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Ein Auto aus Ersatzteilen um 600.000 Euro

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Manchmal kommt es einem vor wie bei Druckern: Das Gerät ist billig, die Tintenpatrone unverschämt teuer. Die Autoindustrie scheint dieses Konzept zu kopieren: Ersatzteile werden immer teurer.

Es war eine sehr unangenehme Erfahrung für den BMW-Fahrer einer Wohnhausanlage in Wien Ottakring. Als er morgens zu seinem Auto ging, war die Seitenscheibe eingeschlagen. Und zwar nur bei seinem Auto. Bei keinem Audi, keinem VW, keinem Mercedes. Es fehlte auch nicht viel, lediglich der Fahrerairbag. „Wieder einmal“, meinte W. „Das war das dritte Mal in 18 Monaten, dass bei meinem 1er-BMW der Airbag gestohlen wurde.“

Airbags sind begehrt, in Osteuropa vor allem die von BMW, und leicht zu stehlen. Seitenscheibe einschlagen, Stromzufuhr unterbrechen, zwei Schrauben lösen – schon ist man um ein paar hundert Euro reicher. Der entstandene Schaden übersteigt schnell 1000 Euro. Wenn man aber Glück hat, findet man auf eBay ein günstiges Lenkrad mit Airbag – manchmal sogar das eigene.

„Der Diebstahl von Autoteilen ist ein massives Problem geworden“, erzählt ein Ermittler des Bundeskriminalamts. 2012 gab es 439 Airbag-Einbruchserien in Österreich, 2013 bereits 679, im vergangenen Jahr waren es 515. Die Täter seien hochprofessionell, wie etwa die Bande, der man vor zwei Jahren auf die Spur kam. Sie zerlegte Autos, ein Steirer verkaufte die Teile im Internet. In seiner Lagerhalle stellte die Polizei 385 Motoren und 254 Getriebe sicher. „Mit den Einzelteilen“, meint der Polizist, „lässt sich mittlerweile mehr verdienen als mit dem gestohlenen Auto.“

Das kann jeder nachvollziehen, der mit seinem Pkw schon einmal in einer Vertragswerkstatt war. Eine neue Wasserpumpe um 335 Euro, eine Lambdasonde um 200 Euro, ein Scheinwerfer um 362 Euro – bei diesen Preisen könnte man glauben, die Teile seien exklusive Sonderanfertigungen und nicht Massenware.

Warum aber sind Originalteile so unverschämt teuer, selbst wenn sie – wie in den meisten Fällen – von einem Zulieferer kommen und nur der Name der Automarke aufgeklebt ist? „Um zehn, 15 Prozent sind Originalteile mindestens teurer, oft 30 Prozent, das kann noch weiter nach oben gehen“, meint ein Mitarbeiter von Österreichs größtem Autoteilehändler, Birner (Jahresumsatz: 120 Millionen Euro).

Chinesische Behörden haben vergangenes Jahr recht anschaulich dargestellt, um wie viel teurer Ersatzteile sind. In China kostet ein Fahrzeug der Mercedes-C-Klasse in guter Ausstattung umgerechnet etwa 50.000 Euro. Würde man das ganz gleiche Auto nur mit Ersatzteilen von Mercedes bauen, würde es 600.000 Euro kosten.


Millionenstrafe für Autofirmen. Das Beispiel diente zur Untermauerung von Vorwürfen, Mercedes und andere westliche Autohersteller wie BMW und Audi würden überhöhte Preise für ihre Ersatzteile verlangen. Im August vergangenen Jahres kürzte Daimler in China tatsächlich die Preise im Durchschnitt um 15 Prozent, ebenso BMW und Audi. Zwölf japanische Autoteilehersteller kamen mit ihrem Schritt zu spät: Sie müssen wegen Preismanipulationen eine Strafe von 202 Millionen Dollar bezahlen.

In Europa gibt es keine Untersuchungen wegen überhöhter Preise für Ersatzteile. Im Gegenteil: Nach mehr als zehnjähriger Diskussion hat die EU erst kürzlich Pläne für eine Neufassung der Designrichtlinie zurückgezogen. Die Richtlinie schützt Karosserieteile, Beleuchtungsanlagen und Autoglas als geistiges Eigentum. Autohersteller können nach dem Rückzug der EU weiterhin Teileherstellern den Vertrieb von günstigen Nachbauten, etwa eines Kotflügels, untersagen.

„In Österreich dulden die Hersteller etwas Konkurrenz, weil die Gesetzeslage eine andere als in Deutschland ist“, sagt Erhard Zagler, Generalsekretär des Verbands der freien Kfz-Teilehändler. VW und Volvo würden ihre Karosserieteile allerdings beim österreichischen Patentamt zum Musterschutz anmelden und könnten so jederzeit Nachbauten verhindern.

Um wie viel teurer das Autoreparaturen macht, hat der deutsche Autofahrerclub ADAC erhoben. Eine Frontscheibe eines Mazda 6 kostet 456 Euro, der Nachbau ist um 290 Euro erhältlich. Ein Scheinwerfer kommt auf 362 Euro, der Nachbau auf 217. Für eine Motorhaube eines Ford Focus muss man 330 Euro bezahlen, kommt sie nicht von Ford kostet sie nur 138 Euro.

