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70 Jahre Hiroshima: "Die Jungen wollen die Horrorgeschichten nicht hören"

Archivaufnahme des Atompilzes
Archivaufnahme des AtompilzesAPA/EPA/HIROSHIMA PEACE MEMORIAL
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Am 6. August 1945 fiel "Little Boy" auf Hiroshima, drei Tage später folgte "Fat Man". Es gibt immer weniger Überlebende der Atombomben. Viele fürchten, alles könnte sich wiederholen.

Auf einmal ist es still. In der Augusthitze zirpen nur die Zikaden. Schulkinder, die eben noch kreischend aus dem Bus kletterten, verharren in Ehrfurcht. Über die auffällige Brücke, die dem Piloten des US-Bombers als Orientierung diente, gehen sie schweigend auf die von Flussarmen umschlossene Insel. Am 6. August 1945 um 8 Uhr 13 erschien hier die Enola Gay, eine B-29 Superfortress von Boeing, zwei Minuten später war sie über dem Ziel im Zentrum Hiroshimas. In 9450 Metern wurde die Bombe ausgeklinkt, in 580 Metern zündete sie. Die Hitze- und Druckwelle schoss in alle Richtungen, Zehntausende starben unter Höllenqualen – oder so schnell, dass sie es gar nicht merkten.

Wer den Friedenspark in Hiroshima heute betritt, kämpft mit Emotionen, erlebt eine fast überwältigende Spannung zwischen Trauer und Hoffnung. Der dumpfe Klang der Bronzeglocke, die zur Erinnerung an die Toten geschlagen wird, der Geruch von Weihrauch, das gelbweiße Chrysanthemen-Meer mahnen an den ersten Atomwaffeneinsatz der Geschichte.

Die Schüler drapieren am Kinder-Denkmal selbst gebastelte Ketten mit Papierkranichen. Dieses berührende Monument erinnert an den Lebenskampf der kleinen Sadako Sasaki, die zwei Jahre alt war, als die Bombe fiel. 1000 Kraniche wollte das später an Leukämie erkrankte Mädchen falten, in Japan ein Symbol für Gesundheit und langes Leben. Doch Sadako starb bei Nummer 663, also bastelten Menschen aus allen Landesteilen die restlichen Figuren. Daraus ist in Japans Schulen eine Bewegung entstanden, die noch 70 Jahre später auch von den coolsten Kids ohne Murren mitgetragen wird.

An der wichtigsten Gedenkstätte – dem Kenotaph des bekannten Architekten Kenzo Tange – verneigen sich die Mädchen und Buben und falten die Hände. Vor dem symbolischen Grabmal mit dem Satteldach lodert die ewige Flamme, die so lange brennen soll, bis die letzte Atomwaffe beseitigt ist. Am Turm für die Seelen der Opfer steht als Versprechen geschrieben: „Ruhet in Frieden. Dieser Fehler wird sich nie wiederholen.“

Beine sanken in Leichen

Fast täglich betet Hiroshi Harada dort und bittet um Vergebung. Warum? Der frühere Direktor des Atombombenmuseums hat sich Jahrzehnte mit dem Horror des August 1945 auseinandergesetzt, tausende Besucher durch die Ausstellung geführt. Dennoch fällt es ihm schwer, über damals zu sprechen. Er war knapp sechs Jahre alt und allein, als bei der panischen Flucht vor der Feuerwelle auf einer kleinen Straße nahe Hiroshima eine Frau versuchte, sein Bein zu fassen. Sie bettelte um Wasser. Von ihrem Arm fiel ein Stück Fleisch. „Aber ich hatte keine Wahl, ich musste den Flammen entkommen.“ Er hat es sich bis heute nicht verziehen.

Ihm fällt es schwer, über den Tag zu sprechen, über den Horror, so viele verstümmelte und halb verbrannte Tote sehen und über sie hinweggehen zu müssen. Seine Beine sanken immer wieder in Leichen. „Mein Fuß glitt tief in einen Körper, es war grausam und schwer, ihn wieder herauszuziehen.“

Solche Erinnerungen teilen noch immer viele, auch wenn es stetig weniger werden. Vor den Feuersbrünsten lief auch der 15-jährige Shigeo Ito um sein Leben. Als eine Frau ihn um Hilfe anflehte, ihren Sohn unter Trümmern eines Hauses zu retten, rannte er weiter, weil die Flammen schon die Brücke erreichten, die er überqueren musste. „Ich habe mich noch lange geschämt, wenn ich die Brücke sah“, sagt der jetzt 84-Jährige, der den Kindern im Friedenspark leise sprechend schildert, was die Bombe physisch und emotional aus Menschen gemacht hat.

