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Hernals: Der unscheinbare Bezirk

Die Schrammel-Brüder – auch sie stammen aus Hernals – haben auf dem Elterleinplatz mit dem Alszauberbrunnen ein Denkmal erhalten.
Die Schrammel-Brüder – auch sie stammen aus Hernals – haben auf dem Elterleinplatz mit dem Alszauberbrunnen ein Denkmal erhalten.Clemens Fabry / Die Presse
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Bezirksporträt. Hernals ist eine Vorstadt, wie sie im Buche steht. Eine, die von allem ein bisschen bietet. Eine, die wächst, deren (Nacht-)Leben aber dennoch schrumpft. Und eine, die einen Fußballklub mit Kultstatus beheimatet.

Wien. Hernals ist vieles, aber von allem nur ein bisschen. Wenn man so will, ist es das normale Wien. Nicht so laut und wild wie sein Nachbarbezirk Ottakring. Aber auch nicht so bürgerlich und elitär wie das ebenfalls angrenzende Währing. Hernals ist dazwischen, nicht nur geografisch. Hernals ist die Vorstadt, wie sie im Buche steht.

Wer hier wohnt, schätzt die Ruhe, die Gemütlichkeit und das Normale. Hier gibt es keine Hipster-Bars, in denen sich junge Männer mit Hornbrille und gepflegten Bärten und Frauen in skandinavischer Mode treffen. Natürlich wohnen auch die in Hernals. Sie sind aber die Ausnahme und nehmen, wie alle anderen auch, den 43er, um zu den angesagten Bars, Cafés und Clubs innerhalb des Gürtels zu gelangen. Viele Restaurants und Lokale gibt es in Hernals leider nicht (mehr). Der Hernalser Prototyp ist – neben dem Tschocherl, das vor allem im gürtelnahen Bereich vorherrscht – das Wirtshaus, das Beisl. Das Lercherl von Hernals ist ein schönes Beispiel dafür. Inhaber Rainer Schulz pflegt hier die traditionelle Küche und Gastlichkeit – und beklagt eine Verschiebung des Geschäftes. „Die Vorstadt hat sich dahingehend gewandelt, dass weniger los ist. Das Tagesgeschäft bleibt gleich, aber abends fahren alle in die Innenstadt.“ Hinzu komme, dass es in Hernals, anders als in Währing, keine schöne Einkaufsstraße gebe, die die Menschen zum Flanieren animiere. „Die Hernalser Hauptstraße war früher eine Einkaufsstraße, heute schaut sie teilweise aus wie Bukarest in den Siebzigern.“

Oben, am Berg, kennt man sich

Dieser Rückgang des Vorstadtlebens bedeutet aber nicht, dass die Menschen hier weniger werden, im Gegenteil. Bezirksvorsteherin Ilse Pfeffer (SPÖ) meint dazu: „Ich bin seit 13 Jahren Bezirksvorsteherin. Der Bezirk hat sich in den letzten fünf, sechs Jahren grundlegend gewandelt. Vor allem wächst er sehr stark.“ Im Jahr 2014 wurden in Hernals 54.422 Bewohner gezählt. In 20 Jahren sollen es rund 61.000 Menschen sein. Vor allem die Zahl der Kinder und Menschen über 60 Jahre soll den Prognosen nach steigen.

Pfeffer ist es wichtig, dass dieses Wachstum ohne Konflikte passiert. Eines ihrer Lieblingswörter scheint die Ausgewogenheit zu sein. Sie will die Alteingesessenen, die am Wienerwald-nahen Ende des Bezirks wohnen, nicht vergraulen. Denn das Wachstum spüre man nicht nur an den Immobilienpreisen, sondern auch an Verkehrsproblemen und den dadurch entstehenden Konflikten. Pfeffer spricht von den Gepflogenheiten, die die neu Zugezogenen am Heuberg und Schafberg noch nicht kennen. „Man muss sich eben anpassen. Dort oben ist es fast dörflich. Man legt Wert darauf, dass man sich kennt.“

Wer in Hernals wohnt, schätzt eben nicht nur die Normalität, sondern auch die vielen Grünflächen und die Nähe zum Wienerwald – und die gute Lage. Hernals ist schmal und lang. Die drei Stadtteile Hernals, Dornbach, Neuwaldegg ziehen sich vom Gürtel bis zum Wienerwald. Der stets gut gefüllte 43er, der eines Tages durch die U5 ersetzt werden soll, führt vom Schottentor zur Endstation Neuwaldegg, von der sich etwa das wunderschöne, aber aufgrund hoher Preise meist schlecht besuchte Neuwaldegger Bad erreichen lässt. Oder aber der Schwarzenbergpark.

Politisch rot, der Rest ist grün

Generell ist Hernals sehr grün. Nicht politisch, aber was die Flächen betrifft. Mehr als 50 Prozent des knapp 1140 Hektar großen Bezirks sind Grünflächen, rund drei Viertel davon wiederum Wald.

Politisch ist der Bezirk seit 1946 durchgehend in roter Hand. Nur 1945 bis 1946 wurde es von einem KPÖ-Bürgermeister verwaltet.

Was Hernals noch ausmacht? Ein bisschen Kultur mit dem Metropol und der Kulisse. Historische Bäder, wie das Jörgerbad, oder das jüngere Schafbergbad. Das Etablissement Gschwandner, in dem einst Wäschermädelbälle und Boxkämpfe veranstaltet wurden, steht schon wieder leer. Aus den ehrgeizigen Plänen der Inhaber, JP Immobilien, wurde nichts. Es hätte zu einem Kulturzentrum werden sollen, das nebenbei auch die Gegend aufwertet und belebt. Da die Stadt das Projekt zwar gutgeheißen hat, sich aber an der Sanierung nicht finanziell beteiligen wollte, steht das Gebäude leer. JP Immobilien will sich dazu nicht äußern.

Und noch eine Baustelle gibt es im Bezirk: den Wiener Sportklub, genau genommen das seit 1904 durchgehend bespielte Stadion, mit der sogenannten Friedhofstribüne. Der Plan für die zehn Millionen Euro teure Sanierung liegt bei der Stadt, der Fußballverein wartet auf eine Antwort. „Wenn nicht bald etwas passiert, können wir den Betrieb nicht weiter aufrechterhalten“, sagt Sportklub-Sprecher Marcel Ludwig. Gespielt werde so lange, bis „das erste Trum herunterfällt“. An Zuschauern mangelt es nicht. Der Sportklub hat – ähnlich wie St. Pauli in Hamburg – in Wien Kultcharakter. Auch das gibt es in Hernals.

 

Serie: Wiens Bezirke

Bis zur Wien-Wahl am 11. Oktober porträtiert die ''Presse'' nach und nach alle 23 Wiener Bezirke. Die bisherigen Porträts finden sie unter diepresse.com/bezirke


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2015)