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Ist ein Komplexler, wer keine Völkerwanderung will?

Wähler zu verhöhnen, die Angst vor unerfreulichen Folgen der Migration haben, ist hoffärtig, anmaßend und löst kein einziges Problem.

Europa, notierte angesichts der anschwellenden Migrantenwellen schon vor ein paar Monaten die angesehene linksliberale Publizistin Barbara Coudenhove-Kalergi, „bekommt ein neues Gesicht, ob es den Alteingesessenen passt oder nicht. Wir leben in einer Ära der Völkerwanderung. Sie hat eben erst begonnen, und sie wird mit Sicherheit noch lang nicht zu Ende sein.“

Wie wenig es einem erheblichen Teil der Alteingesessenen passt, dass ihr angestammtes Habitat in Mittel- und Nordeuropa zum Ziel einer neuen Völkerwanderung aus Afrika, dem Mittleren Osten und vor allem auch dem Balkan wird, zeigt sich in diesem Sommer von Tag zu Tag mehr. In Österreich scheint der Stimmenpegelstand der FPÖ direkt an die Zahl der Zuwanderer gekoppelt zu sein. Dass diese Völkerwanderung unvermindert und unbegrenzt voranschreiten kann, ohne dass es zu gröberen Konflikten zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten kommt, wird auch eine kulturbereicherungsfreudige Frohnatur nicht wirklich erwarten dürfen. Die kuschelige Völkerwanderung hat die Geschichte nämlich noch nicht erfunden.

Eine höchst bemerkenswerte Erklärung dafür, warum manche der Alteingesessenen den Fremden gegenüber eher minimalistische Willkommenskultur zeigen, hat jüngst der Salzburger Landeshauptmann, Wilfried Haslauer, entwickelt. Die „Angst vor dem Fremden“, so sprach er bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele, sei „natürlich nichts anderes als ein Mangel an Selbstwertgefühlen“.

Wir verstehen. Wem es zum Beispiel nicht passt, dass in Europa ein importierter radikaler Islam zunehmend dreist gegen die so mühsam errungenen Werte der Aufklärung vorgeht, dass eine frauen- und schwulenfeindliche Mentalität im Milieu der islamischen Migration besonders gut gedeiht, dass der autoritäre politische Islam der Türkei zunehmend bei uns Filialen eröffnet, dass dank einer falschen Einwanderungspolitik der Vergangenheit in Teilen Europas ganze muslimische Gegenkulturen entstanden sind, in denen die westlichen Werte wenig zählen – der ist eben ein von einem „Mangel an Selbstwertgefühl“ gebeutelter Komplexler.

Einem Wähler, der aus berechtigten – und vielleicht auch unberechtigten – Gründen Angst vor bestimmten Aspekten dieser Völkerwanderung hat und dem das bisherige Gesicht Europas vielleicht besser gefallen hat als das neue, von oben herab zu bedeuten, dass er einen Minderwertigkeitskomplex habe – auf diese Idee muss man erst einmal kommen.

Besser als durch diese anmaßende Einlassung kann man nicht beschreiben, warum immer mehr Menschen ziemlich übellaunig werden, wenn ihnen von den politisch-medialen Eliten beschieden wird, dass Europa „ein neues Gesicht bekommt, egal, ob es den Alteingesessenen passt oder nicht“.

Wenn es denen nämlich zufällig mehrheitlich nicht passen sollte, was ja nicht ganz ausgeschlossen werden kann, dann wäre es ein etwas eigentümliches Demokratieverständnis, diese Völkerwanderung trotzdem mehr oder weniger unreguliert geschehen zu lassen, als handelte es sich dabei um ein von der Politik unbeeinflussbares Naturereignis.

Was es natürlich nicht ist, wie das Beispiel Australiens zeigt, wo äußerst brachiale Methoden der Grenzsicherung den Menschenhandel mit Migranten zum Erliegen gebracht haben. Auch wer das für unangemessen hält, wird nicht bestreiten können, dass Migration eben durchaus politisch gesteuert werden kann – wenn die Politik weiß, was sie will, und entschlossen ist, die zur Umsetzung notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Weder das eine noch das andere ist derzeit freilich in Europa zu sehen.

Weil übrigens auch in Salzburg die Asylantenunterkünfte knapp werden, hat Herr Haslauer nun, die salbungsvolle Festspieleröffnung ist ja schließlich vorbei, von der Regierung gefordert, sie möge eine Obergrenze für die Zahl der Asylanten festlegen.

Zeigt sich da etwa ein „Mangel von Selbstwertgefühl“ – oder doch Einsicht in das Notwendige?

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Der Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des
Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2015)