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Österreich sucht Cyber-Verteidiger

(c) Stanislav Jenis
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Landesverteidigung findet längst nicht nur konventionell, sondern im Internet statt. Hilfe sucht das Militär - und die Wirtschaft - bei Nachwuchshackern wie der 17-jährigen Lisa.

Wien. Regierungsnetzwerke, Firmenserver oder Steuercomputer wichtiger Infrastrukturen wie Strom- oder Wasserversorgung: Alles, was von Computern abhängt und vernetzt ist, eignet sich als Angriffsziel. 16.000 sogenannte Cyber-Angriffe – die meisten eher harmlos, einige wenige schwerwiegend – sind im Internet-Sicherheitsbericht des Bundeskanzleramts für das Vorjahr dokumentiert. Fast immer sitzen die Angreifer im Ausland. Meistens sind es Kriminelle, manchmal jedoch auch Terroristen oder Hacker im Dienst anderer Staaten. Österreichs Cyber-Flanke, würden Militärs sagen, ist offen wie ein Scheunentor.

Um die Sicherheitslücken im behördlichen und privaten System schließen zu können, fehlen nach einer Schätzung der Wirtschaftskammer allein in Österreich mehrere tausend Spezialisten. Spezialisten, die sich Staat und Wirtschaft nun in einem strategisch geplanten und damit langfristig wirkenden Prozess erschließen wollen. Zu ihnen gehört auch die 17-jährige Lisa aus Niederösterreich.

 

Eigeninitiative gefragt

Die Schülerin und Studentin mit Sondergenehmigung – Software Engineering, was sonst – gehört zu den besten Nachwuchshackern des Landes. 363 von ihnen haben sich der betont jugendlich gestalteten Cyber Security Challenge gestellt. Die kreativsten unter ihnen kämpfen im September um die nationale Hackerkrone, ehe es im Herbst im schweizerischen Luzern um die European Cyber Security Challenge, also sozusagen die Champions League im direkten Vergleich mit anderen Nationen, geht.

Was auf den ersten Blick wie ein Workshop für computerinteressierte Schüler und Studenten anmutet, hat in Wahrheit einen sicherheitspolitischen Hintergrund. Militär und Wirtschaft suchen nämlich einigermaßen verzweifelt nach Talenten, die sich im Lauf der nächsten Jahre den Angreifern – sozusagen auf der Seite der Guten – entgegenstellen sollen. „Dabei“, sagt Walter Unger, Abteilungsleiter im Abwehramt, dem für den Eigenschutz verantwortlichen Nachrichtendienst des Heeres, „geht es nicht unbedingt um Geldmittel oder Hardware. Die zentrale, uns derzeit limitierende Ressource sind gut ausgebildete Mitarbeiter.“

Lisa ist auf dem besten Weg dorthin. Neben Wissen und Talent erfüllt sie mit ihrer gesunden Skepsis gegenüber zu viel Öffentlichkeit noch eine Voraussetzung: Ihr Nachname soll keinesfalls öffentlich werden. Sie glaubt, dass der Grund, warum man in Österreich zu wenig Nachwuchs und Fachkräfte im Bereich IT-Sicherheit hat, auch mit den Lehrplänen zu tun hat. „Die Schule hat diesbezüglich leider nicht viel zu bieten.“ Das Suchen und Finden fremder Angreifer, Identifizieren von Sicherheitslücken und Lösen bestimmter mathematischer Probleme hat sie sich hauptsächlich im Austausch mit anderen Computerbegeisterten oder bei Recherchen selbst erarbeitet.

 

Staat oder privat?

Genau dieser Austausch von Hackerwissen und -techniken sowie das Kennenlernen potenzieller Arbeitgeber ist Zweck der Cyber Security Challenge. Wobei: Allein der hohe Bedarf an Fachleuten für IT-Sicherheit bedeutet nicht automatisch, dass daraus auch automatisch Dienstverhältnisse entstehen. Gerade bei Klein- und Mittelbetrieben stehen Investitionen in die Computersicherheit oft am unteren Ende langer Prioritätenlisten. Auch auf dem staatlichen Sicherheitssektor klaffen Wünsche und finanzielle Rahmenbedingungen weit auseinander. Zwar hört man aus Verteidigungs- und Innenministerium immer wieder, dass Fachkräfte dringend gesucht werden. Unflexible Dienstpostenpläne und die begrenzten Entlohnungsmöglichkeiten für Topleute schmälern die Chancen der Behörden jedoch erheblich, dass sich die Umworbenen für sie und nicht für die Privatwirtschaft entscheiden.

Das Ausmaß der Internetangriffe auf dem Privatsektor haben im Juni das Institut Sora und A1 erhoben. Von 500 befragten Unternehmen gaben 80 Prozent an, schon einmal Angriffsziel gewesen zu sein. Bei einem Drittel der Befragten wurde Datenverlust festgestellt. (awe)

EXPERTENMANGEL

Staat und Wirtschaft suchen Hacker, die sich den Angriffen von Kriminellen, Terroristen oder anderen Staaten entgegenstellen. Um Kandidaten zu finden und Talente miteinander zu vernetzen, messen sich Interessierte in einem Wettbewerb für Nachwuchshacker.

Web:www.verbotengut.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2015)