Das Schneien im Kopf der Mutter

Dubravka Ugresic interpretiert das Märchen von „Baba Jaga“.

Unsichtbarkeit ist das Hauptmerkmal alleinstehender alter Frauen. Kein jüngerer Mensch will sie wahrnehmen und damit an die Vergänglichkeit des eigenen Körpers erinnert sein. Die aus der Form geratenen, unmodisch gekleideten Frauen, deren Organe, deren Gedächtnis immer schlechter funktionieren, weisen auf die Ziel- und Sinnlosigkeit des Lebens nach dem Ende ihrer Reproduktionstätigkeit hin. Auf gar keinen Fall will man so wie sie werden. Sie taugen höchstens als Witzfiguren und sind in unserer jugendlichkeitsbesessenen Gesellschaft nichts wert.

Dass die kroatische Autorin Dubravka Ugresic alte Frauen ins Zentrum ihres jüngsten Werkes, „Baba Jaga legt ein Ei“, stellt, ist daher gewagt. Aber geht das auch gut? Um es vorwegzunehmen: Die Autorin bedient sich am folkloristischen Fundus der Baba Jaga, einer hexenartigen Gestalt, die durch slawische Märchen geistert, deren Ursprünge als abgewertete Muttergöttin sich aber durchaus in allen Weltgegenden finden. Indem Ugresic ins Märchenhafte abhebt, fordert sie die Rechte alter Frauen ein, lässt ihnen Beachtung, Liebe und vor allem eine Aufgabe zukommen.

Im ersten Teil des Textes stellt uns eine Ich-Erzählerin den Verfall ihrer alternden, an einem Hirntumor leidenden Mutter vor. In schönen, oft poetischen Bildern wird der allmähliche Sprach- und Gedächtnisverlust beschrieben; so schneit es im Kopf der Mutter, wenn sie alles durcheinanderbringt, oder sie verlangt Genitalienkekse statt Cerealienkekse. Im Gewirr ihrer Gedanken findet sie sich nur mehr ungefähr zurecht. Dem körperlichen Verfall wird mit einem erhöhten Bedürfnis nach Reinlichkeit begegnet, einem Putz- und Ordnungswahn. Ihren Namen hat die Mutter vergessen, sie heißt nun Staubsauger, sagt sie zum Arzt. Aus ihren Erinnerungen sind längst Legenden geworden, abgeschlossene Anekdoten, deren Wahrheitsgehalt auf ewig unverrückbar bleibt. Die Rollen von Mutter und Tochter haben sich verkehrt. Die Jüngere übernimmt den fürsorglichen Part für die Ältere, die sich mehr und mehr in ein kindähnliches Wesen zurückverwandelt.

Der zweite Teil versetzt den Leser – oder sollte ich besser sagen, die Leserin? – in ein tschechisches Kurhotel, wo es sich drei alte Freundinnen gut gehen lassen wollen. Doch all die zur Verfügung stehenden Mittelchen und Praktiken dieser, sich als Wellnesshotel gebärdenden Anstalt, ändern nichts an der Tatsache, dass die Frauen bereits einem dritten Geschlecht, einem geschlechtslosen nämlich, angehören. Die Schlaffheit des Gewebes, die Unförmigkeit der einstmals straffen und eindeutig als weiblich erkennbaren Körperteile haben die Frauen ihrem Aussehen entfremdet. So wie sie sind, mögen sie sich nicht, weil sie sich nicht mehr über den Körper, der so sehr vom allgemein begehrten Ideal abweicht, definieren können. Und es gibt ja tatsächlich kaum positiv bestimmte Lebensentwürfe für alte Frauen. Ausnahmen wie die vampirähnliche Leni Riefenstahl, die sich am Anblick frischer, knackiger Männer als Sujets ihrer Filme verjüngte, bestätigen die Regel.