Einmal im Jahr besucht Izumi Shirosawa (90) aus Yamanashi die Gedenkstätten, jeden Tag betet sie daheim für die Seelen ihrer Verwandten, die in Hiroshima umkamen. „Ich weine, wenn ich das Wort ,Atombombe‘ höre, sehe ein kleines Kind an einer Mauer kleben, grausam entstellte Skelette, die aufeinandergeschichtet wurden, die Überlebenden taumelten wie ohnmächtig durch die zerstörte Stadt, spien schwarzes Wasser.“

Viele schweigen aus Prinzip

Wer sich daran erinnern muss, war damals ein Kind. „Little Boy“ nannten die Amerikaner die erste über Menschen gezündete Atombombe. 70.000 bis 90.000 Menschen waren sofort tot. Später stieg die Zahl durch Verstrahlung und Folgen der Verletzungen auf wohl 140.000. Bis heute gibt es Krebstote als Folge damaliger Verstrahlung.

Wer überlebte, hat immer noch Probleme, die Erlebnisse zu verkraften. Es gab und gibt dafür zwei Methoden: sich nicht erinnern wollen oder gegen das Vergessen ankämpfen. Viele vermeiden es, über damals zu sprechen. Selbst gegenüber eigenen Kindern verschweigen sie, was sie erlebten. Für die einen ist der Blick zurück grausam, andere fürchten, sie und ihre Nachfahren würden diskriminiert. Wer aus einer solchen Opferfamilie stammt, gilt noch heute als „belastet“, manche sagen „unrein“. Verlobungen sind daran gescheitert, selbst Ehen.

Das Verdrängen gilt für Namenlose und Prominente. Issey Miyake etwa spricht nie über den 6. August 1945. Wer den weltbekannten, aber scheuen Modeschöpfer in Tokio überhaupt treffen darf, wird von seinem Umfeld aufgefordert, unter keinen Umständen nach diesem Tag zu fragen. Diesen Tag gebe es nicht für Issey Miyake. Er habe ihn aus seinem Leben verbannt. Der 77-Jährige, berühmt für avantgardistische Kreationen und Parfum, stammt aus Hiroshima. Er war sieben, als der grelle Blitz kam. Seine Familie verbrannte. Issey war damals nicht zu Hause. Ob ihn die grausamen Erinnerungen oder die Angst vor dem Stigma, das die „Verstrahlten“ verfolgt, plagt, wird man wohl nie erfahren.

Offiziell wehrt sich Hiroshima gegen das Vergessen. „Die Zahl der Zeitzeugen wird immer kleiner und ihre Stimmen immer dünner“, mahnt Hiroshi Harada. „Aber Hiroshima muss seine Botschaft in die Welt tragen, es darf nicht wieder geschehen.“ Es ist ein Kampf, der schwer zu gewinnen ist. Das Durchschnittsalter der „Hibakusha“ – der anerkannten Opfer der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki – überschreitet heuer 80 Jahre, während ihre Zahl auf 183.519 fiel. 58.933 davon leben noch immer in Hiroshima, 34.199 in Nagasaki.

Trotz fragiler Gesundheit verfolgt Sumiteru Taniguchi (86) mit Verve seine Friedensmission. „So lange ich kann, kämpfe ich im Namen der Hibakusha für eine atomfreie Welt.“ Er überlebte die Bombe vom 9. August in Nagasaki. Er war 16 und als Briefträger 1,8 Kilometer vom Ground Zero entfernt, als „Fat Man“ zündete. Schwer verbrannt kämpfte er zwei Jahre um sein Leben. Heute leidet er an chronischer Lungenentzündung und Altersschwäche, wiegt nur 41 Kilogramm.

„Sie weinen im Himmel“

Er leidet auch an der Angst seiner Gefährten: Fast zwei Drittel der Atombombenopfer fürchten heute, dass sich das Inferno wiederholen werde. Viele Hibakusha im Himmel weinten, weil es noch Nuklearwaffen gebe, meint Sumiteru. Und die Jungen, heißt es, wollten die Horrorgeschichten nicht mehr hören.

Nur wenige Japaner der Nachkriegsgeneration wollen die Erfahrungen der Opfer wachhalten. Etwa Michiko Yamaoka (64), deren heute 90-jährige Mutter überlebte. Erst als Yamaoka 57 Jahre alt wurde, beschloss sie, Fremdenführerin in Hiroshima zu werden. Seither erzählt sie Ausländern von den bitteren Erfahrungen ihrer Familie. Auf die Frage, wie die Überlebenden der Bomben Amerikaner sähen, antwortet sie mit der Botschaft ihrer Mutter: „Hibakusha hassen den Krieg, nicht die Vereinigten Staaten. Frieden entsteht nicht durch Hass.“

Zur Person

Hiroshi Harada (75) leitete lange das Atombombenmuseum in Hiroshima. Er war am 6. August 1945 selbst in Hiroshima, musste bei der Flucht vor Bränden über Leichen steigen und wird bis heute von den grausamen Erlebnissen des ersten Kernwaffeneinsatzes geplagt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2015)