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Völker, hört die Signale: Agitation nach Noten

Die „Marseillaise“ sang man auch in Russland und Deutschland.
Die „Marseillaise“ sang man auch in Russland und Deutschland.Archiv
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Auch unter Melodien sind manche gleicher als gleich: Die „Internationale“ mag populär sein, die „Marseillaise“ ist es noch viel mehr. Wie Europas Nationen auch um Musik gerungen haben.

Das war sicher nicht beabsichtigt: Die Musiker des Salzburger „Jedermann“-Ensembles haben dem Obmann der FPÖ jüngst eine PR-taugliche Replik ermöglicht: Sie stimmten beim Einzug der Tischgesellschaft die „Internationale“ an – und H.-C. Strache konnte entgegnen, er habe die Melodie gar nicht erkannt. . .

Das war vielleicht nicht einmal ein Werbegag. Es gibt in der Geschichte der Agitationsmusik zündendere Lieder. Aber die Probleme, die der gescheiterte Salzburger Provokationsversuch aufwirft, liegen tiefer. Abgesehen davon, wie viel Blut ideell an beinah jedem offiziellen oder inoffiziellen Kampflied klebt – die „Internationale“ war immerhin bis 1943 offizielle sowjetische Hymne –, auch wer eine Melodie erkennt, hat oft verschiedenste Möglichkeiten, sie zuzuordnen. Joseph Haydns einst auf Franz II. gemünztes „Kaiserlied“ hat mannigfache Metamorphosen durchgemacht. Hierzulande bis heute habsburgisch konnotiert, ist es in Deutschland dank Hoffmann von Fallerslebens patriotischem Text mit nationalen Gefühlen behaftet und wurde auch im Dritten Reich bei offiziellen Anlässen gesungen.

Während man Haydns Melodie in Österreich nach 1918 mit Bann belegte, und sie nach 1945 lieber durch ein – nicht einmal von Mozart stammendes – Freimaurerlied ersetzte, um nicht falschen Assoziationen Tür und Tor zu öffnen, blieb sie als Hymne der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Man singt halt nur noch die dritte Strophe, aber die Melodie blieb gleich – wohl dank ihrer kompositorischen Qualität. Das ist ja eine der größten Kunstfertigkeiten: Musik zu erfinden, die wie ein Volkslied klingt. Oder wie ein unwiderstehliches Signal, wie es bei der französischen Hymne der Fall ist. 1792 als „Kriegslied der Rheinarmee“ entstanden, wurde die „Marseillaise“ zum tönenden Inbegriff der Revolution.

 

Verschiedene Nationen, ein Lied

Auch deutsche Freiheitskämpfer sangen die Melodie bald zu deutschen Texten und machten sie zum Lied ihrer Arbeiterbewegung. In Russland wurde sie zur Hymne des neuen Staates nach Absetzung des Zaren. 1917, wenn auch nur für ein paar Monate, war die Melodie für Franzosen und Russen ein Nationalheiligtum. Wie die des „Kaiserliedes“ für Österreicher und Deutsche, die, was musikalische Kuckuckseier betrifft, nie zimperlich waren. Immerhin war das „Heil dir im Siegerkranz“ die offizielle preußische Hymne und dann ab 1871 das Berliner Gegenstück zum Wiener „Kaiserlied“. Und niemand stieß sich daran, dass seit Jahr und Tag die Engländer ihr „God Save the King“ auf dieselbe Melodie sangen – und singen!

Zum Glück kam nie ein Komponist in die Verlegenheit, einen deutsch-britischen Krieg als symphonisches Schlachtengemälde schildern zu müssen. Sonst hätte eine „Multinationale“ mit sich selbst zu kämpfen gehabt, was selbst bei größter kontrapunktischer Kunstfertigkeit nicht zu sinnfälligen akustischen Zwistigkeiten geführt hätte.

Tschaikowsky hatte es leicht, eine Festouvertüre zur 70-Jahr-Feier des Siegs Russlands über Napoleon zu komponieren: Bei ihm gewinnt 1812 die (allerdings erst 1833 von Alexei Lwow komponierte) „Zarenhymne“ gegen die „Marseillaise“. Allerdings tut sie sich recht schwer. Musikalisch ist das schwerfällige „Gott schütze den Zaren“ einfach schwächer als das alerte „Kriegslied der Rheinarmee“, das in Frankreich seit Gründung der Dritten Republik, 1871, als offizielle Hymne fungierte.

Das war übrigens der Moment, da man in Deutschland auf sie verzichtete. Aus Nationalstolz suchten die deutschen Arbeiter nach neuer Musik zu ihren Texten. Es dauerte ein wenig, bis die „Internationale“ zum „Marseillaise“-Ersatz wurde: 1888 – noch vor der Gründung der Sozialistischen Internationale – vom belgischen Kapellmeister Pierre Degeyter verfasst, galt sie bald als weltumspannende Fanfare der Linken.

Und nur die ewigen deutsch-französischen Animositäten haben es ermöglicht, dass seine Melodie die Hitparade der Agitationsmusik überhaupt stürmen konnte. Der Ohrwurmfaktor der „Marseillaise“ ist doch entschieden größer. Da muss man gar nicht so indezent vorgehen wie im Film „Casablanca“: Das „allons enfants“ dechiffriert noch der unmusikalischste Zeitgenosse sogar in dezenter Verkleidung.

Diese Chance nutzte beispielsweise Robert Schumann, als er nach vergeblichem Versuch einer musikalischen Eroberung Wiens nach Deutschland zurückging. Zwecks seelischer Kur verfasste er einen „Faschingsschwank aus Wien“, in dem – wie in seinem „Carnaval“ oder in den „Davidsbündlertänzen“ – die E.T.A.-Hoffmann-Figuren seiner Albträume über das imaginäre Parkett schwirren. Und eh' man sich's versieht, stimmen sie die „Marseillaise“ an!

Zum Glück können Zensoren nicht Noten lesen. Sonst wäre der „Faschingsschwank“ in Bausch und Bogen verboten worden. So aber übte Schumann seine subtile Rache am biedermeierlichen Wien der Ära des Fürsten Metternich und schleuste aufrührerischen Geist nach Noten ein. Man schrieb das Jahr 1839 – zur Revolution war's noch fast ein Jahrzehnt des Wegs . . .

HYMNEN UND LIEDER

Die „Marseillaise“ schrieb Claude Joseph Rouget de Lisle am 26. April 1792 anlässlich der Kriegserklärung Frankreichs an Österreich in Straßburg.

,,Heil dir im Siegerkranz“ sang man in Preußen ab 1795 auf die Melodie des englischen „God Save the King“.

„Gott erhalte Franz den Kaiser“ wurde erstmals am 12. Februar 1797 im Burgtheater angestimmt. 1841 dichtete August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf die Melodie von Haydns Kaiserlied den Text des Deutschlandliedes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2015)