Doch die Autorin lässt Gnade walten und beschert der kroatischen Beba einen reizenden bosnischen Masseur, der aus Gründen besserer Vermarktung als Orientale verkleidet auftritt und dessen Kriegstrauma sich in einer Dauererektion zeigt. Die beiden erkennen sich als ehemalige „Nachbarn“ eines Landes, das nicht mehr existiert und befreunden sich. Ins Absurde entwickelt sich die Geschichte schließlich, als die älteste der drei Freundinnen auf dem Liegestuhl am Pool ihr Leben aushaucht und die zwei verbliebenen Frauen den Leichnam in Würde in die Heimat transportieren lassen wollen. In einer Galerie, die ausschließlich Eier in verschiedensten künstlerischen Ausformungen anbietet, finden sie ein überdimensionales, mit paradiesischen Szenen bemaltes Oval. Dieses universelle Symbol der Fruchtbarkeit wird zum Behälter für die weibliche Leiche. Das Ei ist gleichzeitig Gebärmutter und Grab, Leben und Tod.

Erst nach dem Ableben der alten Frau kommen Details aus ihrer Vergangenheit ans Tageslicht, die den Lauf der Ereignisse völlig verändern: „Jede von ihnen hatte ihr Leben gelebt, jede hatte unterwegs ihr Lebensbündel gefüllt. Jede schleppte ihre Last mit sich. Jetzt, aufeinandergehäuft, war die Last zu groß geworden, die Koffer waren aufgesprungen, und der ganze Kram war ans Tageslicht gepurzelt.“ Aus diesen Lebenstrümmern materialisieren sich mit einem Mal bisher unbekannte Familienmitglieder, während sich die Männer verflüchtigen. Eine Zukunft voller Aktivität tut sich auf. Das Ei, in dem die tote Freundin begraben wird, hält sein Versprechen auf Fruchtbarkeit. Die ausgemusterten Frauen erhalten in diesem Märchen eine weitere Chance. „Das Leben war ein unendlich großer Garten voll versteckter Ostereier.“ Die Sorge alter, vermögender Frauen um verlassene Kinder birgt eine Vision: Nähme man die Geschichte ernst, gäbe es wichtige Aufgaben für alte Frauen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Es gäbe zum Beispiel genügend Kinder, die Zuwendung brauchen, die ihnen ihre im Berufsleben verhakten Eltern nicht bieten können.

Im dritten Teil findet sich eine Materialsammlung zur Figur der Baba Jaga, vorgeblich präsentiert von einer Volkskundlerin, der die Ich-Erzählerin bereits im ersten Teil begegnet ist. Baba Jagas vielfältige Erscheinungen werden anhand einer Unmenge von Märchen, Legenden und vorchristlichen Mythen aufgeführt. Das geht bis zur Annahme, dass die Urform der Hexengestalt eine Fruchtbarkeits- und Muttergöttin gewesen sein könnte, die mit der Einführung eines patriarchal-göttlichen Systems ins Negative verzerrt wurde.

Einen Rest dieser einst mächtigen weiblichen Vorbilder und ihre Entstellung ins Missgünstige, ja Misogyne, stellt in unserer Kultur die Frau Perchta – oder bekannter: Frau Holle – dar. Die große Göttin sei heutzutage eine alte Schachtel, eine Loserin, eine traurige Karikatur ihrer selbst, schreibt die Autorin. Die verhärmte Volkskundlerin aber gerät zu guter Letzt in Rage, beklagt die Untaten der Männer, die diese im Namen der Ehre, der Religion, der Selbstsucht et cetera begehen, und entwirft eine Utopie, in der aus dem System gedrängte Frauen sich zu einem Rachefeldzug versammeln, um ihre Rechte zurückzufordern. Sie möchte, „dass sie aufhören, sich vor den blutrünstigen Männern zu verneigen, die Millionen Menschenleben auf dem Gewissen haben und das Töten noch immer nicht lassen“.

Das Ei, das uns die als Baba Jaga verkleidete Autorin hier legt, enthält also einiges an gesellschaftlichem Sprengstoff, auch wenn es als harmloses Märchen daherkommt. Die alte Frau schlüpft als Heldin des Lebens aus dem Ei, wird als Mitglied der Gesellschaft wiedergeboren und sichtbar. Halleluja! ■

Dubravka Ugresic
Baba Jaga legt ein Ei
Mythen. Aus dem Kroatischen von Mirjana und Klaus Wittmann. 368 S., geb., € 22,70 (Berlin Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2009)

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