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Monetäres Muskelzucken in Peking

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China bringt den Yuan in Stellung: als neue Reservewährung – und für die Zinswende in den USA. Europa und sogar Russland sind ebenfalls vorbereitet. Einzig Brasilien bleibt ein großes Fragezeichen.

Wien. China hat den dritten Tag in Folge seine Währung gegenüber dem US-Dollar abgewertet. Anders, als es auf den ersten Blick aussieht, handelt es sich bei dem Kurssturz aber nicht um die Folge einer gezielten Intervention seitens der Zentralbank, sondern um das genaue Gegenteil. Die chinesische Zentralbank ist entschlossen, den bisher stark kontrollierten Wechselkurs Stück für Stück freizugeben.

Die Zeit wird zeigen, ob Peking aus Notwehr gehandelt hat – oder ob es ein geplanter Schritt war. Fest steht freilich: Chinas Wirtschaftsmotor stottert, und die Exporteure können einen schwächeren Yuan gut gebrauchen. Fest steht aber auch: Die Notwendigkeit dieser Währungsfreigabe war lang bekannt – ähnlich, wie bekannt war, dass die Bindung des Schweizer Frankens an den Euro nicht ewig wird halten können.

Trotzdem warnen nun viele Stimmen vor einem „Währungskrieg“, also einem Abwertungswettlauf. Vor allem die übrigen Länder Asiens könnten jetzt geneigt sein, ihre Währungen ebenfalls zu schwächen. Derartige Abwertungen verteuern tendenziell das Leben für die Bürger, bringen aber auch Vorteile – vor allem in einer Welt, die von blutleerem Wirtschaftswachstum geprägt ist. Ein Überblick über die wichtigsten Teilnehmer am „Spiel des Geldes“.



Die Vereinigten Staaten bleiben das Maß der Dinge. Die Wirtschaft wächst, und „König Dollar“ gibt eine Demonstration seiner Kraft: Er steigt und steigt. Wieder einmal bewahrheitet sich, was der damalige US-Finanzminister, John Connally, seine internationalen Kollegen Ende 1971 bei einem G10-Gipfel in Rom wissen ließ: „Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem.“ Denn der starke Dollar übt Druck auf den Rest der Welt aus, v.a. auf die zunehmend schwächelnden Schwellenländer. Gleichzeitig bringt er auch die US-Notenbank Federal Reserve in Bedrängnis.

Leitet sie im September tatsächlich nach sieben Jahren Nullzinspolitik eine nachhaltige Zinswende ein, droht der Dollar noch weiter zu steigen. Das könnte die ebenfalls extrem hohen Börsenkurse zum Einbrechen bringen und sogar eine Rezession auslösen. Belässt sie die Zinsen auf dem Nullpunkt oder druckt gar zusätzlich Geld (Quantitative Easing), drohen neue Börsenblasen, Inflation und ein Schaden für die eigene Reputation.

China scheint aber zu wissen, wohin die Reise geht. Eigentlich hat auch die Federal Reserve (Fed) nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ihr die nationale Rolle des Dollars wichtiger als die internationale ist. Das heißt, die Fed wird die Zinsen anheben – wie es auch die Zentralbank der Zentralbanken, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, kürzlich angeregt hat. Chinas Währungsfreigabe ist als vorbereitender Schritt zu betrachten, den der Internationale Währungsfonds auch goutiert. Der Weg des Yuan in den Kreis der Weltwährungen ist wieder ein Stück kürzer geworden (siehe Seite 2). Die Abwertung hilft auch den Exporteuren des Riesenlandes. Aber dass China sein Wachstumsziel von sieben Prozent heuer erreichen kann, wird trotzdem immer unwahrscheinlicher.

Russland und der "kranke Mann Südamerikas"

Russland hat den Rubel schon in der Hochphase der eigenen Wirtschaftskrise freigegeben, um nicht die gesamten Währungsreserven zur Kursstützung zu verbrauchen. Das Ergebnis: Der Markt hat den Daumen über dem Rubel gesenkt – die russische Währung hat im vergangenen Jahr mehr als irgendeine andere verloren. Inflation plagt die Menschen, die Wirtschaft bleibt in einer Rezession. Aber der vielfach herbeigeredete Kollaps Russlands ist ebenfalls ausgeblieben. Auch die Weltbank rechnet mit einer baldigen wirtschaftlichen Rückkehr des größten Landes der Welt.

Brasilien ist inzwischen so etwas wie der „kranke Mann Südamerikas“. Am Mittwoch wurde Brasilien von der Ratingagentur Moody's sogar herabgestuft – und steht jetzt fast auf „Ramsch“-Niveau. Der Fall der Rohstoffpreise hat das Land hart getroffen. Dazu kommt eine ungeschickte Wirtschaftspolitik der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff. Auch die Währung, der Real, kennt nur einen Weg: nach unten – und das bei sehr hohen Zinsen von fast 14 Prozent.

Europas teht in der Mitte: Das Griechenland-Chaos geht weiter, die Konjunktur stockt. Der Euro hat zum Dollar ebenfalls nachgegeben. Nicht zuletzt wegen der weiter extrem lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank EZB. Aber anders als die Staatswährung Yuan ist der Euro schon heute als Nummer zwei neben dem Dollar fest etabliert. Die Liberalisierungsschritte der Chinesen und Russen haben die Europäer schon lang erledigt. Und auch die europäische Schuldenkrise hat der Währung Euro bisher nichts anhaben können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2015)