Schwimmen: Mit Katie Ledecky beginnt eine neue Zeitrechnung

Ihretwegen rechnen Sporthistoriker bereits in zwei Epochen: in v. L. und n. L. – vor und nach Katie Ledecky. Die 18-Jährige gewann in Kasan fünf Goldmedaillen.(c) APA/EPA/VALDRIN XHEMAJ (VALDRIN XHEMAJ)

Die 18-jährige US-Amerikanerin Katie Ledecky ist der große Star der Langbahn-WM in Kasan: Sie gewann fünf Goldmedaillen und fixiert neue Weltrekorde in den Kraulbewerben.

Kasan/San Antonio. Jedes Mal, wenn bei der Schwimm-WM in Kasan die nächste Sensation feststand, liefen Andy Kershaw und Bruce Gemmell aufeinander zu, schlugen ein und sagten: „I love it when a plan comes together.“ Fast immer war Katie Ledecky der Grund, dass der Manager des US-Schwimmteams und der Trainer der 18-jährigen US-Athletin sich das Zitat von John „Hannibal“ Smith aus der US-TV-Serie „A-Team“ zuriefen.

Denn Ledecky gewann als erste Schwimmerin bei einer WM alle fünf Titel von 200 bis 1500 Meter Kraul, die abschließende Goldene über 800 Meter in der Weltrekordzeit von 8:37,39 Minuten (10,26 Sekunden vor der Neuseeländerin Lauren Boyle). Es war ihre bereits neunte Goldmedaille bei einer Weltmeisterschaft. Daneben hängt bei ihr zu Hause in Washington, D. C., auch Olympiagold: Das hatte sich die damals 15-Jährige 2012 in London geholt. Und weil sie auch die Weltrekorde über 400, 800 und 1500 Meter Kraul hält – letzteren hat sie in Kasan zweimal verbessert –, rechnen Sporthistoriker bereits in zwei Epochen: in v. L. und n. L. – vor und nach Ledecky eben.

Auch sonst mangelt es nicht an Zuschreibungen für die 1,78 m große und 65 kg schwere Sportlerin: Außerirdisch sei sie, oder „Miss World Record“ oder der All American Teenager, immer fröhlich, locker und optimistisch. „Ich denke während der Wettkämpfe nicht an historische Dimensionen“, sagte sie am Ende der WM, „aber heute kann ich feiern und genießen.“

 

Denken wie eine Sprinterin

Was sie so erfolgreich macht, lässt sich kaum erahnen. Trainer Bruce Gemmell sagt: „Gleichgültig, um welche Distanz es sich handelt, sie geht immer mit der Konzentration einer Sprinterin an die Sache.“ Und das selbst bei den 1500-Meter-Bewerben. Gemmell scheint das auch mit seinen Vorgaben elegant zu unterstützen: „900 Meter locker schwimmen, 300 steigern, und 300 so schnell, wie Du magst.“

Wie schnell sie mag, brachte Ryan Lochte zum Ausdruck. Der 17-fache Weltmeister, der wie Ledecky die Schwächen der übrigen US-Schwimmer überdeckte, erzählte von Trainings mit der angehenden Stanford-Studentin: „Sie ist förmlich an mir vorbeigeflogen.“

Fragt man Ledecky, wer die größte schwimmerische Leistung vollbracht hat, nennt sie allerdings nicht Lochte, sondern Michael Phelps. Als er bei Olympia in Peking im Jahr 2008 die achte Goldmedaille gewann: „Ich kann mich erinnern, ich habe ganz laut geschrien“, erzählt Ledecky.

Abgesehen von dieser Schilderung war Phelps in Kasan Thema, ohne anwesend zu sein. Er demonstrierte in San Antonio bei den US-Meisterschaften seine Stärke: Er schwamm dort deutlich schneller als die Weltmeister in Kasan. Über 100 Meter Delfin schlug der für die WM nach einer Alkohol-Autofahrt vom eigenen Verband gesperrte Phelps in Jahresweltbestzeit von 50,45 Sekunden an: Phelps war damit schneller als bei seinem Olympiasieg 2012, schneller als jemals zuvor seit Verbot der Hightechanzüge Ende 2009, und vor allem schneller als Südafrikas Weltmeister Chad le Clos in Kasan (50,56).

Michael Phelps und die Boxer

Der Südafrikaner hatte sich anschließend abfällig über Phelps und „all den Dreck, den er von sich gibt“ geäußert und das Duell der beiden Delfin-Olympiasieger in Rio 2016 mit dem legendären Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier verglichen.

„Ich bin bereit und lasse meine Leistungen im Pool sprechen“, antwortete Phelps. Le Clos hatte ihn in London 2012 über 200 Meter Delfin deutlich geschlagen. Dass Phelps auch über diese Distanz (1:52,94 Minuten) wieder vorn liegt, zeigte er am Freitag. Denn der Ungar László Cseh schwamm in 1:53,48 bis zum WM-Titel in Kasan.

Zur Person

Katie Ledecky (* 17. März 1997 in Washington, D. C.) gewann bei der Schwimm-WM im russischen Kasan Gold über 200, 400, 800 und 1500 Meter Kraul und mit der 4x200-Meter-Kraul-Staffel. Zudem fixierte die angehende Stanford-Studentin in der vergangenen Woche Kraulweltrekorde über 1500 Meter (15:25.48 Minuten) und 800 Meter (8:07.39 Minuten).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2015)