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Da schau her: Sie spielen wirklich den "Figaro"

"Figaro" in SalzburgAPA/BARBARA GINDL
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Interimsintendant Sven Eric-Bechtolf hat die wunderbare Komödie beinah genau so inszeniert, wie sie in Lorenzo da Pontes Textbuch steht, und beschert den Festspielen damit die vielleicht beste Mozart-Inszenierung seit Langem.

Wer hätte das gedacht? Nach völligen Verstümmelungen oder überladenen Um- und Neudeutungen spielen die Salzburger Festspiele „Figaros Hochzeit“, wie das Libretto die Komödie vorgibt. Oder zumindest beinah so.

Am Premierenabend ließ sich sogar über weite Strecken vergessen, dass das mittlerweile Haus für Mozart genannte Kleine Festspielhaus akustisch (auch) für Mozart völlig ungeeignet ist. Die Akustik spielt nicht die Hauptrolle spielt an diesem Abend.

Verkehrte Festspielwelt: In der jüngeren Vergangenheit war man ja oft froh, sich bei geschlossenen Augen auf die Klänge konzentrieren zu dürfen, um ungestört von optischen Unbilden wenigstens einen Hauch von Mozarts Poesie mitzubekommen.

Eine filmreif schöne, junge Besetzung

Mit der Poesie hat's die Salzburger Neuproduktion nicht unbedingt. Das wäre der einzige Einwand, den ein länger dienender Festspielbesucher vorbringen könnte. Gewiss, die erhabenen Augenblicke in dem von einer Edelstimme vorgetragenen Riondo der Gräfin, die traumverlorene Stimmung, die der lyrische Zauber von Susannes Rosenarie evozieren kann, sie stellen sich diesmal nicht ein, denn die Soprane leiden ein wenig an Anämie und mangelnder Sicherheit in den höheren Regionen.

Doch war man andererseits nie so glücklich, dass eine „Figaro“-Besetzung ganz offenkundig vorrangig nach optischen Kriterien gewählt wurde. In Salzburg anno 2015 wird das Stück nämlich gespielt – beinah ohne Wenn und Aber, und das filmreif. Ein bisschen Aber und ein kleines Wenn provoziert die Ausstattung: Alex Eales versetzt die Handlung ins frühe 20.Jahrhundert in ein schon etwas heruntergekommenes Schloss, in dem aber die feudalen Strukturen noch recht gut funktionieren. Nebst den von Lorenzo da Ponte vorgeschriebenen Schauplätzen sieht man immer auch noch Nebenräume, Keller- oder Dachgeschoße, in denen Regisseur Sven-Eric Bechtolf, dem das Durcheinander in Beaumarchais' „Folle journée“ offenbar nicht genügt, zeigen kann, was sonst hinter der Bühne vor sich geht.

Noch mehr Handlung als gewohnt

Das erläutert die Handlung, pfropft ihr kaum unnötige Aperçus und schon gar keine neunmalklugen Kommentare auf. Es wird sozusagen auf allen Ebenen „Figaro“ gespielt. Auch im Orchestergraben, in dem Dan Ettinger die Musikfreunde überrascht, entpuppt er sich doch als veritabler musikalischer Leiter dieser Produktion, dirigiert nicht nur mit viel Gespür für die Ein- und Ausschwingvorgänge vokaler Phrasen und deren eloquente Gestaltung, sondern begleitet auch die Rezitative am Hammerklavier.

Er tut es mit Geschmack und Sensibilität, macht Sänger wie Philharmoniker zu seinen Kammermusikpartnern. Auf diese Weise darf er sich leisten, vergleichsweise ruhige Tempi anzuschlagen, die natürliches Parlando möglich machen und den Instrumentalsolisten die Chance geben, ihre Melodien geschmeidig zu modellieren. Da wird keine Interpretation erarbeitet, sondern musiziert, so herzhaft, wie man es in Salzburg lang nicht gehört hat. Das Stück klingt so lebendig und differenziert, wie es auf der Szene ausgespielt wird.

Wobei Luca Pisaronis jähzorniger, im Grunde aber unsicherer Graf Almaviva nicht nur schauspielerisch, sondern auch stimmlich imposant erscheint.

„Das Studium der Weiber...“

Adam Plachetka ist ihm ein ebenbürtiger Widersacher, ein Figaro von einiger Bauernschläue, dem freilich seine raffiniert-eloquente Susanna, Martina Janková, hie und da auf die Sprünge helfen muss. Allein gelassen, denkt er die Dinge oft nicht zu Ende. Doch läuft sein kräftiger Bassbariton im abschließenden Gartenbild (im stimmungsvollen gräflichen Gewächshaus) zur vollen Form auf, wenn es allzu unreflektiert, dafür umso heftiger gegen „die Weiber“ geht... Das zarteste männliche Pflänzchen im Spiel mimt Margarita Gritskova. Sie agiert in der Hosenrolle des Cherubin hinreißend burschikos, selbst wenn sie dank des Verwirrspiels längst Frauenkleider tragen muss.

Dass der Musiklehrer Basilio (Paul Schweinester) diesem wunderschönen Knaben ebenso wie die gesamte Damenwelt im Schloss verfallen ist – der schon sehr fraulich-satt tönenden Barbarina von Christina Gansch inklusive –, ist der einzig wirklich mutwillige Zusatz zur ohnehin schon verwickelten Intrige, die Ann Murray als Marzelline und Carlos Chausson (besonders sonor) als Bartolo kräftig unterzünden.

Anett Fritsch wandelt, von Ausstatter Mark Bouman attraktiv eingekleidet, als melancholische Gräfin mehrheitlich gesenkten Hauptes durch das Bühnenleben; auch ganz zuletzt scheint sie keinen Trost zu finden, greift aber dann doch zum Champagnerglas, das ihr vom Ehemann, der so flehentlich um Pardon gebeten hat, gereicht wird.

Da hat längst der tosende Applaus begonnen, denn Bechtolf reicht Da Pontes „corriam tutti a festeggiar“ quasi auftragsgemäß an das Auditorium weiter, das tatsächlich einhellig mitfeiert.

„FIGARO“ LIVE UND IM TV

„Le nozze di Figaro“, inszeniert von Sven-Eric Bechtolf, im Salzburger Haus für Mozart. Aufführungen mit Anett Fritsch, Martina Janková, Adam Plachetka, Luca Pisaroni und Margarita Gritskova unter Dan Ettinger am 28. Juli, 9., 12., 15. und 18. August (abends) sowie am 2. und 15. August (nachmittags).

Servus TV überträgt die Produktion im Verein mit Unitel am 9. August (Beginn um 17.55 Uhr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2015)