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Es geht um die Stimme: Juan Diego Flórez bei den Festspielen

(c) APA/EPA/BEA KALLOS
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Der peruanische Tenor sang Leoncavallo, Tosti, Rossini, Donizetti, Duparc und Gounod mit seiner weichen, warmen Prachtstimme - und vermittelte im Großen Festspielhaus den Eindruck, er singe für eine kleine Gemeinde engster Freunde.

Italienische Schnulzen, Belcanto-Arien, französische Opern-Schwärmerei, schön und gut. Aber als Juan Diego Flórez mit seiner Gitarre erschien und begann, spanisch zu singen, gab es kein Halten mehr: Was Festspiele sind, was nicht, entschied das Publikum im Großen Salzburger Festspielhaus klar und eindeutig: Ein solcher Liederabend schlägt sämtliche einschlägige Mozart-Versuche, deutsche Regietheater-Schmockerei oder philharmonische Bruckner-Interpretationen um Längen.

Diesem Sänger zuhören zu dürfen, hat auch etwas von einer Gnade. Wie oft hat man mit Besitzern samtweicher Stimmen mitgezittert, wenn es daran ging, eine herrlich phrasierte Melodie mit einem Spitzenton zu krönen? Wie schade war es, dass mancher Vokal-Stilist, dem geschmeidigste Koloraturen samt hohem C mühelos gelangen, nicht über das männliche Edel-Timbre weniger stimmgelenkiger Kollegen verfügten?

Mit der Heraufkunft des peruanischen Stimmwunders ist das alles Vergangenheit. Flórez verfügt über eine weiche, warme Prachtstimme und fühlt sich in jenem Register, in dem es für die meisten Kollegen schon in jeder Hinsicht eng zu werden beginnt, ganz offenkundig am wohlsten.

Da ist es eigentlich egal, was er singt. Man lauscht „angstfrei“, erwartet die elegantesten Kantilenen und sichersten Acuti – auch jenseits der magischen C-Grenze. Sie „kommen“ alle, die Schlusstöne wachsen sogar, einer nach dem andern, zu festspielhausfüllender Größe: Und doch vermag dieser Sänger eine intime Lagerfeueratmosphäre zu suggerieren, als sänge er nur für eine kleine Gemeinde engster Freunde.

 

Applaus ins Nachspiel hinein

Die nehmen's für bare Münze und lassen keinen Zweifel daran, dass sie gar kein Interesse an subtileren Hörerlebnissen haben; zumindest nicht an einem solchen Abend. Wenn der treue Klavierbegleiter Vincenzo Scalera versucht, zumindest bei den feinsinnigen Mélodies des Henri Duparc – von denen immerhin ein Jules Massenet dachte, Paris hätte damit ein Gegengewicht zu Schuberts Innigkeit und Tiefe geschaffen – zart pointierte, gefühlvolle Nachspiele aus den Tasten zu modellieren, dann fährt der Applaus Lied für Lied drein, sobald der Sänger mit seinem letzten Ton zu Ende ist.

 

Fausts „Salut!“ mit großer Noblesse

Es geht um die Stimme. Um diese Stimme. Und nichts als das. Faszinierend dennoch zu beobachten, wie es Flórez gelingt, Farb- und Tongebung zu variieren, je nach Stimmungsgehalt des Textes. Francesco Paolo Tostis „Alba separa dalle luce l'ombra“ klingt gedeckter, quasi con sordino gesungen, ohne dass die Stimme an Leuchtkraft verlöre – nur leuchtet sie eben anders als in „Marechiare“ oder Leoncavallos „Mattinata“, Hitparaden-Nummern, die jede für sich jauchzende Begeisterung erwecken. Mit Rossini (Arie des Narciso aus „Il turco in Italia“) erwies sich dann gegen Ende des ersten Teils die singuläre Belcanto-Kompetenz dieses Tenors: perlende, in keinem Moment auch nur einen Hauch verschliffene Koloraturen, makellose Linienführung, die auch den expressiveren, weniger artistisch verschnörkelten Donizetti-Szenen („Lucrezia Borgia“ und „Lucia di Lammermoor“) zugute kam. Viel weicher, mit großer Noblesse tönte Fausts „Salut!“, ein souverän in eine souverän geschwungene Linie eingebundenes, wahrhaft strahlendes hohes C inklusive.

Wer wollte da noch anmerken, Charles Gounod hätte durchwegs piano und pianissimo vorgeschrieben, wo – weiß Gott nicht nur von Flórez – durchwegs fort und fortissimo gesungen wird? Wer wollte daran erinnern, dass Rossini ein „Do di petto“, das aus der Brust gesungene C, geradezu verabscheut hat? Angehörs eines so sicher und natürlich in höchste Höhen geführten Tenorissimos, der nota bene im Zugabenteil noch nachwies, dass er das Falsett genauso klangvoll beherrscht...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2015)