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„Er kannte jede Säule, jeden Stein“

(c) REUTERS (NOUR FOURAT)

Der vom IS ermordete ehemalige Chef-Archäologe in Palmyra arbeitete jahrzehntelang mit dem deutschen Archäologen Andreas Schmidt-Colinet zusammen: Dieser erzählte der „Presse“ vom „Grandseigneur“ der Wüstenstadt.

„Sie haben Khaled Asaads Leiche an eine Säule gehängt, die er selbst wieder hat aufbauen lassen! Ein japanischer Kollege, der gerade in Palmyra ist, hat es gesehen und mir vorhin gemailt.“ Den Archäologen Andreas Schmidt-Colinet hat die Nachricht von der Enthauptung des ehemaligen Antikendirektors von Palmyra in Wien ereilt – wo der Deutsche viele Jahre lang gelehrt hat. Der 70-Jährige hat mit Asaad einen jahrzehntelangen Helfer und Partner verloren. „Asaad hat uns allen Tür und Tor geöffnet“, sagt er. „Niemand kannte Palmyra wie er, jede Säule war ihm vertraut, jeder Stein in der Wüste. Solche Leute sind von unschätzbarem Wert, ohne ihn wären unsere Forschungen gar nicht möglich gewesen.“

Fast ein halbes Jahrhundert war Asaad Chef-Archäologe in Palmyra, bevor er vor einigen Jahren von seinem Sohn abgelöst wurde. Der Abkömmling einer mächtigen Beduinenfamilie weigerte sich zuletzt beharrlich, die Stadt zu verlassen, sorgte dafür, dass viele archäologische Schätze aus Palmyra rechtzeitig in Sicherheit gebracht wurden. Er selbst wurde vom IS gefangen genommen, gefoltert – und nun mit 82 Jahren enthauptet. „Er konnte auch gar nicht so einfach abhauen“, meint Schmidt-Colinet. „Er war Clanchef, ihm unterstand ein Viertel des Orts.“

Ende Mai 2015 hat der sogenannte Islamische Staat (IS) Palmyra erobert. Er kontrolliert große Teile Syriens und des Irak. In Syrien kämpft er sowohl gegen das Regime als auch gegen die anderen Rebellenbrigaden, die Präsident Bashar al-Assad stürzen wollen. Im Norden des Landes ist er in schwere Gefechte mit kurdischen Einheiten verwickelt.

 

„Er hatte unglaubliche Kontakte“

Der deutsche Archäologe Schmidt-Colinet forscht seit 1980 in der syrischen Oasenstadt Palmyra; nur die Polen seien schon länger dort, sagt er. „Meine Kinder und die Asaads haben miteinander gespielt. Ich habe auch einiges mit ihm gemeinsam publiziert.“ Asaad habe zwar studiert, aber nicht klassische Archäologie. „Von ihr wusste er vielleicht nicht so viel wie wir, auch wenn er sich sehr interessiert und wahnsinnig viel gelesen hat; dafür hat er die ganze Infrastruktur gemanagt. Er hatte unglaubliche Kontakte, kannte jeden Beduinen und hat auch ethnologisch geforscht, wusste ganz genau, wer mit wem wie verwandt ist.“ Und er habe den Forschern Sicherheit geboten. „Als es in den 1980er-Jahren in Syrien Unruhen gab, sagte die deutsche Botschaft: ,Wenn es wirklich kracht, evakuieren wir unsere Botschaft nach Palmyra – die Beduinen beschützen uns vor allem‘“, sagt Schmidt-Colinet.

Natürlich war diese Schirmherrschaft nur durch ausgedehnte Beziehungen möglich. Asaad war Mitglied der regierenden Baath-Partei, sonst hätte er diesen Posten auch nie bekommen. „Ein glühender Parteianhänger war er aber nicht, verhohlen hat er immer wieder Witze über die Partei gemacht, zum Beispiel wenn wir allein durch die Wüste gezogen sind.“ Schmidt-Colinet beschreibt den Verstorbenen als aufgeschlossenen Grandseigneur, zugleich aber auch als Autokraten. „Er hatte seine herrischen Seiten, und viele waren nicht gut auf ihn zu sprechen. Aber ich habe mich mit der Zeit in die Struktur dieser halbbeduinösen Gesellschaft eingefühlt. Als Scheich kann man nicht mit allen per Du sein, das ist wie in einem Königreich. Was Asaad sagte, wurde gemacht, wenn nicht, konnte er auch sehr zornig werden.“ Zornig wird Schmidt-Colinet, wenn es um die zurückhaltende internationale Politik geht: „Das Treiben des IS ist erst der Anfang, es wird weitergehen und kommt direkt auf uns zu. Die stehen vor dem Stephansdom, die stehen vor der Wiener Oper. Sie wollen alle vernichten, die auf diesen Kulturen aufbauen.“

 

Zerstörte Kirchen, gesprengte Minarette

Der IS lehnt alles ab, was seiner engstirnigen Ideologie widerspricht. Seine Kämpfer zerstörten bereits zahlreiche antike Kunstschätze, wie etwa im irakischen Nimrud oder im Museum von Mossul. Sie verwüsten Kirchen und jesidische Heiligtümer. Und auch Moscheen sind vor der Raserei der IS-Eiferer nicht sicher. Im nordsyrischen Tel Marouf sprengten sie die Minarette einer Sufi-Moschee in die Luft. Nach der Einnahme Mossuls zerstörten sie das „Grabmal des Propheten Jonas“, eine wichtige Pilgerstätte für Tausende von Muslimen. Die auch in der muslimischen Welt weit verbreitete Heiligenverehrung wird vom IS als Götzendienst verurteilt. Er verbietet den Menschen in seinem Machtbereich sogar, an Feiertagen an den Gräbern der Verstorbenen zu beten.

Auch Khaled Asaad wurde vom IS vorgeworfen, Gotteslästerer und „Direktor von Palmyras Götzenbildern“ gewesen zu sein. Ein Vorwurf, der den renommierten Wissenschaftler das Leben kostete.