Runtastic: "Wir sind mitten in einem Marathon"

Dieser Exit setzt neue Maßstäbe: Adidas hat Runtastic für 220 Mio. Euro gekauft. Runtastic-Chef Florian Gschwandtner spricht über seine Pläne, Adidas digital auf Schiene zu bringen.

Haben Sie am Mittwochabend, als der Deal abgeschlossen wurde, ordentlich gefeiert?

Florian Gschwandtner: Ja und nein. Ordentlich ist etwas anderes. Wir waren Abendessen und stießen an, kurz nach Mitternacht war ich aber schon zu Hause, weil mein Tag um 7:30 Uhr weiterging. Am Freitag (vergangenen, Anm.) fliege ich in die USA auf Pressereise, weil wir bald ein neues Hardwareprodukt launchen. Das wird am 4. September auf der IFA, der weltgrößten Consumer-Electronics-Messe, in Berlin vorgestellt.

Entwickelt sich Runtastic jetzt, auch mit Blick auf den neuen Eigentümer, Adidas, mehr in Richtung Hardware?

Nein, wir sind immer noch ganz klar eine Softwarecompany.

Stehen die USA bei der Vermarktung besonders im Fokus?

Das ist ein strategisch wichtiger Markt, auch ohne den Deal mit Adidas, weil da ja Apple und Google sitzen und von ihnen viel Bewegung ausgeht.

Wie fühlt es sich an, plötzlich reich zu sein?

Na ja, es fühlt sich nicht viel anders an als vorher. Wir haben ja schon einmal einen großen Deal gemacht (2013 mit dem Springer-Konzern, der 50,1 Prozent der Runtastic-Anteile gehalten hat, Anm.). Das Geld steht für uns nicht im Vordergrund, sondern die Möglichkeiten, die der Deal mit sich bringt.

Gar keine Idee, was man mit so viel Geld machen könnte?

Nein, für mich und auch die anderen Gründer ist das wirklich irrelevant. Wir wohnen zum Beispiel alle noch unter 400 Euro Miete.

War es eigentlich eine Bedingung von Adidas, dass das Runtastic-Team operativ an Bord bleibt?

Eher vonseiten Runtastic. Wir haben noch viel vor. Jetzt haben wir die Chance, in der Sportartikelbranche etwas zu verändern. Alle großen Hersteller hinken in der digitalen Arbeit nach.

Haben Sie da konkrete Vorstellungen?

Ich könnte mir gut vorstellen, einen Laufschuh zu entwickeln, den man mit Sensorik erweitert. Der den Läufern direkt Feedback gibt. Da gibt es noch sehr wenig auf dem Markt. In Sachen Wearables wird sich da einiges weiterentwickeln.

Wurden von Adidas schon Wünsche an Sie herangetragen?

Nein, wir haben gesagt, wir schauen uns das gemeinsam an. Es war uns aber wichtig, dass wir unsere Expertise einbringen können und dürfen.


Andere hätten nach einem solchen Exit Lust auf etwas Neues. Sie nicht?

Nein, gar nicht, wir sind mitten in einem Marathon, wir haben gerade erst einmal laufen gelernt.


Wird sich an den Produkten von Runtastic durch die Übernahme etwas ändern?

Also erst einmal ändert sich gar nichts. Mittelfristig vielleicht.

Und der Unternehmenssitz bleibt in Pasching, das Team übersiedelt nicht nach Herzogenaurach?

Wir bleiben in Österreich. Die Gründer werden pendeln. Aber wir wissen schon aus der Zeit mit Springer, dass das nicht so oft nötig ist. Man muss nicht so viel hin und her.

Kommt jemand von Adidas zu Runtastic?

Nein, das ist nicht geplant.

Was sind jetzt für Sie die spannendsten Herausforderungen als Teil eines großen Konzerns?

Auf der einen Seite, die Integration gut zu schaffen und zu schauen, wo wir unser digitales Know-how einbringen können. Auf der anderen Seite, wie wir von der Reichweite von Adidas profitieren können.

Da gibt es sicher einige Möglichkeiten.

Ja, wir müssen aber nicht morgen gleich in jedem Adidas-Store stehen.

Was für Vorteile bringt Adidas die Runtastic-Übernahme?

Ganz klar, dass wir Know-how einbringen, um eine Digitalstrategie, eine App-Strategie, zu entwickeln. Dazu kommen unsere 70 Millionen registrierte Kunden.

Gibt es da schon Strukturen bei Adidas, auf die man aufbauen kann?

Adidas hat einige Apps und eine Innovationsabteilung. Da muss man sich anschauen, wo man Synergien herstellen kann.

Es passiert nicht selten, dass Start-ups in den großen Strukturen eines Konzerns untergehen. Macht Ihnen das Sorgen?

Nein, insofern nicht, weil wir gesagt haben, dass genau das nicht passieren darf. Das verstehen die Leute bei Adidas auch. Sie wollen, dass wir autonom weiterarbeiten.

Was nehmen Sie von Ihrer Zeit bei Springer mit?

Am meisten haben wir vom Austausch mit den anderen digitalen Beteiligungen von Springer profitiert. Jetzt sind wir aber an einen Punkt gekommen, wo uns Springer nicht mehr weiterhelfen kann. Adidas ist da perfekt. Sie machen Laufschuhe, Kleidung und Fitnesszubehör. Wir machen das Digitale dazu.

Deal

220 Mio. Euro zahlte der Sportartikelhersteller Adidas für das österreichische Start-up Runtastic. Die Gründer und das gesamte 140-köpfige Team bleiben an Bord des Unternehmens. Der Unternehmenssitz in Pasching bleibt.

Anteile. Bis dato hielt der deutsche Medienkonzern Springer 50,1 Prozent der Anteile. Den Rest teilten sich die Gründer und Business-Angel Hansi Hansmann.

Steckbrief

Florian Gschwandtner
gründete Runtastic gemeinsam mit Alfred Luger, Rene Giretzlehner und Christian Kaar im Jahr 2009. Das erste Produkt war eine Lauf-App. Gwandtner studierte Mobile Computing in Hagenberg und Supply Chain Management in Steyr. Er ist selbst Läufer. runtastic

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2015)