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Suchen, finden und verlieren

Peter Hennings Menschenbilder schillern, wenn auch in dunklen Farben.
Peter Hennings Menschenbilder schillern, wenn auch in dunklen Farben.Archiv
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Peter Hennings "Die Chronik des verpassten Glücks" handelt von Menschen, die die Vergangenheit nicht loslassen können. Und darüber ihre Zukunft verlieren.

Der Sonnenschein unter den deutschen Gegenwartsautoren ist Peter Henning nicht. Das bestätigt er mit seinem neuen Roman „Die Chronik des verpassten Glücks“, einer deutsch-polnischen Spurensuche. Hennings Personen ergreifen über 440 Seiten entweder gar keine Chancen oder entscheiden sich mit traumwandlerischer Sicherheit für die falschen. Sie greifen zur Flasche statt zum Telefon und betrachten ihr eigenes Leben als einen einzigen großen blinden Fleck im Sehfeld des Schicksals. Der Leser verzweifelt mit ihnen – fast zumindest. Denn ermuntert von Hennings fein geschriebener Prosa hofft man, dass sich doch noch irgendetwas zum Guten wenden könnte.

„Die Chronik des verpassten Glücks“ beginnt, als Richard Warlo, Insektologe im Kölner Zoo, auf dem Dachboden nach seinem alten Führerschein sucht und dabei auf Schwarz-Weiß-Fotos stößt. Diese zeigen seinen über alles geliebten, bereits verstorbenen polnischstämmigen Ziehvater Pawel in einer SS-Uniform. Richard, durch den Krebstod seiner Lebensgefährtin ohnedies schwer gezeichnet, weigert sich, noch ein Stück seines Lebens kampflos aufzugeben und macht sich auf den Weg nach Polen, um sich „seinen“ Pawel zurückzuholen.

Nur stellt sich ihm zunehmend die Frage, wie gut er seinen Ziehvater eigentlich gekannt hat. Denn der Held von Richard Warlos Kindheit und Jugend, der Abenteurer und Draufgänger, der Mandolinenspieler und Tänzer, der ihn aus dem Kinderheim geholt und ihm die Schmetterlingswelt Europas erschlossen hat, verheimlichte eine düstere Seite: eine Frau und zwei kleine Kinder, die er in Polen zurückließ, und den Grund dafür, dass er damals Hals über Kopf aus seiner Heimat fliehen musste.

Die Antworten auf diese Fragen sucht Richard in Sosnowiec, bei Pawels Ehefrau Oliwia und den leiblichen Kindern. Doch das erweist sich als schwierig. Denn Oliwia liegt gerade im Sterben, und Sohn Marcin und Tochter Lucyna haben nicht das geringste Interesse daran, ihre kümmerlichen und stark redigierten Erinnerungen an den Vater mit dem „Niemiec“ zu teilen, dem Deutschen, der wesentlich länger mit Pawel leben durfte als sie selbst.

Naher Tod. Besonders ablehnend reagiert Marcin, ein übergewichtiger und todunglücklicher Mann Anfang 50, der sich mithilfe seines selbst diagnostizierten „Morbus Pater“ jeden Aspekt seiner kümmerlichen Existenz erklärt. Seine Schwester Lucyna wiederum hält sich alle Menschen vom Leib, mit Ausnahme ihres abgöttisch geliebten 15-jährigen Sohnes und ihrer Mutter Oliwia. Diese sieht derweil tapfer dem Tod ins Auge.

Oliwia kennt als Einzige den Grund dafür, dass Pawel vor so vielen Jahren Hals über Kopf die Familie verlassen hat. Es bleibt allerdings die Frage, ob sie noch vor ihrem Tod dieses Geheimnis lüften wird.

Peter Henning gilt als vielversprechender Vertreter der deutschen Gegenwartsliteratur. Der ehemalige Leiter des Literatur-Ressorts der Schweizer „Weltwoche“ ließ bisher mit den Romanen „Die Ängstlichen“ und „Ein deutscher Sommer“ aufhorchen. Letzteres Buch über das tödliche Geiseldrama vom nordrhein-westfälischen Gladbeck im Jahr 1988 sorgte allerdings für Diskussionen darüber, ob der Stoff als Romanvorlage geeignet sei.

Solche Fragen wird Henning bei „Die Chronik des verpassten Glücks“ nicht beantworten müssen. Hier stören eher Kleinigkeiten: ein paar Längen, ein Hang zur Wiederholung und die Unstimmigkeit bei der Figur Richard Warlos, der rein rechnerisch erst 28Jahre alt sein kann, im Roman aber als solides Mittelalter rüberkommt. Doch diese Irritationen bleiben Kleinigkeiten angesichts der Fertigkeit, mit der Henning die Geschichten seiner Protagonisten handhabt. Und denen man deshalb die Daumen drückt, auch wenn man sie nicht mag.

Neu Erschienen

Peter Henning

Die Chronik des verpassten Glücks Luchterhand

448 Seiten

20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2015)