Der Märchenerzähler und Autor spricht über das am 25. Mai beginnende NÖ-Märchenfestival, das er gestaltet. Er kritisiert die „Glotze“ als Babysitter und wundert sich über den Boom bei Psycho-Seminaren.
Die Presse: Sie bitten Märchenerzähler aus aller Welt zu ihrem Pfingst-Festival „Fabelhaft“. Haben Sie keine Angst vor der Konkurrenz?
Folke Tegetthoff: Nein. Ich habe dieses Festival schon vor 23 Jahren erfunden. Ich trete in Österreich außer bei „Fabelhaft“ und bei meinen „Schulen des Zuhörens“ nicht mehr auf, sondern hauptsächlich in Südostasien und Indien. Ich wollte mit diesem Festival das Genre beleben. Es ist ein Zeichen der Zeit, dass Erzählkunst Bühnenkunst werden musste, weil dort, wo das Erzählen früher stattgefunden hat, in den Familien, funktioniert es nicht mehr. US-Studien sagen, dass bereits Vorschulkinder zwischen zwei und sechs Jahren im Schnitt 90 Minuten täglich vor dem Fernseher sitzen. Erzählt oder Vorgelesen bekommen sie 60 Minuten im Monat, das entspricht zwei Minuten pro Tag. Da ist so ein Festival sehr wichtig.
Im TV sieht man auch oft Märchen.
Tegetthoff: Das lässt sich in keiner Weise vergleichen. Wenn Vater, Mutter, Großeltern erzählen, passiert ein Austausch von Emotionen zwischen Menschen. Märchen lassen viel Freiraum im Kopf. Sie sind keine ausformulierten Geschichten. Es erscheint z.B. ein Mann mit einem Hut. Mehr wird von ihm nicht verraten. Im Fernsehen ist alles bis ins Extremste visualisiert...
Sie haben vier Kinder. Wie haben Sie es geschafft, sie vom Fernsehen abzuhalten? Das muss mächtig Nerven gekostet haben.
Tegetthoff: Meine Tochter ist jetzt 24. Sie hat den ersten Fernseher daheim erlebt, als sie 12 war. Ich musste ihn mir leider Gottes zulegen, weil ich damals eine Arbeit hatte, für die ich einen Fernseher brauchte. Acht Jahre lang stand der Fernseher in meinem Büro ganz oben im Regal. Um fernzusehen, musste man entweder stehen oder am Boden liegen. Da war keine große Lust zum Fernsehen da. Unser jüngster Sohn ist jetzt 16. Er würde natürlich viel mehr fernsehen. Das hat mit uns zu tun, meiner Frau und mir, nach vier Kindern wird man etwas müde. Denn wenn die Kinder nicht fernsehen, muss sich ja ein Elternteil für sie Zeit nehmen und sich mit ihnen beschäftigen.
Nach einem langen Arbeitstag haben viele Menschen nicht mehr die Energie dafür.
Tegetthoff: Meine Frau hat eine abgeschlossene Hochschulausbildung. Sie könnte jederzeit arbeiten. Es war für uns eine bewusste Entscheidung, dass einer zu Hause bleibt. Oft waren wir beide zu Hause, weil ich ja daheim arbeite. Wir haben uns intensiv mit den Kindern beschäftigt. Als sie klein waren, haben sie zu mir Mapa gesagt, also eine Kombination aus Mama und Papa.
Das Fernsehen wird ja ständig verteufelt. Aber es gibt auch gute Sendungen, „Universum“, „Galileo“, witzige Zeichentrickfilme.
Tegetthoff: Das Fernsehen ist ein fantastisches Medium. Es ist ein wahr gewordenes Märchen. Wenn die Hexen in den alten Büchern in die Zauberkugel geschaut und die Prinzessin erblickt haben, dann war das wie Fernsehen. Das Problem ist, wir können mit dieser Technik nicht umgehen. Die Gewaltbereitschaft Jugendlicher ist für mich zu 100 Prozent auf Fernsehen und Computer zurück zu führen. Wenn ein Kind zehn Jahre alt ist, hat es schon 8000 Morde, Vergewaltigungen und Gewaltverbrechen gesehen. Mit 18 sind es dann 20.000. In unserem kleinen Dorf hat ein Neunjähriger einem Schulkollegen mit einem Faustschlag die Nase gebrochen. Als er gefragt wurde, warum, hat dieser kleine Knabe das ganz klar so erklärt: Erstens, er wusste nicht, was er macht, zweitens, er war sich über die Folgen nicht im Klaren, drittens, er hat das schon hunderte Male im Fernsehen gesehen, und es ist nichts passiert. Im Fernsehen schlägt einer dem anderen zehnmal ins Gesicht, und dann sieht man höchstens einen Blutstropfen. In der Wirklichkeit bedeutet ein Faustschlag Spital, der zweite womöglich: Tod.
Fantasy mögen Sie auch nicht? Oder sind Sie nur neidisch, weil Joanne K. Rowling mit ihrem Harry Potter und Stephenie Meyer mit ihren Vampiren große Vermögen verdienen?
Tegetthoff: Klar, ich bin sogar wahnsinnig neidig. Ich möchte auch 100 Mio. Bücher verkaufen. Andererseits bin ich froh, dass ich 1,5 Mio. verkauft habe. Fantasy-Autoren und -Autorinnen verbreiten ein fix und fertiges Bild. So möchte ich nicht arbeiten. Für die Fantasie bleibt kein Platz, genau wie beim TV. Das Wichtigste ist die Marketing-Maschinerie. Disney ist dasselbe. Oder diese TV-Serien „Grey's Anatomy“, die „CSI“-Krimis. Früher haben die Leute Schundhefteln und Arztromane gelesen. Jetzt haben sie halt das. Super gemacht, man glaubt, man ist dabei. Aber das ist nur eine Illusion.
Fantasy, denke ich, ist so erfolgreich, weil die Menschen das Irreale, Irrationale vermissen. Die meisten sind heute nicht mehr religiös.
Tegetthoff: Wenn Sie Zeitschriften wie „Psychologie heute“ anschauen, bestehen diese zur Hälfte aus Anzeigen von Seminaren und Workshops, die alle nur einem Zweck dienen, dem Leben einen Sinn zu geben. Die Leute sind total denaturiert. Sie suchen ein Seminar, wo sie in einer Woche oder an einem Wochenende das Heil finden wollen. Der Yogi, der es veranstaltet, hat womöglich 40 Jahre für den ersten Schritt dahin gebraucht. Also, das kann nicht funktionieren.
ZUR PERSON & ZUM FESTIVAL
■Der Grazer Folke Tegetthoff (55) hat unzählige Märchen bearbeitet und erfunden. Im Herbst erscheint sein 34. Buch mit selbst erlebten fantastischen Geschichten: „Die Bewunderung der Welt“ (Haymon-Verlag).
■Das internationale Erzählkunst-Festival „fabelhaft“ von 25. 5. bis 4. 6. findet an verschiedenen Orten in NÖ statt, z. B. in St.Pölten, Krems, auf der Schallaburg. Tegetthoff präsentiert u. a. „Pan Tau“. fabelhaft.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2009)