Drei Agenturen teilen sich 80 Prozent aller Radrennen Europas.
Im Fernsehen ist sie nur ganz selten zu sehen – die große Werbekarawane, die bei den großen Rundfahrten wie Giro d'Italia, Tour de France oder Vuelta España den Radprofis den Weg bereitet. Von der schier endlosen Kolonne aus werden Give-aways und Probepackungen an die Fans am Straßenrand verteilt. Für viele an der Bankette sind diese Goodies wichtiger als die Vorgänge im Peloton.
Je kürzer der Konvoi wird, desto eher entpuppt sich der Zug für die großen Rundfahrtveranstalter als „Karawane des Grauens“, weil er ihre finanzielle Lebensader darstellt. Neben den TV-Verträgen natürlich. (Selbst ARD/ZDF ist es nicht gelungen, sich aus dem Vertrag über die Tour de France 2009 herauszumanövrieren.)
Doch die „großen Drei“, Angelo Zomegnan (Giro), Christian Prudhomme (Tour de France) und Javier Guillén (Vuelta), nagen weder am Hungertuch, noch sind sie daran, die Zügel aus der Hand zu geben. Im Gegenteil, sie haben den Radsport-Weltverband UCI ganz gut im Griff, zeichnen sie doch für mehr als 80 Prozent aller großen europäischen Radrennen verantwortlich. Nur nach langem zähen Ringen kam im Vorjahr eine Einigung über den Rennkalender 2009 zustande. Nach wie vor nicht ausgeschlossen ist, dass sich der eine oder andere Organisator selbstständig macht und das beengende Korsett der UCI abschüttelt. 2011 könnte es bereits soweit sein. Schon im Vorjahr machten die Tour-Veranstalter insofern ernst, als sie das Event als nationales Rennen einstuften und damit der Kontrolle der UCI entzogen. Die französische Antidoping-Agentur AFLD führte daraufhin die Dopingkontrollen durch. Selbst die Androhung von Strafen seitens der UCI hielt die Radteams nicht von der Tour-Teilnahme ab.
Nicht ausgeschlossen ist auch, dass sich eine von der UCI unabhängige Rennserie erst gar nicht so viel aus dem Dopingthema machen würde. Die Hausmacht des Radkartells ist enorm. Hinter dem Giro d'Italia steht die Mailänder RCS MediaGroup, ein Konzern, der unter anderem die Zeitungen „Corriere della Sera“ und „Gazzetta dello Sport“ in Italien, „El Mundo“ oder „Marca“ in Spanien und zahlreiche Magazine herausgibt, Buchverlage besitzt und als Rundfunkanbieter auftritt. Die Agentur RCS Pubblicità, eine 100-Prozent-Tochter, veranstaltet neben dem Giro auch die Klassiker Mailand – San Remo, Mailand – Turin oder die Lombardei-Rundfahrt.
Eine Zeitung steckte auch hinter der Gründung der Tour de France: 1903 wollte die Sportzeitung „L'Auto“ mit dem Radrennen die Auflage steigern. Mittlerweile ist die Tour im Schoß der Amaury Sport Organisation ASO. Die Tochter der Gruppe Philippe Amaury („Le Parisien“, „L'Équipe“) betreibt die Tour, Paris – Roubaix, Lüttich – Bastogne – Lüttich, La Flèche Wallone oder Paris – Nizza, daneben den Marathon de Paris, Golf- und Reitsport-Turniere sowie die Rallye Dakar. Seit dem Vorjahr hält die ASO auch 49 Prozent an der Agentur Unipublic, der Vuelta-Veranstalterin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2009)