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Leopoldstadt: Das Aufwerten, das kein Ende nehmen will

Neue Perspektive für das Riesenrad: Mittlerweile sind die Baukräne das Wahrzeichen der Leopoldstadt
Neue Perspektive für das Riesenrad: Mittlerweile sind die Baukräne das Wahrzeichen der LeopoldstadtClemens Fabry / Die Presse

Der 2. Bezirk wird urban. Das war er zwar immer schon. Doch nun verändert sich sein einstiger Charakter als Zufluchtsort nachhaltiger denn je zuvor. Das einst Typische ist mittlerweile Randerscheinung.

Nein, das Markenzeichen der Leopoldstadt im Jahr 2015 ist nicht das Riesenrad. Es sind nicht die verwegenen Cafés und belebten Märkte, die von den internationalen Feuilletons in den vergangenen Jahren als Sehenswürdigkeit geadelt wurden. Markenzeichen sind glücklicherweise auch nicht die rumpelnden Doppeldecker-Touristenbusse oder die im September wieder drohende Wiesn am Praterstern, die bald wieder Bezirksgespräch Nummer eins sein wird.

Markenzeichen der Leopoldstadt sind Baukräne. In fast jeder Straße stehen sie. Die Stadt „verdichtet“ sich, heißt es. Der zweite Bezirk wächst in die Höhe – solange es die Bauklasse zulässt, oder der Änderungsantrag. In der Breite ist wenig Platz in der dicht verbauten Leopoldstadt mit ihren namentlich großen und kleinen Gässchen, die selbst langjährigen Bewohnern Orientierungsprobleme bereiten. Aufstockung ist die Lösung. Nicht einmal die Baupolizei weiß, wie viele Ausbauprojekte es in der Leopoldstadt derzeit gibt. Dachbodenausbau ist keine Kategorie des Baurechts. Gefühlt sind es sehr viele Gerüste. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich drei. Das Haus, in dem ich wohne, hat sein Facelift schon hinter sich. Bevor ich eingezogen bin, natürlich. Wir neuen Leopoldstädter würden sehr gerne zu den Alteingesessenen gehören. Wenn es nach uns ginge, wäre es jetzt, wo wir eingezogen sind, auch mal wieder genug mit der Aufwertung. Diese Mieten! Über sie beschweren wir uns gerne und zahlen sie zähneknirschend. Die Quadratmetermieten sind von 7,1 Euro im Jahr 2009 auf 9,4 im Vorjahr gestiegen; Eigentumswohnungen kosten heute im Erstbezug 3706 Euro pro Quadratmeter statt 2432 Euro vor fünf Jahren.

Apropos Aufwertung. Was eine klare Wertsteigerung für die Besitzer ist, ist für die Bewohner der unteren Etagen oft die einzige Chance, an eine sogenannte Sockelsanierung zu kommen. Die Stadt Wien wirbt für eine „sanfte“ Wohnraumaufwertung. In der Mühlfeldgasse 12, also in dem als Pizzeria Anarchia bekannt gewordenen Altbau, war die Aufwertung unsanft. Wenn Eigentümer ihre Mieter loswerden wollen, werden Mietverträge nur befristet vergeben oder eine Auszahlung von bis zu 30.000 Euro angeboten: ein verlockender Einmalbetrag. Wenn Bewohner sterben, kommt niemand nach.

Und dann gibt es noch andere Methoden: Leitungen werden gekappt, Schlägertypen tauchen mit dubiosen Dokumenten auf und fordern eine Unterschrift. Nach der 870.000 Euro teuren Räumung der von Punks besetzten Pizzeria Anarchia (es zahlt die Republik, nicht der Eigentümer) ist eine alte Partei im Haus übrig geblieben. Im Inneren des nun weißen Gebäudes sind mazedonische Elektriker am Werk, die vom „schönen Haus“ schwärmen, in zwei Monaten wird es bezugsfertig für neue Eigentümer sein. Es hat sich verdichtet, es hat drei Stöcke in Form eines grauen, schuhschachtelartigen Aufsatzes dazu bekommen. Der Eingang ist in die Holzhausergasse 2 ums Eck verlegt worden: eine unbelastete Adresse. Die Mühlfeldgasse 12 gibt es nicht mehr.

Was im Karmeliterviertel vor einem guten Jahrzehnt mit dem Auftauchen des Bobos (mittlerweile bezeichnenderweise beinahe ein Schimpfwort) begann, breitet sich als Lifestyle-Phänomen weiter im Bezirk aus: im Volkertviertel, wo am Markt immer mehr Lokale statt Standln sind; im Stuwerviertel, wo der Campus der WU Wien neue Bewohnerschichten anzieht, die sich über die Rotlichtlokale beschweren, die vorher genauso dazugehörten wie die Ureinwohner des Grätzls.

Der Zweite wird heute als Ansammlung liebenswerter Grätzel wahrgenommen, dort, wo sich die Häuserschluchten zu Plätzen öffnen, wo wir Thymian-Rosen-Limo und den in einem Glas Milch ertränkten Kaffee trinken; dort, wo die den Goran-Bregović-Filmen entsprungenen Straßenmusikanten und die im Minutentakt rotierenden Augustinverkäufer uns als zahlungskräftige Klientel erkannt haben. Auch auf dem Vorgartenmarkt, den jahrelang nur Trankler frequentierten, verkauft heute ein Biobetrieb seine sündteuren Karotten. Die Bewohner des nagelneuen Nordbahnviertels kommen jetzt gerne her, hört man. Kann man sich bessere Nachbarn wünschen als uns?

Fluchtburg für untreue Ehemänner

Der Zweite war immer ein Zufluchtsort, ein Refugium der Ausgeschlossenen: der Juden, der osteuropäischen Fremden, der Strizzis und untreuen Ehemänner. Heute verschwindet der randständige, halbseidene, verruchte Wesenszug der Leopoldstadt. Szenen, wie sie der Journalist Helmut Schödel in seinen Reportagen über die unvorhersehbare Frau Eleni vom Dogenhof und die Frau Elke vom Café Heine eingefangen hat, wirken heute nostalgisch, obwohl erst vor ein paar Jahren aufgeschrieben. Das Café Heine ist jetzt auf der anderen Straßenseite, denn in seinem früheren Domizil sind für das Erdgeschoß Garagenstellplätze beantragt.

Das, was uns befremdet, existiert am Bezirksrand. Hier kann der Zweite sein, wie er einmal war. Hier liegen die Internetcafés der Tschetschenen, die „Russenshops“ der Georgier, die Tschocherl der Rotlichtliebhaber. Die Nordwestbahnstraße, Lassallestraße, Vorgartenstraße und der Praterstern sind die Alpträume der Stadtplaner. Zugige Ausfallstraßen und wabernde Unorte lassen sich beim besten Willen nicht vergrätzeln. Sie sind so anders urban als wir.

Serie: Wiens Bezirke

Bis zur Wien-Wahl am 11. Oktober porträtiert die ''Presse'' nach und nach alle 23 Wiener Bezirke. Die bisherigen Porträts finden sie unter diepresse.com/bezirke


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 1.8.2015)