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Der Abzug aus Gaza – Israels Trauma

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Zehntausende rechtsnationale Jugendliche stärkten 2005 den Gaza-Siedlern den Rücken.APA/EPA/JIM HOLLANDER
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Vor genau zehn Jahren räumte die israelische Armee auf Geheiß des damaligen Ministerpräsidenten, Ariel Scharon, den Gazastreifen und löste insgesamt 21 Siedlungen auf.

Das provisorische Auffanglager Nitzan ist beinahe menschenleer. 600 Familien aus dem Gazastreifen verbrachten hier die ersten Jahre nach ihrer Vertreibung in Mobilhäusern, bis sie nach und nach eigene Neubauten errichten konnten. Rund ein Drittel der Familien wartet noch immer auf die staatlichen Baugenehmigungen. „Uns aus dem Gazastreifen herauszuholen ging ganz schnell“, schimpft Mochi Beter, Direktor des Besucherzentrums im alten Nitzan. „Ein Regierungsentscheid, das Okay des Obersten Gerichtshofs und zack, zack alle raus.“ Erst danach mahlten die bürokratischen Mühlen wieder in gewohnt langsamem Tempo. Allein das für die Landwirtschaft vorgesehene Land zu Bauland umzuschreiben habe Jahre in Anspruch genommen.

21 israelische Siedlungen im Gazastreifen ließ Israels damaliger Ministerpräsident, Ariel Scharon, im August 2015 räumen, 9000 Menschen verloren ihr Heim. Der Likud stellte sich gegen die Entscheidung des Parteichefs. Scharon hoffte, dass sich nach dem Abzug die angespannte Region, in der es immer wieder zu Terroropfern unter israelischen Zivilisten und Soldaten kam, beruhigen würde. Doch das Gegenteil passierte.

„Anstelle eines Friedensabkommens und Ruhe gab es Raketen und Tunnel, durch die sich die Terroristen nach Israel schleichen wollen.“ Mochi Beter sitzt in seinem angenehm klimatisierten Büro und schüttelt den Kopf über die „politische Fehlentscheidung“, die ihn sein Heim kostete. In den Regalen sammelt er Studien über die Folgen des Abzugs auf soziale Entwicklungen und Israels Sicherheit. Zu dem Besucherzentrum „gehören die Ausstellungsräume, ein Archiv und die Forschungsarbeit“, erklärt er.

26 Jahre lang lebte Beter in Newe Dkalim, der größten Siedlung von Gusch Katif, kurz Gusch, der Block, wie die Israelis in Gaza die konfiszierte Region nannten. Rund 40 Prozent des winzigen Landstreifens gehörten zum Gusch, auf den restlichen 60 Prozent drängelten sich 1,3 Millionen Palästinenser. „Meine vier Kinder sind dort zur Welt gekommen“, sagt Beter, der noch immer darüber verbittert ist, dass er weggehen musste.

Israel eroberte den Gazastreifen im Sechstagekrieg 1967, und die Siedler waren die neuen Herren. Sie bauten ihre Einfamilienhäuser direkt ans Mittelmeer. Palmen schossen aus dem Boden, Kinderspielplätze und Swimmingpools. Die Bauern pflanzten Gemüse und Kräuter an. Salate, Dill, Petersilie, garantiert ohne Chemikalien und trotzdem frei von Ungeziefer, kamen aus den Siedlungen. Ohne die Gefahr von Terror, ohne Sicherheitszaun, Militärpatrouillen und gefährliche Autofahrten bis zum Grenzübergang nach Israel hätte das Idyll perfekt sein können.

Passiver Widerstand. „Ich hatte einen Traum“, berichtet Anita Tucker, „und der war wahr geworden.“ Tucker lebte in der Siedlung Netzer Chasani und baute Tomaten an, Sellerie, Paprika und Kräuter. „Die Regierung hat uns nach Gaza geschickt, damit wir das Land bebauen.“ Dann kamen die Soldaten, und der Traum war vorbei. Tucker ist heute 69 Jahre alt, auffallend groß und noch immer kräftig. Aus religiösen Gründen trägt die fromme Frau einen Hut, er ist ihr lieber als das übliche Kopftuch.

