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Globale Wirtschaftsflaute: Die Gelddrucker sind kläglich gescheitert

US-Notenbankchefin Janet Yellen und EZB-Boss Mario Draghi: Kein Zusammenhang zwischen Geldmengenausweitung und Wirtschaftswachstum nachweisbar.(c) Bloomberg (Bradly J. Boner)
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KolumneDie Konjunkturbelebungsrezepte der Zentralbanken – Nullzinsen und Geldschwemme – haben sich als weitgehend wirkungslos erwiesen, sagen selbst Notenbanker. Trotzdem werden wir noch einige Zeit damit leben.

Die Spin-Doctors der Regierungsparteien haben neulich die Parole „Rosa-Brillen auf!“ ausgegeben: Die wirtschaftliche Lage sei gar nicht so schlecht, wie vor allem in den Medien immer herumgesudert werde. Mit ein bisschen mehr Optimismus sei der Aufschwung geradezu nicht mehr aufzuhalten.

Als braver Staatsbürger probiert man das natürlich. Aber leider: Die Brille sitzt nicht so recht. Am letzten Freitag hat es etwa die Nachricht durch den Rosa-Filter geschafft, dass das BIP der Eurozone im zweiten Quartal um sagenhafte 0,3 Prozent gewachsen ist.

0,3 Prozent! Mit allerbestem Willen und dem leistungsstärksten Vergrößerungsglas erkennt man da kein Wachstum mehr. Denn ein bisschen muss man ja auch das Umfeld betrachten: Wir haben praktisch keine Zinsen mehr, die Rohstoffpreise sind so tief wie schon lange nicht und als „Sahnehäubchen“ pumpt die EZB im Rahmen ihres QE-Programms Monat für Monat 60 Mrd. frisch „gedruckte“ Euro ins System.

In diesem Umfeld müsste das BIP in einer relativ gesunden Wirtschaft geradezu durch die Decke gehen. Stattdessen schwächt sich selbst das Miniwachstum kontinuierlich ab. Da müssten eigentlich alle Alarmglocken läuten.

Als erstes müssen wir betrüblicherweise feststellen, dass die massive Marktmanipulation durch die Notenbank nicht wie gewünscht funktioniert. Denn die Kombination aus Zinsen drücken und Geldmenge aufblähen hatte ja das deklarierte Ziel, die Inflation auf den Zielwert von zwei Prozent zu bringen, die Kreditvergabe an die Wirtschaft massiv auszuweiten und solcherart für einen Wachstumsschub zu sorgen.

Das ist ganz eindeutig gescheitert. Und zwar nicht nur in der Eurozone, wie wir aus berufenem Mund erfahren: Steven D. Williamson, Vizepräsident der Federal Reserve of St. Louis, schreibt in einem vorgestern veröffentlichten Paper, die seit 2008 praktizierte Politik der US-Notenbank Fed (Zinsen auf null und massive Überschwemmung des Markts mit Liquidität, die EZB hat das nur kopiert) habe weder die Inflation in den angepeilten Zielbereich gebracht, noch die Wirtschaft stimuliert.

Und die „Forward Guidance“ der Fed (das ist die kryptisch formulierte „Erwartung“ der Notenbank über die künftige Geldpolitik) habe nichts anderes bewirkt, als Investoren konfus zu machen. Williamson: „Meines Wissens gibt es keine Arbeit, die eine Verbindung von Quantitative Easing mit den damit angestrebten Zielen der Fed – Inflation und reale Wirtschaftsaktivität – herstellt.“

Starker Tobak. Der US-Notenbanker sagt damit nichts anderes, als dass das globale Mittel der Wahl zur Bewältigung der Krise wirkungslos ist (aber trotzdem unangenehme Nebenwirkungen hervorrufen könnte). Es habe zwar als unmittelbares Kriseninstrument 2008 den Absturz der Weltwirtschaft in ein Dreißigerjahre-Szenario verhindert, als Dauermedikamentation sei es aber nicht geeignet.

Da manipuliert es nur die Märkte in einer Weise, die die Krise noch zusätzlich verstärken könnte. Am Beispiel der USA: Seit Beginn der Interventionen im Jahr 2009 ist das US-BIP um magere 7,9 Prozent gewachsen, der Aktienindex S&P 500 aber um 215 Prozent. Da wurden also mit Fed-Geld Aktienblasen in den USA, in China und wohl auch in Europa aufgepumpt, die derzeit schon beginnen, für Probleme zu sorgen.

Funktioniert hat QE übrigens nirgendwo: In Japan wird das Rezept seit dem Platzen der großen Immobilienblase in den Achtzigerjahren angewendet. Mit dem Ergebnis, dass die einstmals dynamischste Wirtschaft der Welt seit mehr als einem Vierteljahrhundert am Rand eines deflationären Stagnationsszenarios dahindümpelt.

Selbst bei den wildesten aller Gelddrucker zeigt sich keine Wirkung: In der Schweiz, die ihre Notenbank-Bilanzsumme seit 2006 versechsfacht hat (die Euro-Geldmenge ist seither „nur“ um das Zweieinhalbfache gestiegen), zeigen sich weder Inflation noch nennenswertes Wachstum. Der Vergleich hinkt zwar, weil die Schweizer die Geldmenge wegen des Franken-Drückens aufblasen mussten, also völlig andere Motive hatten. Aber wenn eine Medizin wirksam ist, müsste sie ja unabhängig von den Einnahmemotiven wirken.

Kurzum: Die Gelddrucker sind mit ihren massiven Manipulationen total gescheitert. Die globale Wirtschaftsflaute hat offenbar Ursachen, die sich mit bloßem Geldverschütten nicht beheben lassen.

Ökonomen machen auch kein Geheimnis daraus, was die Wirtschaft wirklich am Wachsen hindert. Beispielsweise ist das Finanzsystem noch immer nicht im Lot. Vor allem in Europa (aber auch in Japan) hat man es verabsäumt, nach der Bankenkrise ordentlich aufzuräumen. Zombie-Banken, die durchgefüttert werden müssen, statt sie, wie marktwirtschaftlich eigentlich vorgesehen, in den Konkurs zu schicken, sind so ziemlich das Wirtschaftshemmendste, das man sich vorstellen kann. Dazu kommt, dass (ebenfalls besonders stark in Europa und Japan) ein jahrzehntelanger Reformstau jede Wirtschaftsinitiative stark behindert.

Das zu beheben wäre aber politisch mühsam. Wir können also davon ausgehen, dass man es noch einige Jahre mit Zinsmanipulation und Gelddrucken versuchen wird – obwohl deren Wirkungslosigkeit unterdessen erwiesen ist.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2015)