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Neuregelung: Kur mit unerwünschter Nebenwirkung

Eine Gesamtstrategie zur Prävention vermisst ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger nach wie vor.(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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ÖVP-Gesundheitssprecher Rasinger unterstützt zwar den Sozialversicherungschef beim Ausbau der Prävention, warnt aber vor dem Vertreiben von Patienten „mit dem Zeigefinger“.

Wien. Haben Kuraufenthalte in Österreich zu häufig den Charakter eines Quasiurlaubs, wie dies Sozialversicherungschef Peter McDonald bemängelt und daher ändern möchte? Der Gesundheitssprecher der ÖVP, Erwin Rasinger, befürchtet, dass dabei gleichsam das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden könnte. Denn genau jene Patienten, die man mit einer Verstärkung der nachhaltigen Wirkung einer Kur längerfristig zu einem gesünderen Lebenswandel bringen wolle, würden abgeschreckt.

Im Gespräch mit der „Presse“ formuliert dies Rasinger, der praktischer Arzt in Wien ist, so: „Wenn man zu viel mit dem Zeigefinger arbeitet, erreicht man den genau gegenteiligen Effekt.“ Auslöser der aktuellen Debatte um die Zukunft der Kuraufenthalte ist, dass der Vorstandschef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger das System der Kuren reformieren möchte. Kuraufenthalte sollen dabei zwar keinesfalls abgeschafft werden, es soll aber künftig der Charakter der nachhaltigen Konsequenzen in den Mittelpunkt gerückt werden. „In einem muss ich ihm recht geben: Wir müssen Kuren und Rehab-Aufenthalte auf eine generelle Prävention ausrichten. Man sollte die Kuren erweitern“, pflichtet der langjährige ÖVP-Nationalratsabgeordnete dem Hauptverbandschef bei. „Aber man muss höllisch aufpassen, dass man nicht zu sehr mit dem Zeigefinger verfährt“, betont er aus seiner eigenen Erfahrung als Mediziner mit Patienten.

 

„Gesamtstrategie für Vorsorge“

Wenn dann künftig jemandem vom Arzt ein Kuraufenthalt empfohlen werde, könnte dies eine abwehrende Haltung des Betroffenen zur Folge haben, überhaupt eine Kur anzutreten. „Wir vertreiben gerade die Patienten, die beratungsrestitent sind“, befürchtet Rasinger.

Grundsätzlich müsse auch bei einer Kur der Erholungsfaktor in Form des Ausklinkens von den täglichen Belastungen weiterhin einen hohen Stellenwert haben. Denn: „Wir leben in einer Welt mit einer unglaublichen Arbeitsdichte und einer Reizüberflutung.“ Nicht umsonst habe sich beispielsweise in Deutschland die Zahl der Depressionen zuletzt mehr als verdoppelt. In Österreich sind psychische Erkrankungen bei Frauen bereits der häufigste Grund für Frühpensionierungen mittels Invaliditätspension. Allgemein betrachtet sei das österreichische System der Kuren und der Rehabilitation „weltweit Spitze“.

Maßnahmen zur Prävention im Gesundheitswesen sind seiner Ansicht nach noch immer viel zu wenig ausgebaut. Mit mehr als einer Million Vorsorgeuntersuchungen gebe es in Österreich allerdings eine gute Basis. Diese sei erweitert worden um Mammografie oder Koloskopie. Aber, so beklagt der ÖVP-Gesundheitssprecher: „Wir haben keine Gesamtstrategie.“ Dieses Ziel, das auch bereits in früheren Regierungsabkommen von SPÖ und ÖVP festgeschrieben worden sei, müsse jetzt endlich umgesetzt werden. Ein solcher nationaler Präventionsplan müsse bei den wichtigsten Krankheiten ansetzen wie Krebs, Herzinfarkt, Übergewicht, Depression.

 

Ministerin ist gesprächsbereit

Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ) verschließt sich der Diskussion über Änderungen bei Kuraufenthalten nicht. „Wenn man es im Sinn einer Weiterentwicklung betrachtet, kann man eine Debatte führen“, wurde der „Presse“ in ihrem Büro erklärt. Allerdings steht die Gesundheitsministerin keinesfalls zur Verfügung, wenn es in Richtung einer „Verunglimpfung“ jener Menschen gehe, die eine Kur oder einen Rehabilitationsaufenthalt in Anspruch nehmen. Ein konkreter Plan des Hauptverbandes für eine Reform der Kuren sei dem Ministerium bisher aber nicht vorgelegt worden.

Sozialversicherungschef McDonald hat auf ein Pilotprojekt für die neue Form von Kuraufenthalten in der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) verwiesen. Wie gestern, Montag, berichtet, haben dies seit Anfang 2014 rund 9300 Personen im Alter zwischen 30 und 55 Jahren genützt. PVA-Generaldirektor Winfried Pinggera erwartet bis Oktober Ergebnisse der Evaluierung dieser Aktion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2015)