Auch in Amerika, wo die Straßen bekanntlich nicht mit Gold und angesichts der Streiterei im Kongress oft gar nicht mehr gepflastert sind, wächst das Geld nicht auf den Bäumen.
Aber manchmal spült einem das Leben hier doch eine verlockende Möglichkeit zur mühelosen Bereicherung an. Neulich klingelte das Telefon, und am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Dame, die mit starkem, aber nicht uncharmantem südasiatischen Akzent die frohe Kunde überbrachte, dass ich die Bedingungen für ein kostenloses Darlehen im Umfang von mehr als 9000 Dollar erfülle. Die „Federal Grants Administration“ sei bereit, mir diesen Betrag gegen eine unwesentliche Bearbeitungsgebühr von ein paar hundert Dollar und die Übermittlung meiner Girokontodaten zu überweisen, sagte sie. Das klang toll, zumal ich noch nie in meinem Leben bei einer Bank und schon gar nicht bei der US-Regierung um ein Darlehen angesucht habe, doch leider glitt mir diese Chance auf das Startkapital für den Aufbau eines Konzernimperiums, das Donald Trump und Dagobert Duck vor Neid erblassen ließe, durch die Finger. Auf meine Frage, ob es denn nun, entgegen all dessen, was wir kleinen Europäer über die Wirtschaftssupermacht Amerika gelernt haben, doch so etwas wie ein „free lunch“, also ein kostenloses Mittagessen (vulgo geschenktes Geld), gebe, beendete die Dame abrupt das Gespräch.
Das ist schade. Nach nigerianischen Ölministern, die bombastische Vermögen angehäuft haben und für die Hilfe bei deren Verschub ins europäische Bankensystem steile Finderlöhne verheißen, ist also auch der US-Regierung nicht mehr zu trauen. Wie soll sich der Mittelschichtsbürger bloß in höhere Vermögensperzentile hanteln, wenn sogar ein nebbiches Darlehen über 9000 Dollar daran scheitert, dass es die „Federal Grants Administration“ gar nicht gibt? Es ist eine kalte Welt. Mal sehen, welche heißen Investitionstipps der Herr mit der E-Mail-Adresse luis26636james1782430@createmindsofgold.net parat hat.
E-Mails an:oliver.grimm@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2015)