Es ist eine Liga ganz außergewöhnlicher Gentlemen, die ausgerechnet Lance Armstrong vor den Karren spannt, um den Radsport aus dem Dreck zu ziehen.
Der Mann hat's drauf: Sein Blick ist scharf, sein Charisma beeindruckend und sein Auftreten gut inszeniert. Und, so sagt man, Lance Armstrong könne auch ganz gut Radfahren. Wobei – nicht nur Fans von Jan Ullrich haben so ihre Zweifel. Denn seit positive Dopingproben von der Tour de France 1999 aufgetaucht sind, die Armstrong zugeschrieben werden, wollen Stimmen nicht verstummen, die sagen: Die sieben Siege Armstrongs seien nur möglich gewesen, weil er wegen der überstandenen Krebserkrankung Medikamente schlucken durfte, die ...usw. usf. Wie auch immer: Armstrong wurde nie aus juristischen Gründen gesperrt oder bestraft.
Das weiß auch Signore Angelo Zomegnan, der Chef des Giro d'Italia. Und weil er wie Armstrong ein ganz außergewöhnlicher Gentleman ist, hatte er zwar ein gewisses Unbehagen, den eben nicht ganz un-inkriminierten Sportler zum PR-Aushängeschild der Jubiläumsrundfahrt zu machen, konnte sich aber dem oben beschriebenen Phänomen doch nicht entziehen. Immerhin werden, rechnete er vor, wegen Armstrongs Präsenz statt wie bisher 1000 Journalisten rund 1600 Multiplikatoren den Tross begleiten. Also erhob man den prominenten Giro-Debütanten in Italien kurzerhand zum Säulenheiligen, arrangierte ein Treffen des Botschafters der „Livestrong“-(Anti-Krebs-)Bewegung mit Außenminister Franco Frattini und Visiten in Krebs-Kliniken.
Dass der Patient Radsport nach den Dopingskandalen der vergangenen Jahre (wie auch der Gegenwart) selbst in der Intensivstation der Sport-Klinik liegt, haben Zomegnan und Christian Prudhomme, Chef der Tour de France, dem Armstrong als Publikumsmagnet ebenfalls nicht ungelegen kommt, ausgeblendet. Meinten es die Herren mit der Rettung des Radzirkus ernst, dann würden sie auf andere setzen als auf Lance Armstrong.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2009)