Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Oberhauser: "Man fragt sich: Kriege ich noch Enkel?"

Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser
Gesundheitsministerin Sabine OberhauserDie Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser hat den Krebs fürs Erste überwunden. Jetzt kann sie sich über die Ärztekammer ärgern und etwas gegen die Wartezeiten bei MRTs unternehmen.

Sie posten über Facebook wieder jeden Morgen Ihren Wetterbericht. Kann man daraus schließen, dass es Ihnen wieder gut geht?

Sabine Oberhauser: Ja. Der Megateil der Therapie, sieben Chemo-Zyklen, ist beendet, die Operation ist halbwegs verdaut. Bis April bekomme ich noch Antikörpertherapie. Aber bei den bildgebenden Verfahren sieht man nichts mehr, und die Tumorwerte sind im Normalbereich. Man kann also sagen, dass die Therapie gegriffen hat. Jetzt hoffen wir, dass es so bleibt.


Ihre Haare wachsen wieder. Wieso haben Sie sich während der Therapie gegen eine Perücke entschieden?

Weil ich nicht den Schein von etwas erhalten wollte, das ich nicht habe.


Wie war es, als Sie das erste Mal ohne Haare öffentlich aufgetreten sind?

Die Austria Presse Agentur hat an diesem Tag getitelt: „Oberhauser kommt mit Glatze in den Ministerrat“. Da hat es mich total gerissen, weil mein Name zum ersten Mal mit dem Wort Glatze verknüpft wurde. Wäre „ohne Haare“ geschrieben worden, hätte es mir nichts ausgemacht. Aber man gewöhnt sich dran, irgendwann war mir das egal.

Wie war die Resonanz aus der Bevölkerung?

Frauen, die auch an Krebs erkrankt sind, haben mir Fotos mit Glatze geschickt. Viele haben sich bedankt und geschrieben, dass sie sich das nicht getraut hätten, wenn ich das nicht gemacht hätte. Das gibt schon viel Kraft, das ist dann ein Geben und Nehmen.


Sie haben in dieser Zeit weitergearbeitet, obwohl der Ministerjob ein sehr stressiger ist. Wie ging das?

Ich habe mir die Chemotherapie, die ich alle drei Wochen hatte, auf einen Freitag gelegt, sodass ich am Wochenende Zeit hatte, die ersten Nachwehen zu verdauen. Am Montag, Dienstag danach habe ich mir Termine nur bis Mittag eingeteilt. Danach habe ich das Pensum wieder erhöht. Ich habe eigentlich jeden Tag gearbeitet. Und es hat Tage gegeben, an denen ich keine Zeit zum Verschnaufen hatte, weil Dinge sein müssen. Dann macht man es halt.


Es gab auch Kritik: Manche meinten, als Ministerin könnten Sie Aufgaben delegieren, wenn es Ihnen gerade schlecht geht. Der Durchschnittsbürger könne das nicht.

Natürlich ist mein Job privilegiert. Aus einem einfachen Grund: Bei mir ist es kompensierbarer, wenn ich weniger Leistung bringe. Bei wem, der an der Kassa sitzen muss, geht das nicht. Da wird der Chef nicht sagen: „Versuche es einmal, und wenn es nicht geht, machst du eine Pause.“ Für diese Menschen ist es viel schwieriger, im Arbeitsprozess zu bleiben. Obwohl das wichtig wäre.


Was könnte die Regierung hier tun?

Wir müssen nachdenken, wie wir Menschen mit chronischen Erkrankungen, mit Burn-out und auch Krebs, wieder in den Arbeitsprozess integrieren können. Oder erst gar nicht herauslassen. Das Wort Teilzeit-Krankenstand geistert oft herum. Aber da gibt es viele Fragen: Wer zahlt das? Wie verhindert man, dass Arbeitnehmer erpresst werden?


Haben Sie durch die Krebserkrankung etwas Neues über Ihren Job gelernt?

Wenn, dann als Ärztin. Man wechselt sozusagen auf die andere Seite des Betts. Das war nicht leicht.


Was macht der Krebs mit einem?

Man begreift, dass dieses schöne Leben schnell aus sein kann. Man hat Angst, fragt sich Dinge wie: „Kriege ich noch Enkelkinder? Geht sich das aus?“ Am Anfang ist es besonders schlimm. Dann sagt man sich: „Weg damit!“ Während der Therapie denkt man: „Wirkt sie?“ Wenn etwas wehtut, fragt man sich, ob der Tumor weiterwächst. Es wird leichter, wenn man erste Erfolge sieht.


Und jetzt?

Jetzt kommt das Fürchten vor den Kontrollen. Bleibt er weg, der Krebs, oder kommt er wieder?


Nicht alle haben einen so problemlosen Zugang zur medizinischen Versorgung wie Sie. Man hört immer wieder, dass Leute wochenlang auf eine Strahlen- oder Chemotherapie warten müssen. Was läuft da schief?

Das liegt teilweise an der Umstellung auf die kürzeren Arbeitszeiten der Spitalsärzte (sie dürfen nur noch 48 Stunden pro Woche arbeiten, Anm.). Gerade bei den Onkologen. Der Arzt muss jetzt einen freien Tag nehmen, und wenn da Therapien eingeteilt waren, kommt es zu Verzögerungen.


Das kann es doch nicht sein.

