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Salzburger Festspiele: Clavigo schlägt sich mit Hanswurst

(c) APA/BARBARA GINDL
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Stephan Kimmig inszeniert Goethes frühes Drama frisch gegendert mit einer Titelheldin. Doch das Original wird lieblos behandelt. Und sonst? Viel heiße Luft.

Als Johann Wolfgang von Goethe ein verspielter Twen war, wollte er hoch hinaus und hinterließ in Liebesdingen einige Kollateralschäden. „Hinauf!“, heißt es damals im Gedicht „Ganymed“. Auch der Titelheld seines Trauerspiels „Clavigo“ ist ein Aufsteiger, der autobiografische Züge haben könnte. Dieser Journalist und Archivar bei Hofe begeht Liebesverrat aus Karrieregründen. Goethe vollendete das Stück 1774 in acht Tagen, es ist das erste unter seinem Namen publizierte. Kurz danach erschien der Bestseller „Die Leiden des jungen Werther“, der ultimative Roman gebrochener Herzen. Er machte den Stürmer und Dränger in ganz Europa bekannt. Bei so viel Aufwärtsbewegung scheint es logisch, dass Eva-Maria Bauer die Bühne des Salzburger Landestheaters für „Clavigo“ mit einem mächtigen blauen Heißluftballon ausgestattet hat. Begannen doch vor 240 Jahren die Brüder Montgolfière mit ihren Flugexperimenten. Aber, ach! Recht schlaff liegt in Salzburg die Hülle auf dem Boden. Erst am Ende, als Clavigo und das von ihm verschmähte Fräulein Beaumarchais eigentlich bereits tot sind (gebrochenes Herz bei Marie, Stichwunde des rächenden Bruders Beaumarchais bei Clavigo), steht der Ballon nach zwei Stunden Spiel aufgerichtet da. Das untote Paar steigt in den Korb, doch das Ding bleibt auf dem Boden.

 

Trauerspiel mit roten Nasen

Leider stimmt das Symbol auch für Stephan Kimmigs Inszenierung von „Clavigo – frei nach Goethe“, die am Montag bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte. Sie kann nicht fliegen. Die Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin zeigt Pappnasen-Theater mit gekünstelten Verfremdungen. Passagen mit lieblos deklamierten Originaltexten sind wenig inspiriert, Versuche der Transformation ins Gegenwärtige wirken aufreizend aufgesetzt. Selbstverliebt schickt Kimmig Goethe auf den Egotrip, aber eher mit unbeholfener Kraft denn mit Genialität. Die Botschaften sind hohl bei diesem Jahrmarktsfest voll eitlem Weltschmerz.

Man ist von Anfang an gewarnt. Das Trauerspiel beginnt mit einer Zirkusnummer. Statt eines Vorhangs hängt blaue Fallschirm-Seide von der Bühne. Das auf fünf Darsteller reduzierte Ensemble tritt nach und nach an die Rampe, mit roten Nasen, sie plärren, turnen, bohren in Körperöffnungen, fast wie Clowns. Clavigo ist eine Frau – Susanne Wolff im üppige Formen vortäuschenden Glitzerkleid. Die von ihm/ihr verlassene Marie entpuppt sich als Mann: Der mit Gardemaß ausgestattete Marcel Kohler gebärdet sich als Harlekin. Und Herrn Maries rächender Bruder Beaumarchais? Noch eine Sie: Kathleen Morgeneyer spielt nicht nur diesen Schwester-Bruder, sondern später auch noch mit Lust den Hanswurst aus Goethes derber, genital- und analfixierter Farce von 1775, die Fragment geblieben ist. Wenig Kontur erhält Franziska Machens als Buenco – auch dieser vergeblich in Marie verliebte junge Mann ist weiblich. Nur Moritz Grove darf in dieser seltsamen Genderfarce das eigene Geschlecht verkörpern. Er gibt Clavigos Freund Carlos wie einen leicht distanzierten Beobachter, wie den profitgierigen Agenten für eine aufstrebende Künstlerin. Alle spielen sie beherzt, aber auch mit Herzenskälte.

 

Videonostalgie in Schwarz-Weiß

Wozu denn die Verfremdung, das Kasperltheater, die schrägen Perücken und Reifröcke? Penetrant heißt es „Hinauf! Hinauf!“ Allerlei aktuelles Beiwerk nervt. Die redundante Musik von Pollyester signalisiert zwar zumindest ansatzweise, dass man auf der Höhe der Zeit sei. Einige moderne Balladen hingegen, manche religiös verbrämt, und ein herziges Schwarz-Weiß-Video in Großformat auf der gebauschten Leinwand erscheinen als Nostalgie auf die Nullerjahre. In Großaufnahme wird gezeigt, wie Clavigo und Marie durch die Stadt zogen, sich liebten, gefährliche Spiele mit Plastiktüten wagten. Eine davon, die sich Marie später über den Kopf stülpt, trägt das Logo der Saatchi Gallery. Jeder Konsument, sogar in Plundersweilern, soll merken, dass Künstler es auch heute schwer haben, berühmt zu werden, und noch viel schwerer, berühmt zu bleiben.

Kimmig macht Clavigo zum Hanswurst. Viele seiner Aktualisierungen sind simple Botschaften, wenn etwa mit Jean Ziegler vor Globalisierung gewarnt wird. Oder wenn Beaumarchais Clavigo zu einem Geständnis seines Verrats an Marie zwingen will: Da droht er/sie nicht mit einem Flugblatt, sondern rückt mit einem Kamerateam an, um Clavigos gebrochenes Heiratsversprechen zu enthüllen. Ja, wir sind hier in einer billigen Show im Privatfernsehen. Thema heute: Du Schlampe hast mit meinem Bruder rumgemacht, und jetzt musst du bluten. Das ist der Stoff, aus dem die Heißluft-Träume sind.

SALZBURGS THEATERPROGRAMM

„Clavigo“ wird im Salzburger Landestheater noch am 29., 31. 7. sowie am 2., 4., 6., 7., und 9. 8. gezeigt.

„Die Komödie der Irrungen“ hat am 1. 8. auf der Pernerinsel in Hallein Premiere. Weitere Termine: 3., 5., 6., 8., 9., 11., 12., 15., 17., 19., 22. 8.

„Mackie Messer“ hat am 11. 8. in der Felsenreitschule Premiere. Weitere Termine der Salzburger „Dreigroschenoper“: 13., 14., 16., 20., 23., 25., 27. 8.

„Jedermann“ ist diese Saison noch am 29. 7. sowie am 1., 5., 9., 12., 15., 18., 21., 22., 29. 8. zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2015)