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Gary Shteyngart: "Hier heißt es: Verdiene Geld - oder hau ab!"

(c) FABRY Clemens
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Gary Shteyngart ist mit Romanen wie "Absurdistan" und "Super Sad True Love Story" zu einem der gefragtesten jüngeren US-Autoren geworden. Im Gespräch mit der "Presse" erklärt er, was er an Amerika trotz all seiner Abgründe liebt.

Es ist ein heißer Sommertag in Manhattan, und auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen auf dem Stuyvesant Square zieht Gary Shteyngart sein Handy aus der Tasche. „Mit solchen Leuten verbringe ich momentan meine Zeit“, sagt der 1972 im damaligen Leningrad als Igor Shteyngart geborene Schriftsteller zum „Presse“-Korrespondenten. Auf dem Bildschirm ist das zerschrammte Antlitz eines Wertpapierhändlers zu sehen, mit dem Shteyngart zu Recherchezwecken für seinen kommenden Roman ab und zu auf einen Drink geht. Bei einem dieser Barbesuche habe es der Trader für eine kluge Idee gehalten, sich von einem Türsteher verprügeln zu lassen. Es sei um die gekränkte Ehre italienischer Mütter gegangen, berichtet Shteyngart.

New York ist diesem Sohn sowjetischer Juden, die 1979 die Chance zur Emigration ergriffen und in Queens ein neues Leben begonnen haben, zur Heimat geworden. „Für mich ist Brooklyn mehr eine nationale Heimat für die Juden, als es Israel ist“, sagt er. „Wir wissen, dass wir jüdische Amerikaner sind, aber wir passen so umstandslos in diese Gesellschaft. Und wir haben enormen Einfluss auf die hiesige Kultur, auf diese puritanische Ernsthaftigkeit. Ich reise oft nach Israel und mag das Land. Aber ich falle dort nie auf die Knie und küsse den Boden. In Park Slope fühle ich mich mehr zu Hause als in Haifa.“

 

Ein „kleiner Versager“ zieht Bilanz

Shteyngart, der binnen eines Jahrzehnts mit vier tragikomischen Romanen zu einem der führenden Köpfe der zeitgenössischen Generation eingewanderter US-Autoren wurde, hat im vorigen Jahr seine Erfahrungen als Immigrantenkind mit komischem Namen und verdächtiger Herkunft in seinen Memoiren verarbeitet. „Little Failure“ heißt dieses Buch im Original, der deutsche, von Rowohlt gewählte Titel, „Kleiner Versager“, fasst die Seelennot recht gut, in der Shteyngart lang war. „Einer der Gründe, weshalb ich dieses Buch zu schreiben begann, war, dass meine Frau und ich damals ein Kind erwarteten“, erzählt er. „Da dachte ich mir: Ich muss etwas mit all diesem Zorn machen, der sich ansammelt, wenn man so aufwächst wie ich. Sonst werde ich kein guter Vater.“

Shteyngarts Eltern, die Mutter Musiklehrerin, der Vater Elektroingenieur, waren auf eine Weise hart zu ihrem einzigen Sohn, die manchmal an Seelenfolter gemahnte, angefangen beim Kosenamen „Failjurtschka“, also „kleiner Versager“, einem englisch-russischen Mischwort, mit dem die Mutter ihn bedachte. Der Vater wiederum ließ ihn ständig spüren, dass er ihn für verweichlicht und schwach hielt: „Als ich meine Psychotherapie begann, sagte mein Vater bloß: ,Hättet ich nur früher gewusst, dass du schwul bist!‘“

