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Bezaubernder Shakespeare im Wasserpark

(c) APA/BARBARA GINDL
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Henry Mason inszeniert "Die Komödie der Irrungen" in seiner eigenen schlagfertigen Fassung mit viel englischem Humor und Musical-Elementen. Thomas Wodianka und Florian Teichtmeister brillieren in Doppelrollen.

Bert Neumann ist tot. Seine trashigen Bühnenbilder mit transparenten Bungalow-Kisten, Sperrholz, Müll, blinkenden Reklamen begeisterten in vielen Inszenierungen Frank Castorfs. Auch Michaela Mandels Möblierung der Szene für Shakespeares „Komödie der Irrungen“, die Samstagabend auf der Halleiner Perner Insel Premiere hatte, erinnert in ihrem schleißigen Charme an Neumann; nicht nur, weil die Akteure mitsamt ihren mutmaßlich kostspieligen Kostümen knietief im Wasser planschen. Die Schauspieler turnen auch auf einem gewaltigen Sesselberg, der, gut verleimt – hoch lebe die Tischlerei! – nicht umstürzt. In Shakespeares Frühwerk sind bereits einige seiner späteren Lieblingsmotive eingewoben, Zwillinge, Verwechslungen, Liebe und Kapital vermengen sich in explosiver Weise. Ein Kaufmann verlor bei einem Schiffsunglück seine Kinder, zwei Zwillingspärchen, Buben mit ihren Dienern. Er sucht sie – und die Burschen suchen einander.

 

Angst vor illegalen Immigranten

Zu Beginn spielt vor dem Theater eine Blaskapelle. Ordnungskräfte in schwarzen Uniformen fotografieren die Besucher. In die frohsinnig-noble Stimmung mischt sich ein dunkler Ton. In den Überwachungsstaat Ephesus kommt keiner ohne Pass hinein, wer die falsche Nationalität hat, ist in Lebensgefahr. Die Polizei wirft den Kaufmann Egeon brutal zu Boden. Doch bevor der alte Mann büßen muss – für seine Landsleute aus Syrakus, die Kaufleuten aus Ephesus übel mitgespielt haben –, will der Herzog von Ephesus noch seine Geschichte hören.

Der Herzog ist kein Unmensch, bloß ein Politiker, der Mitleid, aber kein Erbarmen kennt, wie er sagt. Später sieht man, dass der Regent vor der Kompliziertheit der Verhältnisse kapituliert. Zum Glück nimmt ihm das Happy End die Entscheidung ab...

Egeons Söhne, die beiden Antipholus, sind reiche Leute, der eine ein geachteter Bürger von Ephesus, der andere ein Reisender, der sich selbst sucht. Die beiden Diener namens Dromio werden fortwährend herumgeschubst und kriegen viele Schläge, wenn sie wieder einmal durch die fortwährenden Verwechslungen zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Thomas Wodianka (Antipholus) und Florian Teichtmeister (Dromio) absolvieren in ihren Doppelrollen eine staunenswert facettenreiche und strapaziöse Tour de Force. Mit seiner Inszenierung hat der Brite Henry Mason – der 2013 in Salzburg einen etwas geschmäcklerisch im Society-Milieu angesiedelten „Sommernachtstraum“ zeigte – diesmal ein eindrucksvolles Gesamtkunstwerk geschaffen: Hier stimmt einfach alles, von der Bearbeitung – der Originaltext wurde mit viel Wortwitz angereichert – über die Psychologie, die präzis charakterisierten Figuren bis zur angelsächsischen Comedy.

Antipholus von Ephesus hat eine wohlhabende Dame geheiratet, die ständig seine Aufmerksamkeit fordert, kommt er nicht zum Essen, ist der Teufel los: Adriana (Meike Droste) trägt Petticoat und eine blonde Tolle, die Antipholus vermutlich vor Jahren faszinierte, als er sie traf. Nun ist die Lady nicht mehr ganz taufrisch, sondern zunehmend verbittert, weil der Gatte manchmal ins Puff geht, wo er einer Dame in Rot mit Hörnern, Boa und Netzstrümpfen (Claudia Kottal) Versprechungen macht. Überdies fühlt sich Adriana von ihrer Schwester Luciana (Elisa Plüss) genervt, einem Mauerblümchen auf dem Weg zur alten Jungfrau, das zu Mäßigung und Unterordnung rät, Adriana aber ihren Mann abspenstig machen will.

 

Korruption und Kriminalität

Im trauten Heim hängt oft der Haussegen schief, ein Heer von Hausangestellten wischt, serviert und horcht mit Eifer, was sich so abspielt. Draußen in der Welt geht es rau zu: Der Goldschmied (Alexander Jagsch) glaubt, um die Bezahlung einer goldenen Kette betrogen worden zu sein, der Juwelenhändler (Claudius von Stolzmann) in Animal-Print bedrängt ihn, er muss schnell weg, und er hat eine Waffe. Der Geschäftsfreund, der Antipholus von Syrakus am Hafen erwartet und diesem noch rasch einen falschen Pass überreicht, hat keine Zeit zum Speisen, er muss noch ein betrügerisches Immobiliengeschäft abwickeln. Die Ordnungsorgane nehmen Bestechungsgelder und trinken.

Patrick Lammer, der mit dem Volkstheater-Ensemble u. a. „Comedian Harmonists“ und „Im weißen Rössl“ blendend einstudierte, sorgt mit seiner Band für Bar- und Musical-Atmosphäre. Jeder spielt mehrere Rollen in dieser Produktion, die Lust wie Schaulust bedient – und doch auch viel erzählt über Identitätsverlust, Entgeisterung, Wahn und Wahnsinn der Liebe. Starker Applaus mit einzelnen hartnäckigen Buhrufen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2015)