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Plädoyer für den Applaus nach Gefühl

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Wann darf der gebildete Musikfreund klatschen, wann muss er, wann soll er ergriffen sein?

Manchmal wird zu viel applaudiert. Man sieht es an den Mienen der Künstler, „den Dank erhofft ich nicht“, scheinen sie mit Monostatos zu seufzen. Tatsächlich kann frenetisches Händeklatschen Stimmungen töten.

Zuweilen gehört verfrühter Applaus aber dazu, eine Aufführung des zweiten „Bohème“-Bildes wäre nicht ganz gelungen, würde das Publikum mit dem Applaus warten, bis der fallende Vorhang sich ganz geschlossen und das Orchester seine Forteschläge akkurat bis zu Ende geführt hat.

Erstaunliche Wandlungen macht im Konzertsaal die Reaktion auf Bruckner'sche Symphonie-Finalsätze durch. Zu Jochums, Böhms und Karajans Zeiten hätte man es noch als absurd empfunden, wenn nach dem Schlussakkord der Siebenten oder der Achten weihevolle Stille geherrscht hätte.

Seit Sergiu Celibidache aber Bruckner-Aufführungen wie Religionsersatz zelebriert hat, wartet das Publikum auch nach effektvollen Fortissimo-Schlüssen andächtig, bis der Dirigent das Zeichen zum Applaus gibt; so folgsam wie für meine Begriffe völlig unnatürlich.

Aber die Natürlichkeit der Reaktion nimmt kontinuierlich ab. Seit Hausmusik in diesem Land zum Fremdwort geworden ist, wird der Sittenkodex, den der bürgerliche Musikbetrieb entworfen hat, pervertiert. Apropos: Noch zu Brahms' Zeiten wurde selbstverständlich jeder einzelne Satz einer Symphonie vom Publikum mit Zustimmung oder gegebenenfalls auch mit Ablehnung oder (beredter) Enthaltsamkeit quittiert. Bei Mozart applaudierte man nach einzelnen gelungen Phrasen!

In der Oper hat sich das Ad-hoc-Reagieren noch etwas länger gehalten – mittlerweile verbieten aber Regisseure sogar den Applaus nach den Akten und lassen nur noch am Schluss der Vorstellung Vorhänge zu. Da sind wir beinah schon bei Richard Wagners Bayreuther „Parsifal“-Zeremoniell gelandet; das wiederum konsequent von einigen Ignoranten ignoriert wird. Wie die deutlichen Signale von Sängern, die bei Liederabenden (siehe Rezension, Seite 21) Liedgruppen zu Einheiten verbinden möchten. Wenn's grad so schön ist, wird trotzdem geklatscht.

Das wäre ja an sich, siehe oben, kein falsches Zeichen. Dass es immer wieder im falschen Moment gegeben wird, sagt viel über unsere Zeit und die Sensibilität in künstlerischen Fragen aus.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2015)