Am 15. August 2005 erklärte die Armee den Gazastreifen zur Sperrzone. Innerhalb von 48 Stunden sollten die Siedler ihre Sachen packen. Nur rund die Hälfte von ihnen kam dem Aufruf nach. Alle anderen warteten auf die Soldaten. Wenigstens passiven Widerstand wollten sie leisten. Die Farbe Orange wurde zum Symbol für den Kampf gegen den Abzug. Die Gegner trugen orangefarbene Kleidung oder befestigten ein orangefarbenes Band an den Rückspiegel im Auto. Nur zwölf der insgesamt 84 Familien in Netzer Chasani hatten vor der Räumung die Siedlung verlassen. Tucker blieb bis zum Schluss.

Die heftigsten Auseinandersetzungen fanden in Newe Dkalim statt. Tausende rechtsnationale Jugendliche aus dem Westjordanland hatten sich in den Tagen und Wochen vor dem Abzug in den Gazastreifen geschlichen, um den Siedlern den Rücken zu stärken. Die Sicherheitskräfte zogen von Haus zu Haus und ließen die Beschimpfungen über sich ergehen, während sie einen Siedler nach dem anderen zu den Bussen trugen. Nie zuvor waren Rabbiner und Armeekommandanten so zerstritten wie im Vorfeld und während des Gaza-Abzugs. Die Kommandanten befahlen die Räumung, die Rabbiner drängten die frommen Soldaten zur Befehlsverweigerung. Viele gaben ihren religiösen Lehrern nach. „Wir haben zwar verloren“, resümierte Tucker später, „aber wir haben ihnen einen anständigen Kampf geliefert.“

Als die letzte Siedlung geräumt war, begannen die Soldaten, die Wohnhäuser zu zerstören. Rund 3000 Gebäude fielen den Bulldozern zum Opfer, nur die Synagogen blieben stehen und die Gewächshäuser, die zum Teil mit internationalen Spendengeldern von den Siedlern gekauft wurden, um sie für die Palästinenser zu erhalten. Am 12. September, knapp einen Monat, nachdem die Räumung angefangen hatte, verließ der letzte israelische Soldat den Küstenstreifen und gab damit das Startzeichen für chaotische Freudenfeiern. Die Palästinenser steckten die Synagogen in Brand und plünderten, was zu gebrauchen war.

Scharon geriet nun zunehmend auch ins Visier linker Kritiker, die die Unilateralität störte. Der Abzug hätte mit der palästinensischen Führung koordiniert werden müssen, urteilten die Linken im Land, was jedoch schwer möglich war, da die Kontakte zwischen Israel und der Regierung in Ramallah seit Ausbruch der Zweiten Intifada, fünf Jahre zuvor, auf Eis lagen. Mit dem Truppenabzug entstand ein Machtvakuum im Gazastreifen. Die islamistische Hamas feierte sich selbst als die Kraft, die Zionisten in die Flucht schlug, und entschied kaum sechs Monate später die palästinensischen Parlamentswahlen für sich. Die düstersten Prophezeiungen des rechtsnationalen Lagers hatten sich bewahrheitet.

Drei Kriege fochten Israel und die Hamas im Gazastreifen seit dem Abzug aus. Jedesmal landeten Raketen auch in Nitzan. Neben jedem Haus in dem provisorischen Auffanglager, das nur wenige Kilometer nördlich vom Gazastreifen liegt, befinden sich mannshohe Betonröhren, die als improvisierte Bunker herhalten. Wenn es im Gegenzug für den Abzug aus Gaza tatsächlich einen Frieden gegeben hätte, wäre es für die Evakuierten vermutlich leichter gewesen, die Regierungsentscheidung zu schlucken. Die politischen Entwicklungen im Gazastreifen entzogen Scharons Partei, Kadima, den Boden. Der Plan umfasste weitere Truppenabzüge aus Teilgebieten im Westjordanland und entsprechend die neuen Evakuierungen israelischer Siedlungen.

