Im Salzkammergut hat Martina Lessing ihre ersten Kochkurse gegeben, in London ein geheimes Restaurant betrieben. Jetzt erscheint ihr drittes Buch.
Es war ein verregneter Sommer im Salzkammergut vor inzwischen zwanzig Jahren, der Martina Lessing (55) zu dem geführt hat, was sie seit einigen Jahren hauptberuflich macht: kochen. Denn bei dem Regenwetter sei ihr und ihren Freundinnen, alles Mütter mit kleinen Kindern, irgendwann langweilig geworden. Bis die anderen sie – zwar gelernte Buchhändlerin, aber eine, die immer schon gern und gut kochte – baten, ihnen doch ein paar Sachen zu zeigen. „Und dann sind wir den ganzen Sommer einmal pro Woche dagesessen und haben geschnippelt“, erzählt Lessing. Die Idee: lernen, wie man für Gäste ein tolles Essen zubereiten kann. Und zwar ganz ohne Stress.
Das zieht sich nach wie vor durch Lessings Küche: Es muss nicht stressig sein, Gäste zu bekochen. „Es geht darum, Spaß zu haben, wenn die Gäste da sind – man muss nicht schweißgebadet und aufgelöst in der Küche stehen“, sagt sie. So wie bei dem aufgemotzten Zwetschkenfleck, den sie gerade aus dem Backrohr ihrer blitzsauberen, weißen Küche holt („Heute Vormittag hat es noch ganz anders ausgeschaut, da habe ich 80 Schnitzel paniert“): Blätterteig, Zwetschken, Marzipan, Mandelcrumble – ruck, zuck, fertig – und mit einem Klecks Sauerrahm die perfekte Begleitung zum Kaffee.
Ihre Kochphilosophie findet sich auch in ihren mittlerweile drei Kochbüchern; „Fingerfood & Feines“ ist gerade erst erschienen, eigentlich ein Zwei-in-eins-Kochbuch: Alles, was es hier an Partyhäppchen zum Nachkochen gibt, kann auch – in groß – ganz einfach auf dem Familientisch landen. Die Lachsfilets mit Linsen und Kokosmilch, der Süßkartoffelauflauf mit Spinat, das Paprikakraut mit Garnelen.
Weißwurstburger, Blunzenlollis
Zwischen dem Spaßkochkurs in jenem Sommer und den Kochbüchern ist allerdings einiges passiert, und zwar in London. Als Martina Lessing nämlich mit ihrem Mann, der im Finanzbereich arbeitet, Ende der 1990er-Jahre in die britische Hauptstadt übersiedelt, entwickelt das Kochen eine gewisse Eigendynamik. Sie fängt an – zuerst für die Mütter der anderen Kinder in der deutschen Schule ihre eigenen Kinder–, Kochkurse für Geld anzubieten.
Als Bekannte an sie herantreten („Die ganze Familie kommt zur Taufe meiner Tochter – Hilfe!“), fängt sie an, Caterings auszurichten. Was sie – so wie übrigens auch die Kochkurse, wieder zurück in Wien – bis heute macht. „Im Vergleich zu dem, was ich heute mache, war das Essen bei den ersten Caterings sehr rudimentär“, sagt Lessing und lacht. „Da gab es Mozzarellakugeln mit halber Kirschtomate in Basilikumöl und so.“
Heute gibt es ausgefallenere Sachen, die sich teilweise auch im Kochbuch finden: Blunzenlollis oder Weißwurstburger zum Beispiel („Meine Erfindung: Ungebackene Laugenstangen aus dem Tiefkühler in Stücke schneiden und backen: Daraus werden dann winzige Burgerbrötchen“). Aber natürlich auch Klassiker wie die 80 Schnitzel und die 120 Fleischlaibchen, die sie heute am Vormittag für eine goldene Hochzeit herausgebacken hat.
Geheimes Restaurant in London
Was sie nicht mehr macht („Es ist mein Traum, aber mein Haus in Mauer ist, glaube ich, zu weit draußen“): selbst zu Hause Essen anzubieten – wie sie es drei Jahre lang in London gemacht hat. „Let's do lunch“ hieß das „geheime Restaurant“, mit dem sie regelmäßig Gäste zu Mittag in ihre Küche lud. Zwölf Plätze, vier kleine Gänge mit Getränken und Kaffee um zwölf Pfund. „Damals hätte ich ein Buch schreiben sollen“, sagt sie. „Da waren so spannende Leute.“ Eine Frau, die gemeinsam mit ihrem Sohn im Ruderboot den Atlantik durchquert hat, eine verfolgte syrische Künstlerin, ein Transvestit aus Frankreich. „Das war wirklich lustig.“
Richtige Menüs (unter dem Motto „Book-a-Cook“) richtet sie heute nur beim Kunden zu Hause aus. Alles, was sie bei den Caterings auftischt, kommt aber aus ihrer eigenen Küche – die mit drei Backrohren immerhin etwas besser als die herkömmliche Küche ausgestattet ist. Hier wurde auch schon für 220 Personen gekocht. Nicht stressig? „Stabsmäßig geplant jedenfalls.“
ZUR PERSON
Martina Lessing (55) ist eigentlich gelernte Buchhändlerin und gab vor 20 Jahren ihre ersten Kochkurse für Freundinnen. In den 13Jahren, die sie in London verbrachte, begann sie mit Caterings. In einem geheimen Restaurant bewirtete sie regelmäßig Gäste zu Hause. Infos zu Kochkursen, Caterings und Book-a-Cook in Wien unter atable.at.
„Fingerfood & Feines“ ist bereits ihr drittes Kochbuch. Das Motto: Kochen für Gäste muss nicht stressig sein. Das Buch ist im Braumüller-Verlag erschienen (29,90 Euro).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2015)