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Wir müssen Peking fürchten, auch wenn es Geschenke macht

Ein freier gehandelter Yuan ist willkommen, der Vorwurf des Währungskriegs deplatziert. Aber Misstrauen gegenüber Chinas Diktatur bleibt berechtigt.

Donald Trump sieht die Zukunft denkbar düster. „Sie zerstören uns“, die Chinesen nämlich, prophezeit der polternde US-Präsidentschaftskandidat mit apokalyptischer Geste. Denn dass man für den Yuan um dreieinhalb Prozent weniger Dollar bekommt als noch vor zwei Tagen, sei erst der Anfang. So lang werde Peking seine Währung schwächen, bis chinesische Billigwaren den Markt überschwemmen und Amerikas Exporteure in die Knie gezwungen sind. Doch auch besonnene Gemüter treibt eine Sorge um: China könnte einen Währungskrieg einläuten, einen Wettstreit mit unfairen Mitteln, an dem am Ende alle Verlierer sind.

Ist diese Sorge berechtigt? Rein wirtschaftlich betrachtet: Nein. Es ist nicht blauäugig, der Zentralbank zu glauben, wenn sie sagt, sie lasse nur die Zügel locker. Die Abwertung sei ein Schritt zum marktkonformen Preis, und in diese Richtung soll es dank eines neuen Systems der Kursfestsetzung weitergehen. Wenn dann in zwei, drei Jahren der Yuan tatsächlich normal zu handeln ist, gibt es einen freien Kapitalverkehr zwischen allen großen Wirtschaftsräumen. Ein Impuls für den Welthandel, ein Geschenk an alle.

Freilich aus Eigennutz: China könnte ausländisches Geld anziehen und einen funktionierenden Kapitalmarkt aufbauen. Noch mehr ist drin, wenn der Internationale Währungsfonds die Liberalisierung belohnt und den Yuan noch heuer in den erlauchten Kreis der Reservewährungen aufnimmt. Schon lang blickt Peking neiderfüllt über den Pazifik. Da der Dollar die Reservewährung schlechthin ist, können sich Staat und Firmen der USA nach Belieben im Ausland verschulden. Das macht ihre Volkswirtschaft so unangreifbar – und davon träumt auch die Führung in China.

Doch auch wenn die Abwertung den simplen Grund hat, der strauchelnden Exportwirtschaft auf die Beine zu helfen: Wer wollte es den Chinesen verübeln? Sicher: Sie haben den schlechten Ruf eines Landes, das seine Währung künstlich niedrig gehalten und damit sein Exportwunder ermöglicht hat – auf Kosten anderer. Doch um dieses Thema ist es zu Recht still geworden. Seit einem Jahrzehnt wertet der Yuan zum Dollar auf. Jüngst bescheinigte auch der IWF, der Kurs sei nun fair. Und wenn man schon das martialische Wort „Währungskrieg“ bemüht: Den hätten wohl eher andere angezettelt.

Nach der Finanzkrise haben alle großen Zentralbanken mit reichlich künstlichen Mitteln ihre Währungen weichgeklopft. Zuletzt, besonders massiv, die EZB durch ihr Anleihenkaufprogramm. Mit dem Erfolg, dass nun der Dollar immer stärker wird. Und wie die Schweiz sich nicht mehr an einen für sie zu schwachen Euro bindet, trennt sich China von der starren Bindung an einen zu starken Dollar. Denn sie fesselt seine Exporteure, die ja nicht nur nach Amerika liefern.


Weit berechtigter ist eine andere Sorge: Wie schlecht steht es wirklich um Chinas Wirtschaft, wenn die kommunistische Führung zu solchen Mitteln greift? Niemand weiß es. Aus dem einfachen Grund, weil China immer noch eine Diktatur mit zentral geplanter Wirtschaft ist – und jeder autoritäre Staat die Verschleierung der Wahrheit als Waffe seiner Propaganda einsetzt.

Den Wachstumsdaten ist nicht zu trauen, weil auch die Statistik ins Joch der Partei gespannt ist. Den Kursen der Aktien ist nicht zu trauen, weil staatliche Banken und Fonds sie manipulieren. Dass die Politik immer heftiger und erratischer interveniert, wie zuletzt beim fahrlässig provozierten Boom und Crash an den Börsen, entlarvt ihre Schwäche.

Wenn die Führung nun den Yuan abwertet, macht sie eine Kehrtwende und gesteht so ihr Scheitern ein: Sie hat auf die Binnenkonjunktur gesetzt und muss erkennen, dass es ohne den Motor Exporte nicht geht. Die Nervosität der Machthaber steigt. Sie wissen: Die Unfreiheit wird nur so lang akzeptiert, wie es wirtschaftlich für alle aufwärtsgeht. Sollten die Bürger einmal auf die Barrikaden steigen, werden die scheinbar so wohlwollenden Despoten nur eine Antwort kennen: Gewalt – wie damals, auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Es gibt auch heute Gründe, einem solchen Regime zu misstrauen. Denn ein freier Wechselkurs macht noch keine freie Gesellschaft.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2015)