Schwerer Neuanfang. Mit dem erzwungen Verlassen ihrer Häuser war das Trauma der Gaza-Siedler noch nicht vorbei. „Die Regierung hatte uns Ersatzwohnungen, Land, Schulen und Arbeit versprochen“, erinnert sich Tucker, „aber sie hatte überhaupt keinen Plan.“

Was es gab, waren Übergangslösungen. Nach einer Odyssee durch Hotels oder Gästehäuser und neun Monaten Wartezeit in einem Wohncontainer auf den Golanhöhen bezog Tucker schließlich ein Mobilhaus mit einer Wohnfläche von nur einem Drittel dessen, was sie gewohnt war. Über sieben Jahre musste sie warten, bis sie mit dem Bau eines neuen Wohnhauses beginnen und schließlich gemeinsam mit einem Sohn die Landwirtschaft wieder aufnehmen konnte.

„Nur ein Fünftel der Bauern aus Gusch Katif betreibt heute wieder Landwirtschaft“, berichtet Mochi Beter anhand seiner Untersuchungen. Fast alle arbeiteten in zwei oder mehr Generationen zusammen auf dem Land. „Wer mit 60 vertrieben wurde, konnte unmöglich allein ganz neu als Bauer anfangen.“ Beter berichtet von hoher Arbeitslosigkeit, Teilzeitarbeit oder Arbeitsstellen, für die die Leute nicht qualifiziert seien. „Wir haben Probleme mit psychologischen Störungen, Selbstmorde und Drogenkonsum.“ Bereits vor fünf Jahren hielt eine staatliche Untersuchungskommission fest, dass „der Staat grundlegend und absolut versagt hat“ bei der Reintegration der ehemaligen Gaza-Siedler.

Die traurige Erfahrung führte zu einer radikaleren Entschlossenheit der israelischen Siedler im Westjordanland, einen zweiten Abzug mit allen Mitteln zu verhindern. Hunderte zumeist jugendliche Aktivisten reisten Ende Juli in die Siedlung Beit El, nachdem Israel über den Abriss von nur zwei Häusern entschied, die illegal auf palästinensischem Privatland errichtet worden waren. Über Stunden lieferten sich Demonstranten und Sicherheitskräfte Auseinandersetzungen, obschon die Regierung zuvor mit Siedlervertretern übereingekommen war, dass in Kompensation für die beiden zerstörten Häuser an anderer Stelle 300 neue gebaut würden.

Angesichts der Bilder aus Beit El und der Kapitulation des Staates, der sich das Stillhalten der Siedler mit diesem Handel zu erkaufen hoffte, erscheint eine erneute Räumung kompletter Siedlungen illusorisch. In den zehn Jahren seit dem Gaza-Abzug ist Israels Bevölkerung weiter nach rechts gerückt, und die Siedlerpartei Das jüdische Heim unter Naftali Bennett ist Teil der Regierungskoalition.

gaza

1967
Die israelische Armee eroberte den Gazastreifen während des Sechstagekrieges. Auf Soldaten folgten Siedler, die sich die besten Gründe sicherten und im Gazastreifen Gemüse und Kräuter pflanzten.

2005
In der Hoffnung, den Unruheherd zu befrieden, beschloss der damalige Ministerpräsident, Ariel Scharon, die Räumung des Gazastreifens. Viele der rund 9000 Siedler leisteten passiven Widerstand. Nach ihrer Delogierung zerstörte die Armee rund 3000 Gebäude. Am 12.September verließ der letzte israelische Soldat den Gazastreifen – woraufhin die radikalislamische Hamas die Kontrolle übernahm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2015)