianissimo-Orchesterzauber Gleichwertiges entgegenzusetzen haben. Eher schon versteht man sich auf die gewaltigen, mit unversieglichen Kraftreserven geschleuderten Flüche in den Außen-Akten. Da werden wahrlich imposante Töne hörbar, von den Trabanten kernig-sicher (Iain Patersons Kurwenal) oder etwas angestrengt (Christa Mayer als Brangäne) pariert.

 

König Menschenverächter

Ebenmäßig schön strömt die Vokallinie nur bei Georg Zeppenfelds in allen Registern sonorem König Marke, den die Regie freilich zwingt, einen grausamen, in keiner Faser mitleidvollen Menschenverächter zu mimen Das steht quer zur Musik, hat aber im Rahmen der konsequent gesponnenen Intrige seine Logik. Der König zieht sein Weib am Ende von Akt II, aber auch nach dem „Liebestod“ an Tristans Bahre mit sich. Er hätte das mit Fug und Recht schon auch im ersten Finale tun können, dann wäre eine gewisse Symmetrie im Szenischen garantiert. Aber die ist wohl nicht beabsichtigt, denn die Dekors von Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert sind von Akt zu Akt völlig verschieden; ein stilistisches Bühnen-Allerlei, in dem man sich zunächst im Treppen-Wirrwarr nicht finden kann, dann im schwarzen Kabinett unter ständiger Beobachtung steht, bevor zuletzt Tristans Visionen nach Jahrmarktsbuden-Art sichtbar werden.

Das hat zumindest niemanden verstört. Freundlicher Applaus für alle zuletzt, Jubel um das Liebespaar und den Bayreuther Chefdirigenten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2015)