Bei nicht sichtbaren Teilen können Autofirmen Nachbauten nicht verhindern, das sorgt für entsprechende Preisunterschiede. Bei einem VW Passat Baujahr 2005, Diesel, kostet ein Luftmassenmesser zwischen 60 und fast 150 Euro. Eine Lichtmaschine eines Mercedes C-Klasse Coupé, 2011, kommt beim günstigsten Anbieter auf 473 Euro, von Valeo kostet sie 623 Euro. Eine Lambdasonde eines Jaguar X-Type gibt es um 80 Euro, man kann aber auch 200 Euro dafür bezahlen. Prangt der Name des Autoherstellers auf dem Ersatzteil, kommen die erwähnten Zuschläge dazu. Obwohl „80 Prozent der Teile eines Fahrzeugs von Zulieferern hergestellt werden“, wie der Birner-Mitarbeiter erklärt.

Autofirmen sind zurückhaltend, wenn es um Erklärungen geht. VW will beispielsweise schriftliche Fragen haben und erklärt, Fahrzeughersteller müssten Teile für alle Modelle bis zu 15 Jahre nach Produktionsende aufbewahren. Diesen Vorgaben würden freie Hersteller nicht unterliegen, das helfe diesen, Kosten zu sparen. Jaguar betont, es würden viele Kosten einfließen– „Schulungen von Servicepartnern, Schulungs- und Technikunterlagen“ –, auch seien Preise für Ersatzteile nur unverbindliche Empfehlungen, der Servicepartner könne den Preis selbst kalkulieren. Und Mercedes erklärt – nichts. Zuerst wollte man die Anfrage schriftlich haben, nach zwei Tagen hat sich in dem Konzern aber immer noch niemand gefunden, der sie beantworten könnte. Man bedauere.

Bei der Preisgestaltung der Ersatzteile haben die Autohersteller freie Hand. So gibt es eine Wasserpumpe für den Audi A4 um 70 Euro, bei einem Madza 6 kostet sie 335 Euro. Ein Motorsteuergerät kostet bei einem Audi 772 Euro, bei Mercedes 1020 Euro. Natürlich können die Teile manchmal unterschiedliche Dinge oder sind komplizierter. Teilweise werden sie aber auch verkompliziert und dadurch teurer. Ein Luftmassenmesser in einem VW Passat war früher ein einfaches Elektronikteil, mittlerweile muss man bei einem Tausch den ganzen Plastikteil mitkaufen.

Oder: Früher konnte man eine Autobatterie selbst tauschen, mittlerweile muss bei vielen Modellen die Batterie erst codiert werden, damit die Bordelektronik sie erkennt. Der Austausch einer Glühlampe ist zu bewerkstelligen, wenn man kleine Hände hat – außer bei einigen Renault-Modellen: Bei ihnen muss man nämlich die Stoßstange ab- und den Scheinwerfer ausbauen, um die Glühlampe zu tauschen.

Burkhard Ernst, Obmann des Bundesgremiums Fahrzeughandel und Chef von Mazda-Rainer, hat eine andere Erklärung für die hohen Preise von Ersatzteilen und Mechanikerstunden: „In der Autoindustrie ist kaum noch etwas zu verdienen.“ Bei einem Neuwagen betrage die Marge für den Händler acht bis zwölf Prozent – „und damit muss man auch den üblicherweise erwarteten Rabatt abdecken“.


Wenig Verdienst. Tatsächlich gibt es eine Studie der KMU Forschung Austria, die 2012 hunderte Fahrzeughändler untersucht hat und zu einem überraschenden Ergebnis kommt: An einem Neuwagen verdienen die Händler – nichts. Nach Abzug von Personal- und Betriebskosten bleibt unter dem Strich sogar ein Minus. „Die Kfz-Einzelhändler machen beim Neuwagenverkauf im Durchschnitt einen Verlust in Höhe von 2,8 Prozent des Verkaufserlöses“, schreiben die Autoren.

„Der Fahrzeugverkauf ist eigentlich ein Luxus”, erklärt Ernst. Verdienen könne der Händler nur im After-Sales-Bereich. Und auch hier nicht viel. Die KMU-Forschung Austria kommt für das Untersuchungsjahr 2012/2013 im Kfz-Einzelhandel auf einen Gewinn vor Steuern von 0,9 Prozent des Umsatzes. Das liege deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft.

Die Preise für Ersatzteile, meint die Arbeiterkammer, seien aber ohnehin vergleichsweise bescheiden, wenn man sich die Kosten für Mechanikerstunden anschaue. Die AK hat 38 Werkstätten in Wien untersucht. Die billigste Stunde kostete 92,09 Euro, die teuerste 238,88 Euro.

Zahlen

456

Euro kostet eine Frontscheibe eines Mazda 6, wenn sie direkt von Mazda kommt.

290

Euro kostet die gleiche Frontscheibe von einem anderen Hersteller.

60

Euro kostet der billigste Luftmassenmesser für einen VW Passat Diesel, 2005.

150

Euro kostet der Luftmassenmesser von einem namhaften Hersteller.


("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2015)