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Expo mit Artischocken

Eine Skulptur? Nein, der Beitrag von Fiat zum Thema der EXPO: Aus einem Betonauto wächst ein Baum.
Eine Skulptur? Nein, der Beitrag von Fiat zum Thema der EXPO: Aus einem Betonauto wächst ein Baum.Sabine B. Vogel
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Der österreichische Pavillon ist der beliebteste der Expo: mit 560 Quadratmetern Wald. Aber wo bleibt auf der Weltausstellung sonst die Kunst?

Immer mehr private Ausstellungshäuser eröffnen, immer mehr Menschen besuchen Museen, die Rekordsummen für einzelne Kunstwerke klettern immer höher und das mediale Interesse an zeitgenössischer Kunst war noch nie so groß wie heute. Vergangenes Jahr errechnete die Marktanalystin Clare McAndrew, dass im Jahr 2013 weltweit 2,3 Millionen Menschen im Bereich der Kunst arbeiteten, Tendenz stark steigend. Angesichts dieser Entwicklung ist es sicherlich selbstverständlich, dass die führenden Kulturnationen diesen Sektor auch in ihre Auftritte auf Weltausstellungen einbauen, dieser Schau wirtschaftlicher Leistungen. Heuer findet die 95. Expo in Italien statt. 145 Nationen nehmen teil – wo also ist die Kunst?

Gegründet wurde die Weltausstellung 1851 in London. Damals war die Zeit der jungen Nationalstaaten. Nationen basieren auf Nationalbewusstsein – wie aber schwört man eine territoriale Gemeinschaft auf eine gemeinsame Identität ein? Neben neu erfundenen Traditionen, Nationalhelden und Gedenkorten sind besonders wohlinszenierte Feierlichkeiten wirkungsvoll. Daher starteten im 19. Jahrhundert drei große Veranstaltungen: 1851 fand die erste Weltausstellung statt, 1894 folgte die Wiederaufnahme der antiken Olympischen Spiele und 1896 verkündete der Bürgermeister von Venedig die Gründung der Biennale. Alle drei Formate dienen bis heute dazu, nationale Identitäten durch einen internationalen Wettbewerb zu festigen. Aber jede Expo ist auch ein gewaltiges Unternehmen: Italien finanziert die Expo 2015 mit 1,3 Milliarden Euro, dazu kommt dieselbe Summe durch die Teilnehmer und private Investoren, um das ehemalige Industriegelände in einen Parcours experimenteller Architektur und vor allem in eine kulinarische Weltreise zu verwandeln. Denn heuer ist jedem Pavillon Gastronomie vorgeschrieben, die meisten fahren zweigleisig: unten eine einfache Kantine, auf dem Dach ein hochpreisiges Restaurant. 20 Millionen Besucher werden erwartet, sechs bis acht Millionen sollen aus dem Ausland kommen. Eine Milliarde Euro Einnahmen durch die Tickets ist budgetiert, rund 60.000 Jobs sind entstanden. Die Pavillons kosten im Schnitt jeweils zehn bis 30 Millionen Euro, Deutschlands Beitrag liegt mit 48 Millionen darüber, der österreichische Pavillon kommt mit zwölf Millionen aus.

Thema der Expo heuer ist „Feeding the planet. Energy for life“, ein verantwortlicher Umgang mit der Natur, Nachhaltigkeit, aber auch Tradition und Genuss. Die meisten Nationen feuern dazu entweder mit Multimedia-Shows, Touchscreens, Info-Grafiken, Wandtexten und den Gerüchen von Kräutergärten auf uns. Oder es werden nur Produkte verkauft, Kulinarisches und Kunsthandwerk. Und die Kunst?


Zuckerln in Nationalfarben. Auf dem 1,7 Kilometer langen Parcours, an dem sich die Pavillons aufreihen, stehen immer wieder Objekte, ein meterhoher, knallroter Paprika und glänzende Artischocken, Zuckerln in den Nationalfarben Aserbaidschans, auch wächst einmal ein Baum aus einem Auto – eine Werbung für Fiat. Alle diese Dinge sind reine Dekorationsobjekte. Die Türkei präsentiert eine kleine Ausstellung, die ist mit akademischer Malerei und Plastiken von traurig niedrigem Niveau. Katar hängt neben die Kantine Fotografien von verschleierten Frauen mit leuchtend goldenem Schmuck, und Bahrain zeigt in seinem schmalen Pavillon nach einem Parcours entlang Papaya- und Bananenbäumen seine Ausgrabungsschätze aus der Römerzeit. Alle anderen verzichten gänzlich auf Hochkultur und Kunst.

Fast alle. Ein einziges Land sticht heraus: Österreich – und das mehrfach. Denn in dem Pavillon steht nichts anderes als 560 Quadratmeter Wald. Thema hier sind die Luft, das Atmen, die Ruhe. Die Expo-Besucher stehen Schlange am Eingang, es ist der beliebteste Pavillon der Expo. Und es ist der einzige Länderbeitrag, der explizit auf Kultur setzt. Eine halbe Million Euro ist dafür budgetiert. Davon finden in der Stadt Theater-, Musik- und DJ-Abende statt, die Design- und auch die Arnulf-Rainer-Ausstellung in der Stadt waren ein großer Erfolg. Auf die Weltausstellung werden Künstler für je einen Monat eingeladen, sich mit der „Expo als kurzfristigem Ausnahmezustand unterschiedlichster (Nationen-)Repräsentationen“ (Pressetext) zu befassen. Kurator Gerald Straub wählte dafür sechs Künstler aus. Als erster Gast veranstaltete Aldo Gianotti mit den Mitarbeitern aller Pavillons ein Picknick und produzierte als zweites Projekt einen Film: Er ließ sich von einem Mitarbeiter in jedem Pavillon einen Witz erzählen. Nur wenige wie jene aus den Arabischen Emiraten – Austragungsort der Expo 2020 – verstanden seine Anfrage nicht. Die beispielhaften Witze wurden mit Reglosigkeit beantwortetet, die Teilnahme aus Unverständnis abgelehnt. Im deutschen Pavillon nahm Gianotti drei Anläufe und trotzdem kam kein Witz zustande. Die Gruppe „tat-ort“ wollte einen Austausch von Objekten zwischen den Pavillons initiieren – was wohl zu unspezifisch war, es scheiterte. Als August-Gast reist Ralo Mayer bald an, im September folgt Nikolaus Gansterer und im Oktober die für ihr „Schockmarketing“ bekannte Gruppe „ubermorgen“. Zu sehen sind die Ergebnisse später in Wien.

Das Projekt zielt darauf ab, zwischen den Pavillons kurzfristige Gemeinschaften entstehen zu lassen – ein spannendes Konzept, das den Wettkampf der Nationen unterwandert. Das ist eine interessante Alternative zu den klassischen Lösungen wie etwa dem großen Skulpturenboulevard auf der Expo 2010 in Shanghai. Und es ist heuer in Mailand das einzige Kunstprojekt auf dem Gelände. Denn auch Gastgeberland Italien verzichtet auf diese Sparte – vielleicht wegen der zeitgleich veranstalteten 56. Biennale Venedig? Die nächste Expo findet 2017 in Kasachstan statt – welche Kunstprojekte werden dort wohl zu sehen sein?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2015)