Wie Mazedonien die Flüchtlinge durchwinkt

In völlig überfüllten Zügen machen sich jeden Tag bis zu 2000 Flüchtlinge auf den Weg von Mazedonien nach Serbien. Von dort gelangen sie über Ungarn nach Österreich.(c) REUTERS (STOYAN NENOV)

Mazedonien ist zur schnellsten Etappe der Balkanroute geworden. Es hat die Grenzen für Flüchtlinge, die aus Griechenland kommen, geöffnet und lotst täglich bis zu 2000 nach Serbien.

Gevgelija. Die Mittagshitze flimmert über den mit Müll übersäten Gleisen in Gevgelija. Der Putz bröckelt von den Wänden des abgetakelten Bahnhofs in der mazedonischen Grenzstadt. In dessen Schatten machen hunderte erschöpfte Menschen eine Atempause vor der nächsten Etappe der sogenannten Balkanroute nach Mitteleuropa.

Wegen des Kriegs in seiner syrischen Heimat hat sich der 25-jährige Shiyar bereits vor zwei Jahren aus seiner Geburtsstadt Afrin auf den Weg in ein sicheres Leben gemacht: „In meiner Stadt gibt es nichts mehr, kein Leben, kein Brot, nur Waffen.“ In der Türkei versagten Arbeitgeber dem Flüchtling den Lohn. Und bei der 1000 Dollar teuren Überfahrt nach Griechenland kenterte das überfüllte Schlepperboot. „Überall ist Mafia, wohin du auch kommst, du musst bezahlen“, seufzt der Englischstudent.

Doch zumindest an Mazedoniens Grenze zu Griechenland werden die Flüchtlinge nicht mehr von Schleppern geschröpft. Drei Kilometer vom Bahnhof entfernt winkt ein schwitzender Grenzer die Flüchtlinge in Gruppen von 50 Menschen achtlos durchs staubige Niemandsland. „Früher war Mazedonien für Flüchtlinge die schlimmste, nun ist sie die leichteste Etappe“, berichtet in der Hauptstadt Skopje zufrieden Jasmin Redzepi, Mitbegründer der Hilfsorganisation Legis. Dies sei nicht zuletzt der Lobbyarbeit der Hilfsorganisationen zu verdanken: „Die meisten Flüchtlinge verbleiben mittlerweile keine zwölf Stunden mehr im Land.“

 

Geldgierige Schlepper

Tatsächlich galt die nur 180 Kilometer kurze Transitstrecke durch Mazedonien lang als einer der mühseligsten Abschnitte auf der Balkanroute. Nicht nur geldgierige Schlepper, Straßenräuber, prügelnde Polizisten und Lager, die eher Strafcamps als Hilfseinrichtungen glichen, machten die Passage zu einem riskanten Unternehmen. Bei ihren qualvollen Fußmärschen auf den Gleisen in Richtung zur serbischen Grenze wurden mehrmals Flüchtlinge von Zügen tödlich erfasst. Die rasch steigenden Flüchtlingszahlen zwangen schließlich die Regierung zum Handeln. Vor zwei Monaten kam sie der Forderung der Hilfsorganisationen nach einer Legalisierung des Status der Migranten nach: Kurz nachdem Ungarn die Errichtung eines Zauns an der Grenze zu Serbien zur Abschottung von den Flüchtlingen angekündigt hatte, verabschiedete Mazedoniens Parlament am 19. Juni ein Asylgesetz zur faktischen Öffnung der Grenzen. Statt zu Fuß über die Schienen zu stolpern, rumpeln die Flüchtlinge nun in Zügen durch das Land.

Sieben Euro haben die Reisenden für die Drei-Stunden-Fahrt nach Tabanovce unweit der serbischen Grenze zu berappen. „Hello my friend“ – in brüchigem Englisch bieten Straßenhändler in Gevgelija den ermatteten Wartenden Getränke, Telefonkarten und Strom zum Aufladen ihrer Handys an. Mehrsprachige Informationsplakate des Roten Kreuzes weisen den Flüchtlingen den Weg zum Schnelltransit – und zur Polizeistation.

In einer langen Reihe harren sie auf den Erhalt der Bestätigung, der ihnen als Asylsuchenden eine Frist von 72 Stunden setzt, um sich bei einer Asylbehörde zu melden – oder das Land zu verlassen. Rund 32.000 Bestätigungen sind laut Auskunft des Innenministeriums in den vergangenen beiden Monaten ausgestellt worden – im Durchschnitt 600 am Tag. Jasmin Redzepi schätzt die tatsächliche Zahl der Menschen, die in Gevgelija die täglich sechs Züge nach Norden besteigen, auf mindestens dreimal so viel – in den vergangenen Tagen kletterte deren Anzahl gar auf 2000 Menschen pro Tag: „Die Polizei kann den Andrang einfach nicht bewältigen.“

 

Mit dem Boot nach Griechenland

Die bisherigen Erfahrungen seien positiv, versichert Ivo Kotevski, Sprecher des Innenministeriums. In zwei Monaten sei es zu keinem Unfall gekommen, die Anzeigen wegen illegalen Menschenhandels auf „praktisch null“ gesunken: „Die Schlepper haben kein Business mehr.“ Kritik am gelockerten Grenzregime beeindruckt ihn kaum. Das Flüchtlingsproblem werde aus Griechenland und damit der EU nach Mazedonien importiert: „Es ist absurd zu fordern, dass wir die EU-Schengen-Grenze von außen schützen, wenn dies von innen nicht erfolgt.“
Erst knapp eine Woche ist der aufgeweckt wirkende Schüler Amir Amro aus Damaskus gemeinsam mit seinem Bruder, drei Vettern und deren Mutter unterwegs. Acht Stunden seien sie nach dem Ausfall des Motors in einem völlig überfüllten Schlepperboot von der Türkei nach Griechenland in der Ägäis getrieben: „Es war bitterkalt. Wir standen Todesängste aus.“ Wie seine Vettern und Brüder sei er aus Angst vor der Einberufung in die Armee aus Syrien geflüchtet, so der 17-Jährige.
Noch einmal füllen Mütter die Wasserflaschen auf. Mitarbeiter einer Hilfsorganisation teilen Nahrungspakete aus. Polizisten drängen die Wartenden vor der Einfahrt des Zuges von der Bahnsteigkante zurück. Was seine nächste Station sein werde, wisse er nicht, er hoffe nur, seine in der Türkei verbliebene Mutter und seine beiden Schwestern einmal in ein sicheres Land bringen zu können, sagt Shiyar. Angst hat er vor allem vor der Passage durch Ungarn: „Ich habe gehört, dass sie dort die Menschen schlagen.“
Amir und sein Vetter Wasem haben noch viele Fragen: „Werden wir in Deutschland studieren dürfen?“ Doch das Quietschen der Bremsen mahnt zum Aufbruch. Der Zug ist zu kurz, nicht jeder findet Platz. Kinder weinen, Männer fluchen und Fäuste fliegen. Hektisch drängen sich die Reisenden durch Fenster und Türen in die Waggons. Wenige Stunden später werden sie durch Felder und Wälder über die grüne Grenze nach Serbien stapfen. „Bete für uns, dass die Reise gut endet“, ruft beim Abschied Wasems Mutter.