Deshalb wird das System gerade umgeschichtet, das Personal muss anders eingesetzt werden. Die Strahlentherapien waren leider schlecht geplant.


Gibt es zu wenige Geräte?

Man hat mit zu wenigen kalkuliert. Aber da kommt es jetzt zu einer Aufstockung.


Viele Patienten haben das Gefühl, dass jene, die Geld haben, es sich richten können, während bei ihnen Termine verschoben werden.

Dieses Problem haben wir derzeit bei den Magnetresonanztomografien. Erstens werden zu viele MRs zugewiesen – manches könnte auch per Röntgen gemacht werden. Zweitens sind die Radiologen aufgrund ihrer Sicht des Vertrags mit den Sozialversicherungen, in dem es eine Deckelung gibt, nicht bereit, mehr zu machen, als sie bezahlt bekommen.


Was werden Sie tun?

Ich kann da leider nur an die Obleute der Sozialversicherungen und an die Ärzte appellieren.


Braucht die Gesundheitsministerin mehr Durchgriffsrechte?

Natürlich wäre es leichter, wenn man mehr steuern könnte. Aber das System der sozialen Krankenversicherung hat einen Sinn. Wenn die Sozialpartner das Geld der Arbeitenden verwalten, halte ich das für viel gescheiter, als wenn das wechselnde Politiker mit welcher Weltanschauung auch immer machen.


Bei der neuen Arbeitszeitregelung haben die Ärzte auch mehr Geld gefordert. Hat Ihre Solidarität mit Ihren Kollegen Grenzen?

Ja.


Wo?

Ich mag nicht streiten um des Streitens willen. Ich komme zwar aus der Gewerkschaft, aber das Standespolitische – also nur die eigene Berufsgruppe zu sehen – war nie meines.


Was werfen Sie der Ärztekammer vor?

Mein Verständnis hört auf, wenn ich das Gefühl habe, dass die Ärzte gegen alles sind. Ich würde mir wünschen: zuerst reden, dann streiken. Wo ich herkomme, ist Streik die letzte Drohung.


Was steckt da dahinter? Angst, dass man etwas verliert, etwas Neues machen muss?

Es ist wohl die Sorge, dass sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern. Und prinzipiell die Angst vor Veränderung.


Die jüngste Streikdrohung der Ärzte richtet sich gegen die geplanten Ausweiskontrollen und das Mystery Shopping in Ordinationen.

Ich verstehe wirklich nicht, was so schlimm daran sein soll, wenn man von Patienten, die man noch nie gesehen hat, den Ausweis verlangt.


Man fühlt sich unter den Generalverdacht gestellt, alle Ärzte seien Betrüger.

Wir haben diese Regeln eingezogen, um Missbrauch abzustellen: etwa bei Krankenständen oder wenn ein Arzt Leistungen abrechnet, die er nicht erbracht hat. 99,9 Prozent müssen sich nicht fürchten, weil sie das nicht betrifft.


Das nächste Konfliktthema ist die neue Primärversorgung. Warum geht es mit den neuen Ärztezentren so schleppend voran?

In Österreich herrscht das Bild vom Arzt als klassischem Einzelunternehmer vor. Mittlerweile glaube ich, dass viele – vor allem junge – Kollegen, nicht mehr allein arbeiten wollen. Wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, sich in größeren Praxen zusammenzuschließen und zum Beispiel auch einen Krankenpfleger oder eine Sozialarbeiterin dazuzunehmen, die dem Arzt einige Dinge abnehmen kann. Für den Patienten verlängern sich dadurch die Öffnungszeiten, er muss an den Tagesrandzeiten nicht mehr in ein Spital.


Und wieso dauert das so lang?

Weil Veränderung zäh ist. Wir wollen einen einheitlichen Rahmen von Wien bis zum Bodensee. Der Patient muss wissen, was der Unterschied zum Hausarzt ist und dass ein solches Zentrum eine Kassen- und keine Privatleistung ist.


Die ÖVP will aber kein Gesetz.

In dieser Frage gibt es viele ÖVPs.


Gesundheitssprecher Erwin Rasinger nimmt für sich in Anspruch, dass er hier die Parteilinie vertritt oder formuliert.

Die neue Primärversorgung ist ein Beschluss der Länder, der Sozialversicherungen und des Bunds. Wir arbeiten mit Hochdruck an einem Gesetz.


Für heuer noch?

Wir werden demnächst mit einem Entwurf die Diskussion starten. Ob dieser dann heuer noch Gesetz wird, kann ich nicht sagen.


Viele Allgemeinmediziner – auch Rasinger – befürchten, dass die neuen Ärztezentren die Regel und Einzelordinationen die Ausnahme werden sollen. Ist das so?

Am System der Hausärzte wird nicht gerüttelt, ganz im Gegenteil. Sie brauchen wir wie einen Bissen Brot.

Steckbrief

2014
Seit 1. September des Vorjahrs ist die 1963 in Wien geborene Sabine Oberhauser (SPÖ) Gesundheitsministerin. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Töchter.


2009
Über Wunsch von ÖGB-Präsident Erich Foglar wurde Oberhauser, die auch Vorsitzende der ÖGB-Frauen war, seine Stellvertreterin im Gewerkschaftsbund.


2006
Nach der Nationalratswahl zog die Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde und Allgemeinmedizinerin für die SPÖ in den Nationalrat ein. Politisch groß geworden ist sie ab 1998 in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2015)