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Salzburg: „Tod in der Galerie“, zweite, verbesserte Auflage

Groß in Liebeseuphorie und Verzweiflung: Anna Netrebko als Leonora.(c) APA/NEUMAYR/MMV (NEUMAYR/MMV)
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Anlässlich der Reprise von Alvis Hermanis' „Trovatore“-Inszenierung treffen Anna Netrebko und Francesco Meli auf echte Herausforderer in den tieferen Stimmlagen: Ekaterina Semenchuk und Artur Ruciński.

Zum Glück hat man die Doktrin des Ex-Intendanten Alexander Pereira, Festspiel-Inszenierungen dürften nur eine Saison auf dem Programm stehen, über Bord geworfen. So darf Anna Netrebko noch einmal die „Troubadour“-Leonore singen. Die Wiederbegegnung lohnt sich – in vielerlei Hinsicht.

Da ist einmal die bewundernswerte Professionalität dieser Sängerin, die es sich leichter machen könnte. Das Publikum jubelt ja auf jeden Fall, sobald sie auf der Bühne erscheint. Und doch: Wer ihre künstlerische Entwicklung verfolgt, zieht den Hut vor ihrer Konsequenz und Arbeitsmoral.

Vorbei die Zeiten, da sie sich mit Charme und Nonchalance durch diverse Koloraturfährnisse manövrierte. So genau hat sie's – denken wir an die legendäre, mittlerweile schon ein Jahrzehnt zurückliegende Festspiel-„Traviata“ – mit den Perlen auf Verdis Melodieschnüren nicht immer genommen.

Heute ist das anders. Auch die Leonore kommt nicht ohne Ziergirlanden aus. Doch sitzen die Töne mittlerweile auch in scheinbar nur dekorativen Anhängseln arioser Entfaltung mehrheitlich punktgenau. Vor allem aber sind sie – wie die lyrischen Kantilenen – mit äußerstem Espressivo aufgeladen. Nichts erklingt in dieser Musik zufällig, nichts zwecks Demonstration purer Vokalartistik. Jede Nuance steht im Dienst der theatralen Aussage.

 

Herausforderung für die Primadonna

Das ist's, was man von Anna Netrebko immer erwartet: die vollständige Identifikation mit der Bühnenfigur, der sie mit jeder Gebärde, vor allem aber vokal blutvolles Leben einhaucht. Diese Leonore liebt, leidet und stirbt leidenschaftlich. Man hört die Euphorie, die Verzweiflung, den Todesmut dieser Frau, die auch noch die Flüche ihres Geliebten mit Größe zu tragen weiß.

Francesco Meli verfügt zwar nicht über das künstlerische Potenzial, die jähen Wandlungen, Trotz, Aufbegehren, Erkenntnis und Reue im auch nur annähernd gleichen Ausmaß wie seine Angebetete auszudrücken. Aber er hat tenorales Format genug, sich in den lyrischen Passagen an Pianokultur zumindest zu versuchen und die heldenhaften Töne allesamt zu absolvieren, wenn auch in der Höhe durchaus mit nachlassender Kraft.

Wirklich herausfordernd für die Primadonna ist das Erscheinen einer veritablen Widersacherin. Das Salzburger Besetzungsbüro ist im Gegensatz zu früheren Jahren heute immerhin lernfähig und korrigiert Missgriffe anlässlich der Reprise einer Produktion. Also steht mit Ekaterina Semenchuk eine neue Azucena auf der Szene, die nach dem Willen des Regisseurs eine Gemäldegalerie darstellt, in der die Bilder Alter Meister zur Geisterstunde lebendig werden. Die Semenchuk gibt die rächende Zigeunerin, gequält von der Erinnerung an den Tod ihrer Mutter auf dem Scheiterhaufen und deren Ruf nach Vergeltung, von der Erinnerung an den Mord am eigenen Kind – Leiden und Rachegelüste spiegeln die glühend erregten Gesangsphrasen, aber auch mütterliche Zärtlichkeit. Wie schon in „Anna Bolena“ an der Wiener Staatsoper scheint diese Konkurrentin den Ehrgeiz der Netrebko noch weiter zu beflügeln.

Auch der Graf Luna darf nun, nach dem prominent gescheiterten Versuch im Vorjahr, von einem echten Bariton gesungen werden. Artur Rucińskis Stimme sitzt in allen Lagen klangvoll, tönt vielleicht nicht übermäßig edel, beeindruckt aber dank famoser Atemtechnik durch schier endlose Phrasen. Die übernehmen die philharmonischen Musiker unter der sehr sensiblen Führung durch Gianandrea Noseda mit untrüglichem Gespür für das genaue Timing lebendiger Gesangsphrasen. Überdies setzt Noseda auf Brio, der Staatsopernchor hält im Zigeunerlager mit dem Tempo wacker mit.

 

In prächtigen Gewändern Alter Meister

Blitzsauber die mittleren und kleinen Partien, voran der profunde Ferrando von Adrian Sâmpetrean. Die museale Inszenierungsidee garantiert außerdem, dass die Figuren in prächtige historisierende Gewänder gehüllt sind (Eva Dessecker), während die Wände des Ausstellungssaals sich fortwährend verschieben und immer neue Bildkompositionen ins Spiel bringen.

Das ist jedenfalls pittoresker als die kärglichen Ausstattungen, die uns der Aktualisierungswahn der meisten jüngeren Produktionen zumutet. Solang sie nicht – wie in der Rahmenhandlung – als Museumswärterinnen oder Nachtwächter kostümiert sind, sondern Gewänder tragen, wie sie Meister vom Format eines Bronzino gemalt haben, dürfen die Sänger so tun, als agierten sie in einer althergebrachten, ästhetisch angenehmen Inszenierung.
Das Stück, angeblich inhaltlich verworren, wird dank des direkt zupackenden Zugangs der Künstler zu Verdis Seelenklängen unmittelbar verständlich: Der Komponist setzt uns in seinem „Trovatore“ ja sozusagen die Konzentrate menschlicher Leidenschaft vor. Liebe, Hass, Sehnsucht, Eifersucht klingen ungefiltert.

Leider wurde der „Troubadour“ bereits mit der weitaus weniger stimmigen Besetzung des Vorjahres aufgezeichnet. Im Rahmen der „Festspielnächte“ auf dem Salzburger Kapitelplatz beginnen zwar demnächst auch die Präsentationen der diesjährigen Produktionen auf der Riesenleinwand; doch „Il trovatore“ gibt es am 18. und 30. August aus dem Jahr 2014. Die Aufführungen im Großen Festspielhaus sind ausverkauft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2015)