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Leichengift an den Händen der Ärzte: Der Fall Semmelweis

Büste von Ignaz Semmelweis
Büste von Ignaz SemmelweisDie Presse
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150.Todestag. Wie ein junger ungarischer Arzt im Wiener AKH Detektiv spielte – und herausfand, warum tausende Mütter am Kindbettfieber starben: Der Kampf gegen die Erkenntnisse des Ignaz Semmelweis gilt bis heute als Musterfall für den reflexhaften Umgang mit neuen Erkenntnissen.

Waren Bakterien in der Luft schuld am Tod der Frauen? Das Gemäuer des AKHs? Die körperliche Anspannung der Mütter? Oder ein Milchstau? Als der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis zwei Jahre vor dem Ausbruch der Bürgerlichen Revolution ans Wiener AKH kam, das damals größte Krankenhaus in Europa, grassierten verschiedenste Erklärungen für das sogenannte Kindbettfieber, das jährlich hunderte Frauen am AKH nach der Geburt dahinraffte, zeitweise bis zu 30Prozent. Semmelweis' Vorgesetzter etwa war fest von der Milchstauthese überzeugt – zumal ja auch illustre Kollegen zu dem Schluss gekommen seien, nämlich die Ärzte des berühmten Pariser Krankenhauses Hôtel-Dieu...

Heute gehört es zum Allgemeinwissen, was Ignaz Semmelweis herausfand: dass die Ärzte selbst – inklusive er selbst – den Frauen den Tod gebracht hatten, durch die Keime an ihren Händen. Durchgesetzt hat sich seine Erkenntnis jedoch erst nach seinem Tod vor heute genau 150 Jahren in der Landesirrenanstalt Döbling, unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen (war er Opfer einer Intrige seiner Gegner?).

Der Streit um das Händewaschen, der sich davor zwischen ihm und seinen Kollegen abspielte, ist bis heute unglaublich lehrreich und bietet jede Menge Parallelen zu anderen verkannten Pionieren der Wissenschaftsgeschichte wie auch zu Epidemiediskussionen der letzten Jahre, wie jener um die Schweinegrippe. Semmelweis' Kollegen waren keineswegs allesamt nur verbohrt und unbelehrbar; aus ihrem damaligen Wissensstand heraus argumentierten sie oft durchaus logisch. Und sie waren durch feste Vorurteile behindert: dass diese Krankheit an den weiblichen Körper gebunden sei und dass sie epidemisch auftrete.

 

Ein toter Kollege

Nur der 28-jährige Semmelweis ging es detektivisch an und analysierte die im Archiv liegenden Daten der Todesfälle seit 1789. Erst ab 1822, sah er, war die Zahl der Todesfälle angestiegen – mit einem neuen Leiter, der die Ärzte viel mehr in den Geburtsvorgang eingreifen ließ als bisher. Konnte es da einen Zusammenhang geben? Dann verglich Semmelweis genau die Vorgänge in den zwei Geburtsabteilungen des AKHs – in einer waren nur Hebammen tätig, dort gab es kaum Tote durch Kindbettfieber, dafür umso mehr in der anderen, in der Ärzte tätig waren.

Doch erst nach dem Tod eines Kollegen ging ihm schlagartig ein Licht auf: Dieser hatte sich beim Sezieren einer Leiche den Finger verletzt, die Wunde heilte nicht, der Arzt bekam hohes Fieber und starb. Die Obduktion ergab sich ausbreitende Metastasen, angesammelten Eiter, eine Bauchfellentzündung, eine Brustfellentzündung: dieselben Symptome wie bei den toten Müttern! Der Arzt hatte Leichengift an den Händen gehabt – wie alle Ärzte des AKHs es immer wieder hatten, denn das Krankenhaus war stolz auf seine Obduktionspraxis – in jeder Abteilung sezierten die betreffenden Ärzte selbst „ihre“ Leichen... Wie die Lösung eines Kriminalfalls mutet diese hartnäckige, in den Augen vieler Kollegen verbohrte Suche des jungen Arztes an, genau nachlesen kann man sie etwa im neuen Buch der Politikwissenschaftlerin Anna Durnová, „In den Händen der Ärzte“ (Residenz Verlag). 1847 führte Semmelweis Waschschüsseln und Chlorlösung ein, die Sterblichkeitsrate sank rasant. Noch weiter sank sie, als er entdeckte, dass die Ansteckung auch von lebenden Personen ausgehen konnte, und daraufhin die Hygienevorschriften verstärkte.

Warum wurde seine Theorie von den übrigen Ärzten dennoch so lang bekämpft? Viele Gründe haben dabei zusammengewirkt: Nach dieser Theorie hatten die Ärzte selbst den Tod tausender junger Mütter verursacht und fühlten sich dadurch beschuldigt (einer der wenigen Semmelweis-Anhänger unter den Ärzten, Gustav Adolf Michaelis, nahm sich unter dem Eindruck dieser „Schuld“ das Leben).

Eine Rolle spielten auch schlampige Waschungen mit dementsprechend wieder ansteigenden Todesraten, die dann wieder als Gegenbeweis heranzogen wurden. Auch Semmelweis verhielt sich ungeschickt, so weigerte er sich immer wieder, seine Erkenntnisse zu publizieren.

Doch viele Nachgeborene sehen in den Reaktionen der Ärzte den Musterfall eines bis heute wirksamen psychologischen Phänomens, das ein US-Autor denn auch Semmelweis-Reflex genannt hat: dass neue, nicht ausreichend bewiesene Entdeckungen vom wissenschaftlichen Establishment eher bekämpft als unterstützt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2015)