Kurt Stüwe, Forscher in Graz, weist auf ein völlig übersehenes Problem des Projekts hin. Denn: „Nur an die Erosion hat niemand gedacht“, berichtet Stüwe.
„Im ,worst case‘ werden die Täler in den Yucca Mountains in 500.000 Jahren in die Tunnels des geplanten Endlagers einschneiden“, berichtet Kurt Stüwe (Erdwissenschaften, Uni Graz) der „Presse“: „Im ,best case‘ wird es fünf Millionen Jahre dauern.“ Damit kommt aus der entlegensten Grundlagenforschung – Stüwe ist Spezialist für Plattentektonik – ein völlig neuer Aspekt in eines der politisch am heißesten umstrittensten Projekte der USA der letzten Jahrzehnte.
Es begann 1978, als Präsident Jimmy Carter eine „Interagency Review Group“ damit beauftragte, sich nach einem geeigneten Gelände für ein Endlager des radioaktiven Mülls der USA umzusehen. Das Energieministerium engte auf neun Kandidaten ein, unter ihnen waren die Yucca Mountains in Nevada, man hatte in der Region früher unterirdische Atombombentests durchgeführt. Dann setzte eine breite NIMBY-Bewegung ein – „Not in my backyard!“ –, niemand wollte das Lager, 1987 war von allen Kandidaten nur noch Nevada übrig geblieben, es war ein schwacher Bundesstaat, und wenn in den Bars in Las Vegas die Gläser bei einem Bombentest klirrten, regte das nicht allzu viele auf: Der US-Kongress beschloss den Bau, geplante Eröffnung 1998.
Also wurden in der Geisterlandschaft dieser Berge, in denen es kaum regnet und auf denen nichts gedeiht, Tunnels gebohrt, aber allmählich formierte sich Widerstand, vor allem in Las Vegas, das um die Spieler fürchtete, aber auch der Bundesstaat und Umweltschützer bilden eine Front.
Bestuntersuchtes Stück der Erde
Und die Forschung fand immer neue Probleme in den Bergen, die vor Jahrmillionen vulkanisch entstanden, vor neun Millionen Jahren waren die letzten Ausbrüche, seitdem herrscht Ruhe. Nicht ganz, man fand eine Stelle, die vor 75.000 Jahren aktiv war. Das ist für Geologen nicht viel, für Atommüll auch nicht: Das Lager muss, so beschloss es die US-Umweltbehörde EPA 2005, eine Million Jahre halten. Also kam eine Studie nach der anderen, die Yucca Mountains sind vermutlich das am besten untersuchte Stück der Erde.
„Nur an die Erosion hat niemand gedacht“, berichtet Stüwe, der das Versäumte nachgeholt hat: Selbst in den Yucca Mountains gibt es Niederschlag, nur 15 Zentimeter pro Jahr, aber manchmal kommen die an einem Tag. Dann schneiden sich die Flüsse ein, man weiß das vom Himalaya, Stüwe hat es für die Yucca Mountains durchgerechnet, er kommt auf die 500.000 bis fünf Millionen Jahre: Dann wären die Berge weg, der Müll läge im Freien. Gefährlich würde es allerdings schon viel früher, weil sich mit dem Einschneiden der Flüsse auch das Grundwasser ändern würde (Geomorphology, 5.4.).
Wird das Einfluss haben auf das Projekt? Vielleicht gibt es ihm den Rest: Derzeit ist es so gut wie tot, aus politischen Gründen, Harry Reid, der Vertreter Nevadas, führt die demokratische Mehrheit im US-Senat, Präsident Obama hat die Finanzierung auf ein Minimum zurückgefahren, 500 der 1400 Beschäftigten wurden entlassen, selbst die Beleuchtung in den Tunnels musste abgedreht werden. Das ändert nichts daran, dass auch hoch aktiver Atommüll quer durch das ganze Land bei den Reaktoren zwischengelagert wird, insgesamt leben 161 Millionen Bürger in jeweils fünf Meilen Abstand zu den 77 Lagern. Ins Brennen darf keines kommen, ins Fadenkreuz von Terroristen auch nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2009)