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Im Namen der Forschung!

Blaue Fleischfliege (Calliphora vicina)
Blaue Fleischfliege (Calliphora vicina)(c) Aleph, http://commons.wikimedia.org
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Die Wissenschaft trägt immer mehr zur Forensik bei, mit Erd- und Insektenkunde, Gen- und Hirnanalysen. Nur selten muss sie selbst vor Gericht.

Als anno 1247 in einem Dorf in China ein Bewohner mit einer Sichel erstochen worden war, rief der Ortsvorsteher all jene zusammen, die eine Sichel besaßen, sie sollten sie mitbringen. Bald waren auch Schmeißfliegen da, sie umschwärmten eine der Sicheln, diese war gut genug geputzt für Menschenaugen, nicht jedoch für die feinen Nasen der Fliegen. So berichtete es Sung Tzu in „Das Abwaschen der Missetaten“, einem Handbuch für Leichenbeschauer, es war die erste Nutzung von Insekten in der Gerichtsmedizin. Bis zur zweiten dauerte es, und bei ihr ging es nicht um die Spur zum Täter, sondern um den Todeszeitpunkt des Opfers, die Humanmedizin ist nach wenigen Tagen mit ihrem Latein am Ende.

So konnte sie 1850 in einem Prozess in Frankreich auch nicht sagen, wie lang eine halb verweste Leiche schon in einer Wand eingemauert war. Aber ein Entomologe konnte die Dauer bestimmen, aus dem Entwicklungsstadium von Maden, die verdächtigten Hausbewohner gingen frei, sie waren erst eingezogen, als die Maden schon wuchsen. Vermutlich war das ein Fehlurteil, der Experte hatte die Entwicklungsgeschwindigkeit der Maden falsch eingeschätzt. Und das ist nur eine der Feinheiten der Kunst, Insekten als Zeugen zu befragen: Wann machen sich welche über Kadaver her, zu welchem Zweck, in welchem Klima, welcher Region etc.?

Als Allererste kommen Skorpionsfliegen, zumindest in Texas, das hat Natalie Lindgren (Houston) gerade bemerkt, sie nagen an der noch warmen Haut, Raupen der Zuckerrübeneule hingegen gedulden sich, bis sie hart ist, mumifiziert (Journal of Medical Entomology 52, S.143). In Laboren geht es also voran, die forensische Anwendung hingegen leidet am Schwund der Spurenleser, die Entomologen sterben aus, zum Bestimmen der Insekten springen Genanalysen ein. Sie halfen auch in einem Fall, der von Arthur Conan Doyle ersonnen hätte sein können: Watson berichtete 1887 in „A Study in Scarlet“, dass Sherlock Holmes aus Erdkrümeln an Schuhen ein Bewegungsprofil in London erstellen konnte.

Daran erinnerte sich Lorna Dawson 1977, sie studierte Bodenkunde in Edinburgh. Dort, im Inn „The World's End“, war eine junge Frau zuletzt lebend gesehen worden, anderntags lag sie vergewaltigt und ermordet in einem Feld. Man fand Sperma, man fand den Mann, ja, Sex habe es gegeben, freiwillig, im Auto, dann habe man sich getrennt, auf dem Feld sei er nie gewesen. Das Verfahren zog sich, 2003 bat man die inzwischen etablierte Bodenkundlerin um Hilfe, man hatte etwas Erde von den Schuhen des Mannes. Aber da waren die Analysetechniken noch auf dem Stand von Holmes: Selbst für stärkste Mikroskope war die Probe zu klein.


Bakterieller Fingerabdruck. Das ließ Dawson nicht ruhen, sie verfeinerte die Techniken, mit Gaschromatographen und Massenspektrometern, sie ging an DNA im Boden, 2014 war sie so weit: Mit ihrem Instrumentarium konnte sie an Bodenbakterien und Pflanzenwachsen in der Probe zeigen, dass der Verdächtige auf dem Feld war, das Gericht folgte ihr. Nicht nur dieses Gericht: „Lorna hat eine Renaissance der forensischen Erdwissenschaft um die ganze Welt verbreitet“, urteilt Marianne Stamm, eine kalifornische Gerichtsmedizinerin, ein Kollege aus Australien pflichtet ihr bei (Nature 520, S. 422).

So dringt die Forschung in die Gerichtssäle vor, derzeit vor allem mit Genanalysen: In Laboren nimmt man schon Fingerabdrücke, die Bakterien der Haut auf Oberflächen hinterlassen (Microbiom 12.4.); und im Alltag kommen viele zu Unrecht Verurteilte durch Gentests frei. Etwa Gerard Richardson, er saß ab 1994 – da wurde DNA noch nicht analysiert –, er saß 19 Jahre, seiner Zähne wegen: Diese passten in den Augen eines Sachverständigen zu Bissspuren im Opfer. 2009 prüfte der National Research Council der USA solche Beweismittel – auch mikroskopisch begutachtete Haare etwa –, er verwarf fast alle, nur DNA blieb, sie rehabilierte auch Richardson (Nature 506, S.13).

Sie beherrscht das Feld, ihr Erfolg bringt allerdings das Risiko des Überdehnens: In den USA werden aus DNA-Spuren an Tatorten schon Phantombilder der Täter erstellt, obgleich die heutige Technik mit Sicherheit nur das Geschlecht und in Grenzen Haut-, Augen- und Haarfarbe aus Genen lesen kann.

Mit ähnlich überhöhten Erwartungen kämpft eine zweite Hightech-Zunft, die der Hirnforscher. Zu ihnen kommt nicht die Polizei um Expertise, sondern extreme Gewalttäter bzw. deren Anwälte: Sie wollen mit bildgebenden Verfahren nachweisen lassen, dass ihre Mandanten Psychopathen sind, unzurechnungsfähig. Manche Forscher machen mit, vor allem Kent Kiehl (University of New Mexico), er schiebt Gewalttäter in Magnetresonanztomographen – Eisen darf nicht hinein, Handschellen werden gegen Plastikfesseln ausgetauscht –, und wenn sie wieder draußen sind, sieht Kiehl in manchem Gehirn Strukturen von Psychopatentum. Nicht alle in der Zunft sehen das gern, es ist höchst umstritten (Nature 464, S. 340).

Immerhin, wenn Kiehl irrt, muss er nicht vor Gericht. Andere mussten es: Am Palmsonntag 2009 wurde das italienische L'Aquila von einem extremen Beben erschüttert, 309 Menschen verloren das Leben, 65.000 das Dach über dem Kopf. Es hatte Vorzeichen gegeben, deshalb tagte die italienische Erdbebenkommission eine Woche zuvor in L'Aquila. Sonst tagt sie in Rom, die Bevölkerung sollte beruhigt werden. Das geschah, auf einer Pressekonferenz versicherte der Leiter des Zivilschutzes, die Situation sei normal und biete „keine Gefahr“, die Seismologen schwiegen dazu. Folge war eine Anzeige wegen Totschlags, Folge waren je sechs Jahre Haft für den Zivilschützer und sechs Seismologen, Folge war ein Beben in der internationalen Seismologie: Das Urteil sei „unfair und naiv“, Beben könne man nicht vorhersagen, das unterschrieben tausende Forscher.

Es gab auch Widerspruch aus der Zunft: Ja, Beben können selbst Experten nicht vorhersagen, Nichtbeben aber auch nicht, Entwarnung hätte es in dem oft schon hart getroffenen L'Aquila nicht geben dürfen. Die zweite Instanz sah es 2014 anders, die Seismologen gingen frei, der Zivilschützer musste in Haft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2015)