Erst 2011, bei einer gemeinsamen Reise nach St.Petersburg, erfuhr Shteyngart den Grund für die Bitterkeit seines Vaters. Als junger Mann war er nach einem epileptischen Anfall in die Psychiatrie eingeliefert und dort schwer misshandelt worden. Zudem war sein Leben mit einer schweren Hypothek belastet: „Mein Vater kommt aus einer Welt, wo fast jeder um ihn herum getötet wurde: Sein Vater fiel bei der Belagerung von Leningrad, sein bester Freund ist im Weltkrieg verhungert, seine eigene erste Kindheitserinnerung ist, wie er sich unter einem Zug versteckt, der von der deutschen Luftwaffe angegriffen wird. Beim Schreiben dieses Buches verwandelte sich viel von meinem Zorn in Traurigkeit für meine Eltern. Sie hatten nie eine Chance im Leben, als Juden in einem antisemitischen Land, in der Sowjetunion, einem der schlimmsten Reiche des 20.Jahrhunderts.“

Das Land und seine Leute machen ihm kaum Hoffnung: „Russland war immer ein Desaster und wird immer eines sein. Freude ist dort nicht erlaubt. Als ich nach langer Zeit erstmals nach Russland zurückkehrte, starrten mich die Leute an, weil ich mit meinem blöden amerikanischen Lächeln durch die Straßen ging. Ich musste lernen, dieses Lächeln loszuwerden, und die Person werden, die man in Russland sein muss.“ Der polnische Autor und Literaturnobelpreisträger Czesław Miłosz schrieb 1953 in „The Captive Mind“, gäbe es im Stalinismus Psychoanalytiker, wären sie arbeitslos, weil die sozialistische Gesellschaft sich den Blick in die Seele des Individuums verbietet. Daran habe sich seither weniger geändert, sagt Shteyngart: „Die Psychotherapie wird in Russland abgrundtief verachtet. Man sieht sie als Zeichen von Schwäche. In Russland trifft man sich mit seinen Freunden, säuft sich blöd und öffnet sein Herz. Man glaubt, dass es einem dann besser geht. Aber das tut es natürlich nicht. Das Einzige, was das bringt, sind einige der höchsten Alkoholismusraten der Welt, Selbstmord, Gewalt, vor allem unter Männern. In Russland opfern die Menschen ihren eigenen Wohlstand und den ihrer Familien für irgendeine halb gare Idee.“

 

Wien? Diese eleganten Prostituierten!

Natürlich sei auch Amerika nicht perfekt, räumt Shteyngart ein: „Arm zu sein ist moralisch inakzeptabel. Das ist sehr calvinistisch. Ich habe mir stets gesagt: Wenn ich jemals Kinder habe, kann ich nicht arm sein. In Finnland hätten wir vielleicht eine Chance, aber nicht hier. Hier heißt es: Verdiene Geld– oder hau ab. Die Leute lieben Geld. Das ist schlecht. Aber es ist auch gut, weil es die Idee schafft, dass das eine Meritokratie ist.“ Zudem schätzt der Autor den amerikanischen Multikulturalismus: „Die Idee, dass man Menschen von der ganzen Welt hereinbringt und aus ihnen eine Gesellschaft formt, in der es schlicht unmöglich ist, jemanden bloß anzuschauen und zu sagen: ,Oh, das ist ein Amerikaner‘ – das finde ich großartig. Wo sonst ist das möglich? Wenn Sie in Deutschland eine Straße entlanggehen, wissen Sie sofort: Der da ist ein Deutscher, der da ein Einwanderer. Denn wie man aussieht, ist dort so entscheidend für ihre Identität.“

Wie viele sowjetische Juden wanderten die Shteyngarts 1979 über Wien aus. Dort zu bleiben war nie ein Thema, die Stadt ist ihm aber in guter Erinnerung: „Wien war großartig! Die Bananen, das Toilettenpapier! Meine Mutter sagte angesichts der Huren, die in unserem Hotel wohnten, bewundernd: ,Meine Güte, so elegante Prostituierte!‘ Es war gewissermaßen schockierend, es sah wie ein anderer Planet aus. Wien ist eine russische Idealvorstellung von Europa: schöne Architektur, saubere Straßen, weiße Menschen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2015)