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Salzburger Festspiele: Dido und die Kraft des Leisen

(c) Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus
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Purcells „Dido and Aeneas“, unter Thomas Hengelbrock mit Kate Lindsey und Johanna Wokalek: Szenisch nicht ganz gelungen, aber musikalisch intensiv.

„Der Mensch ist böse‘ / so sprachen noch alle Weisesten – / mir zum Troste“, dichtete Friedrich Nietzsche 1884 in dem Fragment „Die Bösen liebend“. Verbitterte Worte – spricht die Zauberin hier die Worte der verlassenen Dido, die sich in eine Hexe verwandelt hat und das Glück der anderen zerstören will? Johanna Wokalek schreitet rezitierend durch die Finsternis, hauchdünn und seiden legt sich irgendwann eine instrumentale Erinnerung an Cavallis Oper „Didone“ unter ihre Worte – aber wenn der erste Akkord von Purcells „Dido and Aeneas“ im Forte die Stille zerschneidet, ist das wie der Schockeffekt in einem Horrorfilm.

Schichtwechsel im Salzburger Opernprogramm: Die Serien der Neuproduktionen von „Le nozze di Figaro“ und „Fidelio“ gehen zu Ende, die Wiederaufnahmen von „Iphigénie en Tauride“ und „Rosenkavalier“ stehen unmittelbar bevor. Und trotzdem bleibt da auch noch Zeit, beinah zwischen Tür und Angel für eine einzige Vorstellung eine weitere Oper aufzuführen – in der Felsenreitschule, wo sonst nach Rihms „Eroberung von Mexico“ mittlerweile der nach aktuellem Salzburger Gusto zugerichtete „Mackie Messer“ umgeht. Purcells barockes Beziehungs- und Abschiedsdrama „Dido and Aeneas“ also: Das wunderbar eigentümliche, knappe Werk mit viel Chorbeteiligung bildet nicht zuletzt durch das herzzerreißende Lamento der Verlassenen einen Markstein in der Operngeschichte. Zunächst nur konzertant geplant, hat sich die vom Dirigenten Thomas Hengelbrock konzipierte und geleitete Aufführung schließlich zu einer halb szenischen, textlich und musikalisch erweiterten Lesart ausgewachsen, die nach 70 Minuten Jubelstürme ernten konnte: Kate Lindsey als ganz verinnerlichte Dido, Hengelbrock und die famosen Kräfte seines Balthasar-Neumann-Ensembles und -Chors standen dabei im Zentrum – aber auch Wokalek in der Rolle der Sorceress, die zudem Prolog und Epilog mit dem eingangs zitierten Nietzsche-Gedicht bestreitet.

 

Jede Steigerung führt ins noch Zartere

Man darf diese Aufpfropfung etwas überkandidelt finden. Aber es ist schon eine festspielwürdige Idee, dass heuer etliche Produktionen durch den Versuch verbunden sind, Schauspiel und Oper in eine neue Beziehung zu setzen, Sprecher und Sänger zu vermischen, das Verhältnis von Wort und verschiedenen Gesangsstilen zu beleuchten. Das begann mit Rihms Partitur zur „Eroberung“ (das Paar Montezuma/Cortéz spiegelt auch Dido und Aeneas), setzte sich in der bearbeiteten wie auch der originalen Version der „Dreigroschenoper“ fort – und fand in den gestrichenen Dialogen und gebärdensprachlichen Einschüben von Claus Guths „Fidelio“-Inszenierung gewissermaßen seine Antithese.

Wie These und Antithese – oder à la C. G. Jung: wie Persona und ihr archetypischer Schatten stehen einander in Hengelbrocks Sichtweise Karthagos Königin Dido und jene hier wesentlich aufgewertete Sorceress gegenüber, die im anspielungsreich-poetischen englischen Libretto von Nahum Tate die Wurzel allen Übels ist: Nicht vom Olymp ergeht der Mahnruf an Aeneas, die Geliebte zu verlassen und gen Italien aufzubrechen, sondern die böse Zauberin fingiert die göttliche Intervention, um Didos Unglück zu besiegeln.

Ein Unglück, das Kate Lindsay mit etwas verschattet-androgynem Klang, aber zugleich mit strömendem Legato und hoheitsvoller Intensität im Piano deutlich macht. Überhaupt ist es die Verinnerlichung, die am meisten bewegt, die Kraft des Leisen, die Hengelbrock zuletzt in völliger Finsternis beschwört: Jede Steigerung führt ins noch Zartere – und Chor wie Orchester sind ihm dabei die feinsinnigsten Mitstreiter. Benedict Nelson als Aeneas fällt stimmlich etwas ab, ist aber ein passend schwächlicher „Held“ inmitten guter weiterer Solisten. Wokalek stellt sich tapfer den gesanglichen Herausforderungen, die Purcell an die Sorceress stellt – eine Rolle, die oft auch von Männern und mit schaurig-greller Tongebung interpretiert wird. Nun, sie ist musikalisch, kann aber nicht singen – oder sie singt passabel, hat aber keine Stimme: Beides ist weder falsch noch ganz richtig. Genau wie die Verbitterung der Verlassenen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2015)